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Falsch abgebogen

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Rücktritte sind meistens nicht freiwillig, oft intern forciert oder von der Öffentlichkeit, sprich den Medien, gefordert. Der Rücktritt von Armin Veh beim VFB Stuttgart ist jedoch überraschend, wenngleich couragiert, konsequent in der Logik des Handelns und dennoch ein Schritt, der Fragen aufwirft. Nicht nur in Stuttgart mangelt es an einer Vereinsphilosophie, wofür der Verein einsteht. Dafür holte man vorzugsweise diverse Trainer in den letzten Jahren, die “ihre eigene” Philosophie mitbringen mussten. Dabei vergessen besonders die Traditionsvereine, dass es die oberste Aufgabe ist, zuerst eine Philosophie zu entwickeln und vorzugeben und sich dementsprechend die Führungsmitarbeiter danach auszusuchen. Die Tragik manches Niederganges liegt einzig darin begründet. Der Weg daraus ist schwer und fordert viel Zeit, Arbeit, Muße und Rückschläge ein. Wenn man zudem bedenkt, dass ehemalige bekannte Stuttgarter Spieler in den Gremien sitzen, darf die sportliche Kompetenz auf allen Etagen in Frage gestellt werden.

Wenn die Qualität in der Mannschaft fehlt, kann sie nur über Teamspirit, körperliche Fitness, Kompaktheit und Motivation aufgebaut werden. Wenn trotzdem die sportlichen Erfolge ausbleiben, so gehört es zu den Zuständigkeiten und Pflichten eines Vorstandes sich hinter einen Trainer zu stellen und ihm den Rücken zu stärken, statt aktionistisch das Trainerpersonal auszutauschen. Auch wenn dies mehr ein Wunsch ist, so sind und bleiben Trainerwechsel nur ein kleines Stellrad um meist von anderen tiefer gehenden Problemen für den Moment abzulenken. Ob in Stuttgart oder in Bremen oder in Hamburg, die Baustellen auf dem Platz sind reparierbar, die Baustellen neben dem Platz sind der Fisch, der bekanntlich am Kopf zuerst anfängt zu riechen. Die aktuelle Situation in Stuttgart ist aktuell bedrohlicher als in der letzten Saison.

Das Nord-Derby zwischen Bremen und Hamburg am vergangenen Wochenende zeigte, wie es in den Niederungen der Liga zugeht. Nur solide zu spielen reicht dauerhaft im Abstiegskampf nicht. Der sportliche und wirtschaftliche Niedergang beider Nord-Clubs zeigt Parallelen. In Hamburg schreibt man im vierten Jahr in Folge ein Minus, in Bremen zum dritten Mal, was eine gefährliche Entwicklung ist. Während Bremen den Personaletat von einst 50 Millionen auf 30 Millionen Euro bereits reduziert hat, gönnte sich der HSV mittels finanzieller Unterstützung sogar eine Erhöhung des Etats von 40 auf ca. 50 Millionen Euro. Eine Anmerkung am Rande. Für 12 auslaufende Spielerverträge zum Saisonende hatte der HSV einst ca. 40 Millionen Euro ausgegeben, für Spieler, die nun ablösefrei den Verein verlassen können.

Beide Vereine vertrauen für den Moment auf ihre U23-Trainer, obwohl beide Trainer keine Erfahrung im Abstiegskampf haben. Beiden Vereinen fehlt nach wie vor eine Philosophie und sie scheinen in der Mittelmäßigkeit ihr Zuhause gefunden zu haben, zumindest für den Moment. Aus eigener Kraft, ohne finanzielles Engagement von außen, werden sie es nicht aus eigener Kraft schaffen konkurrenzfähig zu bleiben. Zu dicht ist mittlerweile das Mittelmaß besetzt. Und es kommen Mannschaften mit potenten Investoren wie Ingolstadt oder Leipzig aus der 2. Liga immer näher.

Zu sehr sind Traditionsvereine mit ihrer einst ruhmreichen Vergangenheit beschäftigt und verdrücken so manche Träne, wenn sie sich die reale Mittelmäßigkeit anschauen und in altbekannten Denkstrukturen verharren. 2007 wurde der VFB Stuttgart noch Deutscher Meister, unter Armin Veh. Vor fast sechs Jahren standen sich im Uefa-Pokal im Halbfinale der HSV und Werder Bremen gegenüber. Was beide Trainer im positiven eint, ist ihr realistischer Blick und ihre bescheidenden Ziele, von Spiel zu Spiel zu schauen.

Es bleibt spannend.

Author: Stefan

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7 thoughts on “Falsch abgebogen

  1. Lieber Stefan,
    es bleibt dein scharfer Blick, der wieder einmal den Kern der Sache trifft und zum Nachdenken anregt!
    Die Spannung bleibt!
    Gerd

    • Lieber Gerd, danke für Dein Lob. Zumindest wird der Abstiegskampf in dieser Saison spannend werden. Und was die Traditionsclubs betrifft, so darf man gerne in die 3. und 4. Liga schauen. Auch der Fußball verändert sich.
      Stefan

  2. Klasse Analyse,
    viele Grüße,
    Gerhard

  3. Ein Drama, ein Drama, ein Drama.
    Das Problem bekann mit der Meisterschaft 2007, danach der Ausverkauf, der Stadionumbau, die Beteiligung des Vereins am Stadion, kein Geld trotz erfolgreicher Verkäufe, ungeliebte Präsidenten, Selbstüberschätzung.
    Vor etwa 5 Jahren war ich zum Saisonauftakt vor Ort, Autogrammstunde, volles Programm. Und was hab ich gesehen? Lustlose Kicker, die lustlos Autogramme geben. Schon da hab ich gesagt: Au weia, die Einstellung stimmt nicht. Als Veh kam, war er der Heilsbringer, alles andere überstrahlend.
    Veh sagt nicht alles wenn er seine Gründe nennt, so ist meine Meinung. Jetzt wieder der Trainer weg, Verstärkungen sind nicht zu erwarten, die Rettung ist Pflicht, wenns klappt, ein großer Erfolg. Die Basis ist dann aber die gleiche. Alles hängt am Trainer, der Rest sitzt und schweigt.
    “Furchtlos und treu”, so das neue Motto des Vereins.
    Ich will es fortsetzen, als Wiederholung: … in den Untergang.
    Oder übersetzen: “naiv”.
    Mein Bauchgefühl sagt mir: so schlimm war es noch nie in den letzten 35 Jahren seit dem Aufstieg.
    Ziehen wir uns warm an.

    • Am Anfang der Saison war ich noch optimistisch, da es hauptsächlich individuelle Fehler einzelner Spieler waren, die zu Niederlagen führten. Mittlerweile glaube ich, dass es sehr schwierig werden wird die Klasse zu halten, da der Kader falsch zusammen gestellt wurde. Zudem ist die Dichte der unten stehenden Mannschaften groß. Nicht umsonst stehen mit Stuttgart, Bremen, Hamburg wieder die gleichen Mannschaften, wie in der letzten Saison, wieder unten. Und Mannschaften wie Köln, Paderborn, Freiburg, Hertha BSC sammeln hingegen Punkte. Die Verpflichtung von Stevens als Feuerwehrmann ist vermutlich die letzte Hoffnung. Eine Treppe wischt man von oben nach unten durch😉 Schon der Zeitpunkt der Entlassung von Bobic war schlecht gewählt. Und ob die Investoren jetzt Schlange stehen, darf ebenso bezweifelt werden. Denn wie Du richtig sagst, bleibt die Basis die gleiche.
      Ich drücke die Daumen.