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Elvis Costello

17 Comments

Musik ist eine der am wenigsten geschützte Kunstgattung. In gefühlten Endlosschleifen werden wir den ganzen Tag über zugedudelt mit einem Geräuschebrei. Auch der musikalische Konsum wird immer konventioneller. Fatal ist zudem, dass die Radiosender mit dem Gesetz des Gleichen glauben zu punkten. Dabei wäre nur eine Frage zu stellen: ist mein Programm einzigartig? Doch die Sender stellen eine andere Frage: was will der Hörer? Die Repertoiretiefe im Hörfunk sinkt seit Jahren, weil die Hörer nur das hören wollen, was sie kennen.

Dem geht es entgegen zu treten und es gibt Nischen. Ein Künstler der trotz weniger Single-Hits und Radioeinsätze ein Weltreisender Star wurde, ist Elvis Costello, mit bürgerlichem Namen Declan Patrick MacManus. Wann immer eine neue Bestenliste erscheint, sein Name findet sich stets auf den vorderen Plätzen. Am 25. August wurde er 60 Jahre alt.

Als er seine jetzige zweite Ehefrau, die kanadische Pianistin Diana Krall, kennengelernt hatte, verarbeitete er die Trennung von seiner ersten Frau im Album „North“, dass bei der Deutschen Grammophon erschien. Ein klassisches Album mit Streichern und poetisch tiefen Texten. Als ich ihn auf der Bühne sah klang es keineswegs banal, wenn er dem Publikum sagte: ich bin verliebt und ein glücklicher Mensch. Er versprüht in seiner Musik und Texten Wortwitz, Tiefe, Kritik, Leidenschaft, Wut, Romantik und eine Haltung. An seinem Werk kann, ja man muss sich daran reiben. Doch ist es nie langweilig, oberflächlich oder kurzatmig!

In seiner fast 40-jährigen Karriere schrieb er jede Menge Songs, auch für andere Künstler, war Produzent u.a. für The Specials in England, durchlief eine Reihe von Verwandlungen und frequentierte angefangen beim Punk, Rock, Pop, den Big Band Jazz, Klassische Musik, Country, Soul und Blues aus New Orleans und zuletzt den amerikanischen Hip Hop. Er spielte mit Chet Baker „You Don´t Know What Love Is“, was Samt für die Seele ist, mit einem ganzen Jazz-Orchester und nahm gleich dazu ein Live-Album auf. Mit der Schwedischen Mezzosopranistin Anne-Sophie von Otter veröffentlichte er ein Album wie er auch mit den Streichern vom Brodsky Quartett ohne zusätzliche technische Hilfsmittel ein Live Album im Studio aufnahm. Dazwischen immer wieder Alben als Solokünstler oder mit seinen Begleitbands. Nie kopierte er sich, vermutlich zum Schrecken seiner Plattenfirmen. Besonders hervorzuheben ist die Zusammenarbeit mit dem legendären Songschreiber Burt Bacharach in „Painted From Memory“, wofür beide einen Grammy erhielten. Eine zeitlose zärtliche und melancholische Rückbesinnung auf die 60er Jahre.

Elvis Costello ist der musikalische Unternehmer der vielleicht deswegen unterwegs ist, um sich zu verlieren, um vertrautes hinter sich zu lassen um sich neuen musikalischen Abenteuern auszuliefern. Sein Werk ist so kompromisslos divergent und wirkt dennoch geschlossen, dass es einfach verführt darin einzutauchen. Seine so unterschiedlichen Projekte wurden am Anfang belächelt und kritisiert. Vielleicht fühlt er sich dem Satz von Schopenhauer nahe: „Eine neue Idee wird in der ersten Phase belächelt, in der zweiten Phase bekämpft, und in der dritten Phase waren alle schon immer begeistert von ihr.“

Sein letztes Album erschien 2013, eine Zusammenarbeit mit der amerikanischen Hip Hop Formation The Roots. Zu diesem Album sagte er, dass es sein letztes Album gewesen ist. Fortan möchte er sich um seine Familie kümmern und das eine oder andere Konzert spielen, so wie jetzt auf seiner Solo-Tournee quer durch die Welt. Solange, so Costello, ihn keine Geldsorgen plagen, wird es kein neues Album geben. 37 Alben hat er bisher veröffentlicht und ich glaube, es wird wieder ein neues Album von ihm geben, sein 38. Album.

Denn wie sagte er treffend: „Wer Talent hat, besitzt selten den Anstand, andere damit zu verschonen.“

Auf seiner Webseite kann man sich durch alle Album durchhören, einzelne Songs anklicken und auch seine Texte nachlesen.

Author: Stefan

Welcome to my personal microcosmos "Freiaum/Free Zone" in the most beautiful city of the world, in Hamburg. Just someone with a camera and a mission to record the extra and the ordinary. My hearts beats among other things for Photography, Culture and Art, Visual Art, Social Media, Communication, Storytelling, Music, Literature, Blog and Text.

17 thoughts on “Elvis Costello

  1. Einer meiner Lieblingsmusiker! Sein Talent und Einfallsreichtum ist unerschöpflich.
    Schön geschrieben, Stefan!

    • Dankeschön lieber Jürgen, für das Lob. Er ist einer der nie im Mainstream war und es dennoch geschafft hat, eine eigene Linie zu ziehen, mit Erfolg. Einer der ganz großen Musiker.
      Liebe Grüße
      Stefan

  2. Toller Artikel, lieber Stefan, und ein guter Start in den Tag, … mit einer Costello-CD.
    Liebe Grüße,
    dm

  3. Lieber Stefan, vielen Dank für den Tipp! Ich werde mich einmal etwas näher um ihn “kümmern”. Deine Ausführungen zu den Radiosendern finde ich sehr treffend, quasi als Ansatz für eine weiter gehende Kulturkritik!
    Herzliche Grüße
    Gerd

    • Gerne, lieber Gerd. Es lohnt sich. Vor 10 Jahren haben Willie Nelson, Elvis Costello und Diana Krall für das Album “Willie Nelson & Friends” zusammen “Crazy” gespielt.
      Danke für Dein Lob. Ich denke, es wird nicht meine letzte Kulturkritik bleiben!
      Herzliche Grüße
      Stefan

  4. Immer wieder toll, wer hier alles ausgegraben und präsentiert wird. Man hat ja soviele Erinnerungen und es ist sehr inspirierend, die eine oder andere davon hervorkramen zu dürfen und neu zu reflektieren bzw. sch wieder selbst bewußt zu machen. Ein herzliches Dankeschön! 🙂

    • Gern geschehen🙂 Ausgegraben ist vielleicht nicht so treffend, da Elvis Costello keiner von den vergessenen Künstlern ist, sondern im vollen Saft steht. Ich habe ihn schon mehrfach auf der Bühne gesehen und wurde trotz unterschiedliche Stile und Besetzungen nie enttäuscht.

      • Danke, Sie haben ja vollkommen recht. Meinte mit ausgegranre auch nur soviel wie verdientermaßen endlich mal wieder ins Bewußtsein gerückt! 🙂

  5. Immer öfter bleibt das Radio im Florallabor wegen Unerträglichkeit der empfangbaren Sender aus. So steht das alte Röhrenradio als Dekoration rum. Und ich schleppe immer mehr Silberlinge vom Haus am Ende des Weges zum Laden. Morgen früh kommt einer von Herrn Costello dazu. Danke für die Anregung, lieber Herr Haase. Freundlich grüßt Ihre Frau Knobloch.

    • Besten Dank verehrte Frau Knobloch und immer wieder gern schöpfe ich nach neuen Treibgut. Das Netz bietet zumindest Nischen im Alltagsbrei der lokalen Sender. Und auch hier steht das alte Röhrenradio als zugegeben schöne Dekoration herum. Costello ist eine feine Wahl den Tag zu begrüßen.

  6. Lieber Stefan….er macht ganz feine Musik…danke für die Erinnerung…
    und mit dem *bedudeln* lassen habe ich schon lange aufgehört…mein Fernseher war seit über zwei Jahren nicht an…Musik höre ich wenn ich mag von der CD….und wenn nicht – dann lausche ich dem Klang der Stille….hab einen schönen Tag….Manuela

    • Gern geschehen, liebe Manuela. Durch das Netz höre ich wieder Radio. Bestimmte Sender und Sendungen, also gezielt. Es gibt Nischen. Man muss sie nur finden. Der Klang der Stille ist zudem sehr schön.
      Hab’ einen schönen Abend
      Stefan

  7. Mein lieber Scholli bzw. mein lieber Stefan!
    Dein Artikel über Elvis Costello ist ein Volltreffer. Aber fangen wir ausnahmsweise beim Anfang an: Das, was Du im ersten Absatz Deines Artikels schreibst, stimmt leider nur allzu sehr – und ich habe schon lange aufgehört, ernsthaft Radio zu hören, ausser die paar Sender, auf denen es noch Nischen für anderes gibt, DLF und D Radio z.B.
    Aber lassen wir das, denn wie Du sagst, es gibt sie ja, die echten musikalischen Nischenbesetzer, und einer davon ist Elvis Costello. Der Mann begleitet mich nun seit den 70ern wie eine musikalische Wundertüte durch mein Leben, mal näher dran, mal weiter weg, aber immer irgendwie da. Grade war er weiter weg, aber da kommt nun Dein toller Artikel und damit steht der Mann und seine extrem vielfältige Musik gleich wieder vor mir (bzw. läuft in mein Ohr, Wise up Ghost, kannte ich noch gar nicht, danke).
    In den 70ern als Pub-Rocker stach er schon ziemlich heraus und wie Du es so schön beschreibst, er war und ist wirklich für alles offen und deshalb so spannend (spannender übrigens, zumindest für mich, als sein Jahrgangskollege Joe Jackson, weil der diesen furchtbaren Bitterernst aus jeder Note die er spielt oder spielen lässt und aus jeder Zeile, die er singt so penetrant wie zähflüssig raustropfen lässt). Diese Offenheit für alles Neue und Andere erinnert mich natürlich in diesem Moment an Susan Sontag, denn wenn man ‘musikalisch’ gegen ‘literarisch’ oder ‘kulturell’ austauschen würde, dann passen Deine Sätze

    Elvis Costello ist der musikalische Unternehmer der vielleicht deswegen unterwegs ist, um sich zu verlieren, um vertrautes hinter sich zu lassen um sich neuen musikalischen Abenteuern auszuliefern. Sein Werk ist so kompromisslos divergent und wirkt dennoch geschlossen, dass es einfach verführt darin einzutauchen.”

    auch ziemlich gut zu ihr.

    Danke für den wunderbaren Artikel und liebe Grüsse
    Kai

    • Hab’ bitte ganz herzlichen Dank Kai, für das schöne Kompliment. Du hast Recht wo Du Susan Sontag erwähnt hattest. Das würde passen.
      Joe Jackson war die König der Balladen. Doch er wollte vermutlich zu viel, schrieb u.a. eine klassische Sinfonie, ohne Erfolg, und ich glaube, er hatte für sich keine Motivation, kein Ziel mehr gehabt. Das Ergebnis kennen wir. Jeder Künstler hat seine Zeit, besonders seine Blütezeit. Dann heißt es wie bei Costello, nach neuen Wegen suchen. Ich mag Künstler die sich immer wieder, wie z.B: auch David Byrne (ex Talking Heads) neu ausprobieren und Grenzen überwinden, auch mal scheitern, aber im Beckettschen Sinne schöner scheitern und weiter machen. Und ich bin sicher, dass wir von Costello noch hören werden.
      Dank des Netzes höre ich heute mehr Radio als früher, da man mit einem Klick auch ausländische Sender hören kann. Für Deutschland empfehle ich Byte Fm, die hier in Hamburg sitzen. Ein reines Internetradio mit recht abwechslungsreiches Programm worin fast alle Musikstile vorkommen: http://www.byte.fm Und meine Kritik bezieht sich auch auf alle anderen Störgeräusche. Kaum ein Film der nicht permanent mit Musik daher kommt. Von der Werbung ganz zu schweigen. Programmhinweise im Fernsehen werden teils mit martialischer Musik untermalt. Wenn Du Fussball oder eine andere Sportart schaust, dann gibt es als Untermalung einen dramatischen Mix im Stile von Wagner und Rammstein zu hören usw. Dazu noch das Radio im Hintergrund und fertig ist der Geräuschebrei des Tages. Permanent werden wir zugedröhnt. Dem gilt es wirklich entgegen zu treten.
      Nochmals Danke für Dein Lob, über das ich mich sehr gefreut habe.
      Liebe Grüsse
      Stefan

  8. Klasse Artikel über einen besonderen Künstler, Stefan! Ich bin erst relativ spät auf ihn gestoßen, fand seine Version von “She” damals in dem Film “Notting Hill” Ende der 90er Jahre unheimlich schön. Danach habe ich nach und nach alles mögliche andere von ihm gehört – und empfand es wirklich als ein Eintauchen in sein Werk. Der Begriff ist absolut zutreffend.

    LG Michèle

    • Herzlichen Dank Michèle, für das schöne Lob. Mich begleitet er schon lange. Ich mag generell wenn Künstler nach neuen Wegen suchen und nicht versuchen sich zu kopieren, nur weil sie Erfolg haben. Und ich bin sicher von ihm wird man auch in Zukunft hören.
      Liebe Grüße und Dir einen schönen Tag
      Stefan