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Wer zahlt, schafft an

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Aus amerikanischen Arztserien weiß man, wenn der Defibrillator zum Einsatz kommt, wird es dramatisch. Von der Notaufnahme der letzten Saison, begann vor vier Monaten das Reha-Programm eines Fußballvereins, der seit Einführung, von 1919, immer in der höchsten Spielklasse spielte, der Hamburger SV.

Es ist der lange Weg zurück bei dem ein Wort oft genannt wird: Tradition. Dass Tradition zu einem langen Schatten werden kann, kann man im wahren Leben sehen. Nicht nur traditionsreiche Unternehmen kämpfen um zukünftige Ausrichtungen und Strategien. Im Sport spielt Tradition eine ebenso wichtige Rolle. Sie ist Bindeglied der Generationen, der Fans und Zuschauer zum Verein und der Protagonisten auf dem Spielfeld.

Was und wen hat der Hamburger SV nicht alles an Trainern verpflichtet? Es waren namhafte Männer dabei, sogar ein Vizeweltmeister aus den Niederlanden kam. Angekommen sind in Hamburg nur die wenigsten. Geblieben noch weniger. Gebracht haben sie alle nicht das was sich die wechselhaften Verantwortlichkeiten erhofft hatten.

Die Abfolge des Scheitern folgte einem festen Ritual. Die neuen Trainer wurden der Öffentlichkeit vorgestellt. Es fielen dabei Sätze des neuen Mannes, dass Hamburg eine wunderbare Stadt sei, der Verein zu den Top 5-Vereinen Deutschlands eigentlich gehört. Nach wenigen Wochen sagte der neue Trainer, dass die Mannschaft großes Potenzial hat und es nur Zeit braucht. Spätestens nach zwei bis drei Monaten nebelte der graue Fußballalltag den Trainer ein und Resignation machte sich breit. Der nicht mehr ganz neue Trainer durchschaute die hohlen und teils nicht vorhandenen Strukturen, spürte die externen und internen Spannungen und die negative Energie. Das ein Fisch zuerst am Kopf beginnt zu riechen wusste auch Armin Veh. In seiner kurzen Hospitanz besaß er als einziger Trainer den Mut öffentlich vom negativen äußerlichen Einfluss ins operative Geschäft zu sprechen. Nach diesem Affront und einer Niederlage musste er gehen. Das Magazin 11 Freunde hat ausgerechnet, dass der Hamburger SV für seine letzten 12 Trainer in einem Zeitraum von 10 Jahren knapp 12 Millionen Euro an Abfindung gezahlt hat und noch weiter zahlen wird.

Die wechselhafte Führung lebte viele Jahre in einem Paralleluniversum, zwischen blutarmer Realität und fantasievollem Anspruchsdenken. Wer sich selbst oft belügt, blendet die Realität aus und flüchtet sich in eine Scheinwelt. Die Verdrängungsmechanismen wirken. Das solche Szenarien nicht glücklich enden, mag niemanden überraschen.

Unter dem Diktat der Sparpolitik hat der Verein ebenso gelitten wie unter der Abwesenheit von fachlich versierten Führungsfiguren und einem bunt zusammengewürfelten Wunschkader diverser Trainer und Sportdirektoren. Als die Luft nur noch für eine Halbzeit reichte, dass jahrelange Minus in den Kassen drückte und der sportliche Erfolg ausblieb, kam ein Edelfan auf die Bühne. Kühn finanzierte er die triumphale Rückkehr seines Niederländischen Lieblingsspielers. Die Führung nahm die Millionen zwar ungern, doch der Not gehorchend, an. Der Edelfan blieb jedoch kein stummer Unterstützer. Sein Credo: Wer zahlt, schafft an. Er kritisierte öffentlich über sein bevorzugtes Presseorgan die Führung, den Trainer und den Sportdirektor. Schließlich fuhr der Verein, sportlich wie finanziell abgewirtschaftet, an die Wand. Sportlich wandte man noch einmal das schlimmste ab, den Abstieg. Es folgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und es wurde die gesamte Führung abgelöst. Dem Edelfan seine rechte Hand übernahm den Posten als Aufsichtsratsvorsitzender und als neuen Vorstandschef holte man einen Heimkehrer und mit ihm die letzte Hoffnung.

Die unberechenbare Stimme aus dem Off wird die neue Führung auf unbestimmte Zeit aushalten müssen. Der Schnitt, die gesamte Führungsebene samt Trainer und Assistenten auszutauschen, war die letzte noch verbliebene Maßnahme vor dem Kollaps. Die ersten personellen Schnitte und Neubesetzungen lassen zumindest aufhorchen. Jetzt braucht es Zeit und Geduld, ein Konzept, eine Strategie und Qualität im Kader. All das was der Hamburger SV in den letzten Jahrzehnten, abgesehen von einigen Ausschlägen, nicht hatte.

Author: Stefan

Welcome to my personal microcosmos "Freiaum/Free Zone" in the most beautiful city of the world, in Hamburg. Just someone with a camera and a mission to record the extra and the ordinary. My hearts beats among other things for Photography, Culture and Art, Visual Art, Social Media, Communication, Storytelling, Music, Literature, Blog and Text.

10 thoughts on “Wer zahlt, schafft an

  1. Stefan, du hast einfach das Zeug, eine Soziologie des Fußballs zu schreiben!

    • Ganz herzlichen Dank, Gerd, für Deine Worte und dem Lob. Und soweit ist ein Fußballverein von einem Unternehmen nicht entfernt. Da gibt es ebenso Parallelen.

  2. … es ist ein Drama. Der HSV war für mich, in Hamburg aufgewachsen, mal “mein” Verein. Mittlerweile traut man sich kaum noch, sich das selbst einzugestehen. Ein Trost bleibt mir – die Stadt hat in den letzten zwei Jahrzehnten hinzugewonnen.

    • Ja, wie wahr. Wie man aktuell sehen kann, wird es keine leichte Saison werden. Doch die Fehler der Vergangenheit lassen sich nicht mit einer neuen Führung in wenigen Monaten wegwischen. Es wird ein beschwerlicher Weg werden.
      Liebe Grüße nach Teneriffa
      Stefan

  3. Ich habe nicht viel Ahnung von der Bundesliga und von Fußball vielleicht noch weniger, aber so lange ich mich an Fußball erinnern kann war der HSV dabei – unvergessen sind das Duo Kaltz und Hrubesch (Bananenflanke und Betonkopf haben wir sie immer genannt). In der letzten Zeit habe ich viel über den HSV gelesen, aber so auf den Punkt hat das selten jemand beschrieben.

    • Herzlichen Dank für das Lob. Hrubesch, so hatte Günther Netzer mal erzählt, war ihm untergejubelt worden. Er hatte ihn vor der Verpflichtung gar nicht spielen sehen. Und als er ihn das erste Mal spielen sah, dachte er, dass wird ein Flop. Ein schöner Irrtum. Wir nannten ihn auch Kopfballungeheuer.
      Gruß
      Stefan

  4. Ob die Umwandlung in eine AG sein musste, wird sich wahrscheinlich erst nach einigen Jahren zeigen. Ein gewisses Unwohlsein bleibt erstmal. Aber an erster Stelle bin ich Fan.
    Die letzten beiden Spiele unter “magic Joe” machen jedenfalls Hoffnung und am Sonntag (an einem wunderschöner Spätsommertag) gibt es den ersten Heimsieg. Meet me at Nordkurve.

    • Die Umwandlung hätte man nur umgehen können, wenn der gesamt 11er AR samt Vorstand zurück getreten wäre . Und dazu waren vermutlich nicht alle bereit. Ein erfolgreicher Verein braucht in erster Linie Kompetenz auf allen Ebenen, kurze Entscheidungswege und auch das Rückgrat unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Unter der alten Führung gab es bis zu 16 Personen! die bei Spielertransfers oder Verkäufen beteiligt waren. Der Verein hat sich schon vor Jahren in eine Sackgasse hinein strukturiert. Dabei ging es weniger um den Verein als um die Zementierung von Macht und dem Erhalt des Einflusses. Da half am Ende nur die Reißleine zu ziehen.
      Die Entlassung von Slomka war in Ordnung. Und “Magic Joe” hat noch viele Baustellen. Ich denke, die Mannschaft, sie spielt erst seit 3 Spielen in dieser Aufstellung zusammen, braucht Zeit. Doch die Einstellung, die Präsenz auf dem Platz stimmt. Die Mannschaft will. Doch Fußball wird im Kopf entschieden. Und zu viele Niederlagen machen es nicht einfacher. Jetzt braucht es neben dem Erfolgserlebnis am Sonntag auch ein Spielsystem, was die Mannschaft auf dem Feld umsetzen kann. Damit werden dann auch die Laufwege, Passgenauigkeit, das verschieben in der Offen- wie Defensive besser. Am Ende dieser Saison laufen 12 Verträge aus und dann kann innerhalb von 12 Monaten der nötige Cut auch in der Mannschaft erfolgen. Erst dann, mit möglichst positiver Perspektive, kann die neue Führung nach weiteren finanziellen Unterstützern suchen. Ich bin gespannt. Viel Spaß am Sonntag, auf einen hoffentlich ersten Heimsieg.
      Stefan

      • Am Sonntag hat es ja leider nicht geklappt, obwohl wir über weite Strecken die bessere Mannschaft hatten.Wie Du schon angemerkt hast: auch die Feinabstimmung stimmt noch nicht. Da gibt es in der Tat noch einiges zu tun. Viel problematischer erscheint mir die fehlende Kreativität. Ohne Badelj fehlt auf der 6er Position (unglaublich, aber wahr) Spielwitz und LH kann das Spiel leider noch nicht über 90 Minuten gestalten. Bitte nicht falsch verstehen: Behrami ist als defensiver 6er eine tolle Verstärkung. Wir wissen ja beide, wer da in der Vergangheit so alles gespielt hat.
        Aber eigentlich mache ich mir keine Sorgen, da wir eine bessere Mannschaft haben, als in der letzten Saison. Spätestens nach der Winterpause kommt der HSV da unten raus.
        Die Problematik bei der Struktur war/ ist mir bekannt. Seit der Ära Hoffmann ist da der Wurm drin. Aber ob Gernandt als AV der richtige Mann ist, muss sich noch herausstellen.

      • Was mich positiv stimmt sind die Personalien. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit sitzen an den entscheidenden Stellen Kompetente Menschen. Mit Peters, Knäbel, Beiersdorfer und dem Trainer kann ein gutes Quartett daraus erwachsen. Da 12 Verträge Ende der Saison auslaufen, musste Beiersdorfer reagieren und die vermeintlich vakanten Stellen jetzt schon doppelt besetzen. Alle Neuzugänge werden dem HSV langfristig helfen, da sie nicht die Vorbereitung mitmachen konnten. Auch hier war ich nach Jahren positiv überrascht, da die Spieler gut ausgesucht worden sind. Der HSV baut ein neues Haus und das braucht Zeit und Geduld. Spätestens mit Beginn der nächsten Saison wird dann der nötige Schnitt in der Mannschaft erfolgen.
        Badelj gehörte zu den vielen Spielern mit Talent, die in Hamburg nie richtig angekommen sind. Sein Talent blitzte mal auf. Aber für einen Spieler seiner Klasse war das einfach zu wenig. Ich glaube, er war, wie viele andere auch, nur frustriert.
        Der große Unterschied zur Katastrophensaison ist, dass die Mannschaft wieder lebt. Da wird wieder auf dem Platz kommuniziert und gekämpft. Das es noch nicht läuft liegt daran, dass diese Spieler so um die 3 Spiele gemeinsam gemacht haben. Da fehlt es hinten wie vorne an Abstimmung. Magic Joe muss schnell eine stabile Abwehr aufstellen, weniger hinten rotieren und der Mannschaft ein Spielsystem an die Hand geben, was sie auf dem Platz umsetzen kann. Das ist die Basis. Daraus resultiert auch die noch fehlende Kreativität die sich dann automatisch ergeben wird, wenn die Mannschaft sicher steht. Das schafft ebenso Selbstbewusstsein, auch den einen oder anderen Pass zu spielen. LH kam auf den letzten Drücker, hatte keine Vorbereitung und wird die Hinrunde brauchen. Langfristig wird er der Mannschaft helfen. Die Führung reagiert momentan gut und wartet ab. Die Art wie der Trainer agiert, gefällt mir. Doch alle Motivationsansprachen helfen irgendwann nicht mehr, wenn man verliert. Da muss es aus der Mannschaft heraus kommen, dass sich z.B. Spieler zusammen setzen und ein neuer Spirit entsteht. So etwas kann man nicht von oben installieren. Man darf nur nicht verkrampfen. Es werden noch ganz andere Mannschaften nach unten durchgereicht werden.
        Schon vor Hofmann hat man den Schalter zum Niedergang umgelegt, indem man den Weg frei machte für Strukturen, die dem Verein nicht gut taten und man sich über einen langen Zeitraum in die Sackgasse hinein struktruriert hatte. Ohne Kühne´s Geld würde der HSV nicht mehr in der 1. Liga spielen. Gernandt scheint ein guter Organisator zu sein. Zudem ist er der verlängerte Arm von Kühne. Anders wäre es nicht möglich gewesen. Da muss man jetzt durch. Wenn die KPMG den Wert des Vereins berechnet hat, kann Beiersdorfer weitere Partner mit ins Boot nehmen. Ich denke, da gibt es Möglichkeiten. Aber erst zur nächsten Saison mit einem rundereuerten Kader und einer Spielphilosophie. Beirsdorfer, Knäbel, Peters werden genau überlegen, welche Signale sie von außen in die Mannschaft geben werden. Auch wenn man vermutlich in Dortmund nicht gewinnen wird, kommen danach zwei machbare Gegner, mit Hoffenheim und Hertha BSC. Ich lege mich mal fest: aus den kommenden drei Spielen wird es den ersten Sieg der Saison geben. Ziel muss es für den Moment sein die Linie, Platz 15, nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn man diese schwierige Phase überstehen wird, und die Mitglieder all dies nicht torpedieren, kann es Schritt für Schritt weiter gehen.