Freiraum

Image, Text, Blog and View

High Noon

10 Comments

Vor 50 Jahren haben die Wissenschaftler Laurence Peter und Raymond Hull analysiert, warum Unternehmen auch nach Perioden des Erfolgs dennoch scheitern. Das “Peter-Prinzip” ließe sich wie eine Schablone auf den Fussball und seine Krisenvereine legen. Einer der bekannten Leitsätze der Wissenschaftler lautete damals: “In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.”

Es ist spannend zu beobachten wie Krisenmanager im Profifussball mit Misserfolgen und Krisen umgehen. Manche Funktionäre erreichen damit die letzte Stufe vom “Peter Prinzip”. Wie man mit einer sportlich wie auch wirtschaftlich herausfordernde Situation umgehen kann, zeigte in dieser Woche der Trainer von Borussia Dortmund, Jürgen Klopp, dem eloquenten, manchmal auch ironischen und scharfzüngigen Rhetoriker der Liga. Der BvB geht mit der Krise ruhig, strukturell und unverkrampft um, im Gegensatz zu anderen Vereinen. Jürgen Klopp sagte während der Woche u.a.: „Eine Mannschaft, die sich typischerweise im Abstiegskampf befindet, hat keinen fußballerischen Anspruch mehr“. Weiter sagte er: „Sie funktioniert ausschließlich über großen Kampf mit herausragender Einstellung. Im Abstiegskampf nutzt man nicht sieben Chancen, sondern die eine. Es geht nicht darum, das beste Spiel aller Zeiten zu machen, sondern erfolgreich zu sein.”

Mehr muss man über den Abstiegskampf nicht wissen. Außer dass es kein Kampf ist, sondern Angst ist. Angst ist kein guter Ratgeber, jedoch Moivation. Wenn Klopp locker vom Bauchgefühl spricht, so hängt dahinter ein strukturierter Plan. Das sollten Vereine wie z.B. der Hamburger SV sich ins Stammbuch schreiben, dass sie ihre fussballerischen Ansprüche auf null setzen und über Kampf und Einstellung, manche sprechen gern vom Charakter einer Mannschaft, beginnen ihre Spiele zu gestalten. Wer nach den Bayern, Dortmund, Leverkusen mit 30 Millionen Euro in neues Personal investiert, muss sich, siehe dem “Peter-Prinzip” daran messen lassen. Der Trainer von Hamburg, der sympathische Joe Zinnbauer, ist das bedauernswerte letzte Glied in dieser leidvollen Kette.

Wenn Trainer mit ihren Krisenvereinen der Not gehorchend auf den Nachwuchs setzen und beispielsweise aus der U23 (Unter 23 Jahren) Spieler zu den Profis hoch holen, sind es die letzten noch möglichen Maßnahmen, den Profis Beine zu machen und für Unruhe zu sorgen. Nachhaltig und erfolgreich sind diese Mittel dauerhaft nicht. Sie sind für den Moment wie eine entzündungshemmende Salbe für die Fans und Journalisten. Doch therapiert sie nicht die Symptome.

Was es braucht sind nach wie vor erfolgreiche Gegenentwürfe. Es ist bewundernswert, dass ein Verein wie Freiburg bereits in der 16. Saison in der Bundesliga spielt. Und das obwohl ihnen nach jeder Saison die besten Spieler abhanden kommen. Gleiches gilt auch für Vereine wie Mainz und aktuell besonders für Augsburg. Was diese Vereine verbindet, sind keine Nationalspieler oder ein reicher Sponsor, es sind die Trainer wie Finke/Streich in Freiburg, Tuchel/Klopp in Mainz und aktuell Weinzierl in Augsburg. In diesen Vereinen wurde auf Ruhe, Struktur und Kontinuität gesetzt. Etwas was anderen Traditionsvereinen scheinbar abgeht. Sie leben in und von der Vergangenheit. Man kann aus mittelmäßigen Mannschaften mittels Motivation und Trainerwechsel keine Klasse suggerieren, dennoch daraus ein Team formen, dass auf dem Platz besteht. Wer Krisen ebenso als Chance versteht, wird daraus gestärkt hervor gehen und darf im besten Beckett´schen Sinne “schöner scheitern” und sich an die Worte von Klopp erinnern.

Es bleiben schwierige Zeiten für Traditionsvereine…für den Moment…und sie werden leider nicht besser.

Author: Stefan

Welcome to my personal microcosmos "Freiaum/Free Zone" in the most beautiful city of the world, in Hamburg. Just someone with a camera and a mission to record the extra and the ordinary. My hearts beats among other things for Photography, Culture and Art, Visual Art, Social Media, Communication, Storytelling, Music, Literature, Blog and Text.

10 thoughts on “High Noon

  1. Lieber Stefan,
    Du hast natürlich Recht. Klopp trägt beim BVB insofern eine Mitschuld, als dass sein in den letzten Jahren so erfolgreiches System die eigenen Kinder in Sachen Substanz und Motivation gekostet hat. Die Art und Weise, wie der BVB oder genannte Vereine mit Krisensituationen umgehen ist vorbildhaft. Wenn ich da an Schalke denke wird mir ganz elend.
    Aber, wie sagte unser Freund Menotti so schön, es geht um Raum und Zeit, wie im Leben auch!
    Genieß den Sonntag
    Gerd

    • Lieber Gerd,
      ich glaube, dass Klopp und de BvB aus dieser Krise gelernt haben. Mir gefallen grundsätzlich Vereine die ruhig und strukturiert arbeiten. Bei Schalke teile ich Dein Leid. Solange man die Kernprobleme nicht löst, wird es wechselhaft bleiben. Bei Di Matteo bin ich gespannt, wie lange er bleibt, da er die Probleme von Keller übernommen hat. Angeblich lag Rafael Benitez ein unterschriftsreifer Vertrag vor, Tuchel und andere hatten vorher abgesagt und geblieben ist Di Matteo. Unser Freund Menotti hat natürlich Recht.
      Genieße Du bitte auch den Sonntag und 2. Advent
      Stefan

  2. Der größte Haudrauf der Trainer-Zunft, Werner Lorant, hat das Phänomen Abstiegskampf vor vielen Jahren mal sehr treffend auf den Punkt gebracht: “Wer Angst hat, verliert.”
    Zur Bedienung bei der eigenen U23: vielen dieser Krisenvereine bleibt zwecks finanzieller Restriktionen oft gar nichts anderes mehr übrig, als auf den eigenen Nachwuchs zurückzugreifen. Der BVB hat sich letztendlich auch nur durch diese Schiene vor einigen Jahren wieder aus der Krise befreien können.
    Einen schönen Sonntag wünscht Gerhard

    • Du hast natürlich Recht, dass mangels finanzieller Mittel man auf die U23 zurück greifen muss. Der Unterschied ist nur, welche Ansprüche der Verein hat. Dortmund hatte nach dem Absturz seiner Zeit ein Konzept und kein Geld. In Hamburg hat man eigentlich kein Geld, gibt es dennoch aus und kommt dennoch nicht voran. Darum gefallen mir auch Vereine wie Mainz, Freiburg, Augsburg, wie sie mit Krisen umgehen. Und diese Vereine sind trotz kleinerer Budgets Hamburg und anderen Vereinen weit voraus.
      Hab’ ebenso einen schönen und entspannten Sonntag
      Stefan

      • Du hast völlig Recht, ohne Konzept geht gar nix. Kenne ich ja von meinem Chaoten-Club, den Münchner Löwen, zur Genüge….
        Viele Grüße,
        Gerhard

      • Siehe auch der Hamburger SV wo manche immer noch von besseren (zurückliegenden) Zeiten träumen.
        Es bleibt zumindest in den Niederungen spannend.
        Herzliche Grüße
        Stefan

  3. Was wãre der Fussball ohne Krisen, Abstiege, er wäre “Bayern” und im Grunde langweilig.
    Die Emotionen, die wahre Freude kommt doch erst, wenn du von ganz unten der Pott bekommst, oder den Aufstieg, wie bei der Arminia in Intervallen.
    Fussball auf bayrischen Sitzplatz Niveau braucht kein Mensch genau so wenig wie die Bundeslaolas bei Länderspielen.
    Der Fussball lebt durch die Spannung vom Siegen und Verlieren.
    Das Problem mancher Verein ist, dass ein paar der handelnden Personen den “Rummenigge” machen wollen, Erfolg um jeden Preis.
    Aber eines muss ich auch den Bayern zugestehen, sie spielen schönen Fussball und dafür gehe ich ja auch ins Stadion und nicht in eine Kampfarena.

    • Da hast Du natürlich Recht. Die Bayern spielen in ihrer eigenen Liga und Vergleiche sind sinnlos. Dafür profitiert die Nationalmannschaft davon, weil die Bayern das Grundgerüst für den Erfolg seit Jahren stellen.
      In Hamburg werden glücklicherweise kleinere Brötchen gebacken mit dem Anspruch die 1. Liga zu halten. Dabei sollte man sich anschauen wie u.a. in Freiburg, Augsburg, Mainz gearbeitet wird. Und aus der 2. Liga rücken Werksclub wie Ingolstadt oder die Rasenballer aus Leipzig nach. Das wird für die Traditionsvereine immer schwieriger und es braucht den Gegenentwurf, kreative Konzepte mit realistischen Ansprüchen und weniger Träumereien.
      Für die Arminia läuft es für den Moment gut, wie ich gesehen habe. Schauen wir mal, wie sich der HSV heute schlagen wird.
      Hab’ einen schönen Sonntag
      Stefan

      • Das Konzept sollte sein,die Fans einzubinden, wieder mehr Stehplätze.
        Fussball lebt durch die Stimmung.
        Die kann auch in der Dritten gut sein. Den HSV hätte ein Abstieg gut getan, es trennt die Spreu vom Weizen.
        Schau dir Pauli an, man muss nicht in der ersten Liga spielen um Spass am Ballsport zu haben.

      • Das ist richtig. Ohne die Fans einzubinden geht es nicht. Es sei denn, man gibt ihnen zu viel Macht, wie in Hamburg, wo sie mit im 11er Aufsichtsrat saßen.
        Mit dem Abstieg kann es in Hamburg vielleicht in dieser Saison klappen. Und bei Pauli sieht es derzeit auch nicht gut aus. Vielleicht hilft tatsächlich ein kräftiges Scheitern, dass sich dauerhaft die Strukturen und Ansprüche ändern. Warten wir es ab. Zumindest bleibt der Abstieg und Aufstieg in allen 3 Ligen spannend.