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Mehr Demokratie wagen

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»Mehr Demokratie wagen« war der zentrale Satz von Willy Brandts Regierungserklärung, heute genau vor 45 Jahren, am 28. Oktober 1969, als erster Sozialdemokratischer Kanzler. Das ist mehr als ein Grund an diese bemerkenswerte Rede zu erinnern. Studentenunruhen, der schmutzige Vietnamkrieg, der Generationenkonflikt, es gab diverses Konfliktpotential. Es herrschte eine konservativ-reaktionäre Grundstimmung. Das »Mehr Demokratie wagen« war 1969 mutig und ein Signal zum Aufbruch, u.a. weil Brandt gegen starke Widerstände ankämpfen musste. Er wollte keine neue Demokratie, sondern forderte alle Menschen auf mutiger, offener und als Ergänzung »Mehr Freiheit zu wagen«. Er erkannte die DDR als Staat an. Doch seine Motive waren ebenso national motiviert, mit dem Ziel das beide deutschen Staaten wiedervereint werden. Es gibt keine andere Regierungserklärung die bis heute nachwirkt, Journalisten wie Historiker und Politikergenerationen beschäftigt.

Auszüge aus der Rede:
…”Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun. Wir werden darauf hinwirken, daß nicht nur durch Anhörungen im Bundestag, sondern auch durch ständige Fühlungnahme mit den repräsentativen Gruppen unseres Volkes und durch eine umfassende Unterrichtung über die Regierungspolitik jeder Bürger die Möglichkeit erhält, an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken.

…Mitbestimmung, Mitverantwortung in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft wird eine bewegende Kraft der kommenden Jahre sein. Wir können nicht die perfekte Demokratie schaffen. Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr
Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert. Diese Regierung sucht das Gespräch, sie sucht kritische Partnerschaft mit allen, die Verantwortung tragen, sei es in den Kirchen, der Kunst, der Wissenschaft und der Wirtschaft oder in anderen Bereichen der Gesellschaft.

…20 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR müssen wir ein weiteres Auseinanderleben der deutschen Nation verhindern, also versuchen, über ein geregeltes Nebeneinander zu einem Miteinander zu kommen. Dies ist nicht nur ein deutsches Interesse, denn es hat seine Bedeutung auch für den Frieden in Europa und für das Ost-West-Verhältnis.

…Dauerhafte Sicherheit kann es in einer entwickelten Gesellschaft nur durch Veränderung geben. Das wird sich in den 70er Jahren noch deutlicher zeigen. Der permanente wirtschaftliche und soziale Wandel ist eine Herausforderung an uns alle. Er kann ohne die Initiative des einzelnen nicht gemeistert werden. Die Eigeninitiative braucht jedoch die Unterstützung der Politik. Wir dürfen keine Republik der verkümmerten Talente werden. Jeder muss seine Fähigkeiten entwickeln können. Die betroffenen Menschen dürfen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen werden.

…Die Bundesregierung wird sich von der Erkenntnis leiten lassen, daß der zentrale Auftrag des Grundgesetzes, allen Bürgern gleiche Chancen zu geben, noch nicht annähernd erfüllt wurde. Die Bildungsplanung muß entscheidend dazu beitragen, die soziale Demokratie zu verwirklichen.

…Unser nationales Interesse erlaubt es nicht, zwischen dem Westen und dem Osten zu stehen. Unser Land braucht die Zusammenarbeit und Abstimmung mit dem Westen und die Verständigung mit dem Osten. Aber auf diesem Hintergrund sage ich mit starker Betonung, daß das deutsche Volk Frieden braucht – den Frieden im vollen Sinne dieses Wortes – auch mit den Völkern der Sowjetunion und allen Völkern des europäischen Ostens.

…Die Regierung kann in der Demokratie nur erfolgreich wirken, wenn sie getragen wird vom demokratischen Engagement der Bürger. Wir haben so wenig Bedarf an blinder Zustimmung, wie unser Volk Bedarf hat an gespreizter Würde und hoheitsvoller Distanz. Wir suchen keine Bewunderer; wir brauchen Menschen, die kritisch mitdenken, mitentscheiden und mitverantworten. Das Selbstbewußtsein dieser Regierung wird sich als Toleranz zu erkennen geben. Sie wird daher auch jene Solidarität zu schätzen wissen, die sich in Kritik äußert. Wir sind keine Erwählten; wir sind Gewählte.”

Die gesamte Rede kann man hier nachlesen, click: Regierungserklärung vor dem Bundestag in Bonn, 28. Oktober 1969

In diesem Zusammenhang möchte ich für die Unterstützung bei der Willy Brandt Stiftung bedanken, besonders bei Frau Julia Hornig M.A. Auf den Seiten der Stiftung gibt es weitere Information über das Wirken von Willy Brandt.

Author: Stefan

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8 thoughts on “Mehr Demokratie wagen

  1. Der Herbert Ernst Karl – nun ja, in Symbolik war er ganz gut beraten und der Westen benötigte halt neue Absatzmärkte. Viel mehr sehe ich da nicht von einem, der nicht mal seinen eigenen Namen ehren wollte.

    • Dieses, mit Verlaub, ist ja nun ein ganz besonders schöner Kommentar. Mich erinnert das an die Leute, die den Willy Brandt in den 60er und 70ern, ja geistreicher Weise sogar noch bis in die 80er hinein als Verräter und Umpatrioten bezeichnet haben.
      Schade, dass es sowas immer noch gibt.
      Mit Verlaub!

      • Nee, das habe ich damit nicht sagen wollen, mit Verlaub. 🙂

        Indes, ein bißchen hinter die Fassaden gucken sollte schon noch gestattet sein.

        Sorry für das Mißverständnis. Versuche derlei künftig eleganter zu formulieren. 🙂

        Herzliche Grüße,
        Der Salva

  2. Willy wählen !! ;–))
    Viele Grüße,
    Gerhard

  3. Lieber Stefan, es war eine historische Rede, die wie alle ihrer Art auch Grenzen in der Praxis fand, aber ich bitte alle, die das sehr kritisch sehen, es doch mit dem zu vergleichen, was danach kam. In dieser Proportion war Brandt ein Gigant.
    Herzliche Grüße
    Gerd

  4. Lieber Stefan,
    ich bin auch der Meinung, dass das eine sehr wichtige Rede war – und ich hätte mir gewünscht, dass dieser Mensch länger die Möglichkeit gehabt hätte, das Land zu prägen, egal, wie kompliziert er persönlich war.
    Die Sentenz “Mitbestimmung, Mitverantwortung in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft wird eine bewegende Kraft der kommenden Jahre sein. Wir können nicht die perfekte Demokratie schaffen. Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr
    Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert.” hat er jedenfalls versucht, mit Leben zu füllen und für eine kleine Weile waren wir da auf keinem schlechten Weg. Inzwischen scheint es mir, sind wir da wieder auf dem Rückweg.
    Und auch noch: Was könnte aktueller sein als das Folgende: “Der permanente wirtschaftliche und soziale Wandel ist eine Herausforderung an uns alle. Er kann ohne die Initiative des einzelnen nicht gemeistert werden. Die Eigeninitiative braucht jedoch die Unterstützung der Politik.”
    In diesem Sinne danke für den Post und einen schönen Gruss
    Kai

    • Lieber Kai,
      danke für Deine Worte. Auch wenn es eine historische Rede ist, so lässt sich manches auch auf die heutige Zeit beziehen. Wie bereits Gerd Mersmann kommentierte, war es eine Rede die an die realen Grenzen stieß. Doch sieht man die Rede im Kontext der Geschichte und was sich daraus entwickelte, z.B. die neue Ost-Politik, ist sie bemerkens- und bedenkenswert.
      Behalten wir uns die Contenance.
      Hab’ einen schönen und entspannten Abend
      Stefan