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Bremer Luft und Dortmunder Brötchen

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Früher war nicht alles besser, dennoch manches anders. Als es vor vielen Jahren in Bremen sportlich nicht rund lief, ein möglicher Abstieg aus der 1. Bundesliga möglich war, wurde der legendäre Präsident Franz Böhmert von einem Reporter angesprochen, wie lange er am Trainer Otto Rehhagel, angesichts der Situation noch festhalten werde. Böhmert blieb ruhig und erwiderte, dass es keine Diskussion über den Trainer im Verein gibt und fügte hinzu, dass man auch mit Otto Rehhagel absteigen würde…um dann wieder aufzusteigen. Danach verstummten alle Diskussionen. Werder Bremen stieg nicht ab. Seit dieser Zeit galt die Bremer Luft als besonders. Man setzte auf Ruhe und Kontinuität und viele Jahre hielt dieser Mythos an. Dem Verein sei aktuell der Blick nach Hamburg empfohlen, um zu sehen, wie man einen Traditionsverein erfolgreich herunter wirtschaftet. Die schlechte Nachricht für die Bremer ist, dass die Talsohle noch nicht durchschritten wurde. Wer seinen bisherigen Trainer Dutt hektisch opfert, sollte sich an die Worte und Geste von Franz Böhmert erinnern. Den Verantwortlichen aller Vereine sei ins Stammbuch geschrieben, dass antizyklisches Denken und Handeln abseits von dem was die Medien und Fans fordern, oft mehr einbringt, als in Hektik zu verfallen. Dem neuen Trainer von Werder Bremen darf man Fortune wünschen, aus einer mittelmäßigen Mannschaft zumindest ein Team zu bilden, dass auf dem Platz besteht. Es wird nicht einfach werden, was man ebenso in Hamburg sehen kann. Denn die grundsätzlichen strukturellen Probleme bleiben bestehen.

Als 2011 Jürgen Klopp mit Borussia Dortmund zum ersten Mal Deutscher Meister wurde, erzählte er launig, dass die Mannschaft wunderbar funktioniert. Wenn es mal Unstimmigkeiten gibt, setzen sich die Spieler zusammen, gehen Pizza essen oder ins Kino, so Klopp. Was dort besprochen wurde, wisse er nicht. Das junge mit vielen Talenten damals gespickte Team funktionierte als homogene Einheit. Zwei Meisterschaften und ein Pokalsieg waren die Folge. Doch jemand in München war davon weniger begeistert und schmiedete einen Plan. Niemand dürfe in Zukunft seinem Verein wieder weh tun. Ein Plan, wie man weiß, der aufgegangen ist. Aus dem ehemaligen Team von Talenten ist heute ein Team gespickt mit Stars geworden. Damit ändern sich automatisch Stimmungen. Bislang glänzte der BVB als erfolgreicher Gegenentwurf zu den Bayern. Doch auch in Dortmund schaute man mit Argusaugen nach München. In den letzten beiden Spielzeiten holten die Münchener jeweils den besten Spieler aus Dortmund an die Isar. Möglicherweise wird Ende dieser Saison wieder ein Dortmunder Star in Richtung München abziehen. Das zu kompensieren ist unmöglich. Der bisherige Saisonverlauf der Dortmunder lässt von außen viele Vermutungen zu. Was den Münchenern scheinbar spielerisch gelingt, ihr Pflichtenheft in der Bundesliga maschinell präzise abzuarbeiten, wird in Dortmund viel Luft produziert, jedoch keine positiven Resultate. Die Bundesligabrötchen in Dortmund sind merklich kleiner geworden. Jürgen Klopp gewann in den ersten Jahren im laufintensiven 4-2-3-1 System die Meisterschaften. An diesem System hat er, wie jeder großer Trainer, gefeilt um es zu variieren, zu verfeinern und neue Spieler in ein variables und intelligentes System zu integrieren. Ein System was es dem Trainer ermöglicht während des Spiels taktische Änderungen vorzunehmen. Anschauungsunterricht dafür gibt es derzeit z.B. in München und Mönchengladbach. Die Neuverpflichtungen in Dortmund wollen zwar, können jedoch noch nicht. Wie man sich als Neuzugang auf der Bank fühlt, wenn gleich drei ehemalige verletzte Spieler vorgezogen werden zu spielen, kann zu einer psychischen Last werden. Zum anderen klafft die Schere zwischen Champions-League und dem harten grauen Ligaalltag auseinander. Das hat damit zu tun, dass die Mannschaft sich zwar bemüht, jedoch ohne Leidenschaft und Effektivität spielt und mit den eigenen Stärken geschlagen wird. Talent, Veranlagung allein reichen nicht aus. Man muss es auch mit aller Entschiedenheit und Leidenschaft wollen. Mit Neugier darf man den Blick nach vorn richten. Am Dienstag geht es im DFB-Pokal nach Hamburg, ans Millerntor auf St. Pauli und am Wochenende reist man zu den Bayern. Es könnte eine mit entscheidende Woche für den weiteren Saisonverlauf werden.

Es bleibt spannend.

Author: Stefan

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15 thoughts on “Bremer Luft und Dortmunder Brötchen

  1. Zustimmung, obwohl ich direkt nach der Verpflichtung von Herrn Dutt gesagt habe, dass das nix wird. Hat man ja schon in Leverkusen gesehen. Dicke Lippe, heiße Luft, mehr nicht.
    Sonst stimme ich wie gesagt vorbehaltlos zu.

  2. Irgendwann einmal Jahrgangsbester gewesen zu sein, führt nicht zwangsläufig dazu, auch ein guter Trainer zu werden. Das hat sich hier in Leverkusen gezeigt und nun erneut in Bremen. Qualität des Bremer Kaders hin oder her. Freiburg oder Liga 2, mehr kann der Mann allem Anschein nach einfach nicht. Aber was soll es: es wird ihm finanziell nicht geschadet haben. Und zur Not findet sich sicherlich wieder ein Pöstchen beim DFB😉

    Was die Lüdenscheider betrifft, ist mein Tag aktuell nicht lang genug, mich angemessen darüber zu freuen, was dort gerade abläuft.
    Ich hätte nicht gedacht, daß zu einer solchen Schadenfreude überhaupt fähig bin, zumal ich normalerweise eigentlich immer nur den Ziegenclub von der anderen Rheinseite mit derartiger Häme überschüttet habe. Die sind mir aber mittlerweile so was von egal bzw. ringt es mir – und das ich so etwas jemals sagen würde, ist eigentlich schon unfassbar:mrgreen: – sogar ein wenig Respekt ab, was Schmadtke und Ströger dort inzwischen auf die Beine gestellt haben und auch in der Führung des Karnelvalvereins scheinbar Ruhe eingekehrt ist.

    Aber diesen Selbstdarstellern Watzke und zuallererst dem wohl schlechtesten Verlierer im Trainergeschäft, Klopp, gönne ich es so dermaßen und ich wünsche mir, daß die das Ding diese Saison mal so richtig vor die Wand fahren. Allerdings dürfte das mit diesem Kader kaum möglich sein und sie werden wohl leider bzw. ganz sicher noch die Kurve bekommen😀😉

    Gruß
    Stefan

    • Ich hatte mich gefragt, wieso lässt jemand einen gut dotierten und sicheren Job beim DFB sausen und geht nach Bremen. Da hätte er sich nur den Kader und den Etat anschauen müssen. Ob der DFB ihn wieder zurück nehmen wird, möchte ich bezweifeln. Wer zweimal floppt, macht sich am Markt nicht begehrlicher. Für Bremen wird sich durch den Trainerwechsel nicht viel ändern und es wird schwer werden die Klasse zu halten.
      Immerhin liegt Hamburg nur 1 Punkt hinter den Dortmundern zurück😉 Ich denke auch, bei der Qualität im Kader werden sie zwar langsam aber dennoch die Kurve bekommen.
      Hab’ einen entspannten Sonntag
      Stefan

  3. Das ist alles nichts gegen das Chaos bei 1860…. :-(((((
    Eigentlich brauch ich ja schon alle Daumen für die Löwen, aber ich drück sie trotzdem noch mit für Werder und den BVB😉
    Viele Grüße, schönen Sonntag noch,
    Gerhard

    • Ich lese aus der Entfernung etwas mit. Das sieht für den Moment nicht gut aus. Die tieferen Hintergründe sind mir nicht bekannt. Im Moment sind viele Traditionsvereine im Strudel der Krise. Ich drücke die Daumen mit🙂
      Hab’ einen entspannten Sonntag
      Stefan

      • Ging mit dem Allianz-Arena-/FCB-Deal los (völlig unpassend für 60, für den FCB der Bringer schlechthin), seit Diktator Wildmoser weg ist, gibt es Grabenkämpfe und es regiert der blanke Fußball-Unverstand. Ist irgendwie wie Jugoslawien, nachdem Tito weg war, ist die Nummer implodiert. Der Verein ist hochverschuldet, hat sich mit dem Jordanier Ismaik einen Investor angelacht, der nur die nötigsten Löcher stopft (wozu ?) und zudem wird der Kader sukzessive jedes Jahr qualitativ ausgedünnt, die Quittung wird jetzt präsentiert. Mich würde ein Abstieg nicht weiter wundern. Dir auch einen schönen Sonntag, viele Grüße,
        Gerhard

      • Danke für die Information, Gerhard. Den Stadion-Deal hatte ich noch verfolgt. Manchmal kann ein Abstieg helfen, dass sich der Verein komplett neu aufstellt. Schade nur, dass es immer wieder die gleichen Prozesse sind, wie man einen Verein herunter wirtschaftet und an die Wand fährt.
        Gruß
        Stefan

  4. Gottseidank, wird’s niemals nie nich nich langweilig in der Liga (mal abgesehen von Bayern München) … Hey, das ist das Spektakel, was viele Menschen wach und am Atmen hält … 🙂

  5. Lieber Stefan,
    Wieder muss ich dir in vielerlei Hinsicht Recht geben. Es sieht so aus, als würde in Zukunft der interessante Fußball nur noch jenseits der Bayern gespielt. Das Monopolgebaren interessiert so langsam keinen mehr. Zerstörung der Konkurrenz hat wenig Attraktivität. Die Mühen in der Ebene, unter denen momentan viele Traditionsvereine leiden, birgt die einzige Chance, das Metier interessant zu gestalten. Wie du sagst, es bleibt spannend.
    Gerd

    • Danke, lieber Gerd. Auch die 50+1 Regel wird immer mehr aufgeweicht, siehe u.a. Hoffenheim, die Werksklubs, Leipzig. Nimm als Beispiel Marco Reus mit seiner Ausstiegsklausel von 25 Millionen Euro. Wie viele Vereine könnten ihn verpflichten? Ablösesumme, Handgeld plus ein Vertrag über vier Jahre macht so ca. 60 Millionen Euro an Budget. Da tun sich mittlerweile tiefe Gräben auf und sie werden tiefer. Da muss zwangsläufig hoffen, dass es zumindest einen erfolgreichen Gegenentwurf gibt, der zeigt, dass es mit weniger Finanzkraft geht oder die Kommerzblase platzt eines Tages, weil auch Traditionsvereine in die sportliche Insolvenz gehen müssen.
      Ich denke, dass es diese Saison spannend werden wird, wer die Plätze 2-4 erreicht und im Abstiegskampf. Das zumindest bleibt spannend.
      Gruß
      Stefan

  6. Die Situation in Hamburg und vor allem auch in Bremen, bereitet mir große Sorge. Das Weserstadion geht Land unter, und immer kriegen Trainerstab und Spieler den schwarzen Peter untergeschoben, aber die Sportdirektion u. das Management ? Sie haben ihre Zeit vergeudet. Und dann gibt es Trainer wie Schaaf, oder einen Uwe Seeler, die ihre Meinung klar äußern und dann auch noch in die Kritik gezogen werden. Das Prinzip “Maulkorb” funktioniert nicht. Daher wundert es nicht, dass Magath zu Beginn des Jahres nicht als Retter zum HSV kam. Ich finde Dortmund hat derzeit kein Problem, jedenfalls nicht mit Jürgen Klopp, der nämlich` lässt sich nicht verbiegen. Momentan tun alle so, als würde die Saison bald enden. Was ich momentan sehr interessiert verfolge sind die Paderborner. Das ist unglaublich schön mit anzusehen! Ich mach es wie du lieber Stefan, … nach vorn blicken.

    Lieben Gruß,
    Tanja

    • Dankeschön, Tanja. Wie ein Traditionsverein an die Wand gefahren wird, folgt festen Mustern, wie man auch in Hamburg sehen kann. Erst wird der Trainer ausgetauscht, dann die Spieler, es folgt der Sport Manager und dann geht es an den Vorstand und Aufsichtsrat. Die meisten kleben an ihren Stühlen und haben vergessen, dass sie nur gewählte sind, die sich für den Verein engagieren sollten. Solange sich fest gefahrene Strukturen nicht ändern, ändert sich fast nichts. Man verwaltet das Elend. Drücken wir den Bremern und Hamburgern für den Norden die Daumen und schauen nach vorn.
      Lieben Gruß
      Stefan