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9. November 1989

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Ausgehend von den gefälschten Wahlen zur Volkskammer der DDR im Mai 1989 bis zu den ersten und einzigen offenen Wahlen zur Volkskammer im März 1990, war es eine historische Periode und Wende mit dramatischen Folgen. Der Osten und seine Geschichte bewegt auch 25 Jahre nach der Maueröffnung noch immer. Sei es, dass das deutsche Staatsoberhaupt verbal dazwischen grätscht und sich einen Linken Ministerpräsidenten nicht vorstellen möchte. Zudem wird der Begriff des Unrechtsstaates bis heute fast obsessiv diskutiert. Wie Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung schrieb, ist es eine gestrige Diskussion geführt von gestrigen Menschen.

Vor 25 Jahren erfüllte sich für viele Menschen etwas, was vorher in dieser Dimension und Eigendynamik nicht vorstellbar war. Eine friedliche Revolution ohne Schüsse. Die Waffe war das Wort. Dieser Tag war ebenso einem erodierten DDR-System geschuldet, und einer am Boden liegenden Wirtschaft ohne Perspektive. Da half auch der vorherige Putsch gegen das senile Politbüro nicht mehr. Moskau sprang den greisen Garden zudem nicht zur Seite, weil sie es nicht konnten. Spätestens wenige Monate später wäre die DDR wirtschaftlich nicht mehr handlungsfähig gewesen. Der 9. November 1989 kam dem zuvor. Die Bevölkerung demonstrierte für ihr Grundrecht auf Selbstbestimmung. Insgesamt war die Nacht vom 9. Auf den 10. November 1989 surreal. Durch einen Kommunikationsfehler in der Übermittlung einer Mitteilung gingen viele DDR-Bürger in dieser Nacht in den Westen und am Morgen danach wieder zur Arbeit. Es war der Anfang vom Ende der ehemaligen DDR.

Den Intellektuellen und Schriftstellern der damaligen DDR darf man dankbar sein. Was im Westen erst mit jahrzehntelanger Verspätung gelang, die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte des Dritten Reiches, vollzog sich in den ersten Jahren nach 1989 mit bemerkenswerten Publikationen u.a. von Christa Wolf, Günther de Bruyn, Wolfgang Hilbig, Heiner Müller. Sie machten vieles, zumindest in Ansätzen nachvollziehbar, erzählten vom Alltag, der Lebensatmosphäre z.B. in den späten Jahren jener DDR die bald zur ehemaligen wurde, machten die Stasi und ihre Methoden begreifbar. Noch bevor es das erste Museum gab, waren es Schriftsteller, die Geschichte fassbar machten.

In der Phase nach dem Mauerfall fanden kurze Zeit später die Gespräche am Runden Tisch statt. Das waren aus heutiger Sicht Gespräche die Geschichte geschrieben hatten. Vornehmlich dienten diese Runden den Fragen nach der Auflösung des Ministerium für Staatsschutz. Und doch waren diese Tischgespräche die brutalste offene Form von Diskussionen, wo sich die Regierenden den Bürgern erstmalig erklären mussten. Am Runden Tisch wurde auch die einzige demokratische Wahl zur Volkskammer im März 1990 beschlossen. Da sie parallel im Fernsehen übertragen wurden, konnte jeder an diesen Gesprächen teilnehmen.

Der Westen stand der Einheit ebenso nicht im Wege und hat sie nicht behindert. Denn die Einheit kam quasi, mit leiser Ansage, im Vorbeigehen, mit historischer Kraft. Da konnte man nur der Geschichte seinen sprichwörtlichen Lauf lassen.

“Es gibt ein neues deutsches ‘Wir’, das ist die Einheit der Verschiedenen,” sagte der Bundespräsident während der Einbürgerungsfeier anlässlich 65 Jahre Grundgesetz. Ein Satz der nachklingt. Auch wenn in der Präambel des Grundgesetzes der Zusatz nachträglich eingeführt wurde, dass die Einheit vollendet wurde, so kommt man nicht umhin, dass die Einheit noch lange nicht vollendet ist. Das zeigen u.a. die aktuellen Diskussionen.

Author: Stefan

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6 thoughts on “9. November 1989

    • Historisch🙂 Danke für den Link.

      • 😉 wenn man mal schaut welche BL Mannschaften noch aus den nicht mehr neuen Ländern kommen.., auch ein Ergebnis. Schöne Grüße vom Tabellenende!

      • Die Euphorie z.B. mit dem Beckenbauer-Ausspruch nach dem Gewinn der WM 1990 verpuffte schnell. Jetzt geht es den Traditionsmanschaften langsam an den Kragen. Und in Hamburg weiß man mittlerweile auch, wer keine Tore schießt, kann nicht gewinnen😉 Das wird ein harter Winter werden.
        Schöne aufbauende Grüße auch vom Tabellenende.
        Stefan

  1. Thank you for the most interesting and enlightening text.