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Halt die Presse

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Ein Luftschloss ist eine Vorstellung oder Plan von etwas das man sich ersehnt, wünscht oder erträumt, das aber bei vernünftiger Betrachtung nicht realistisch ist. Dennoch zerplatzten viele Ideen, selbst mit fundiertem Hintergrund, während manches Luftschloss in der Realität gebaut wurde.

1954 war das Gründungsdatum der Zeitschrift “Brigitte”. Und mit 60 Jahren ist “Brigitte” krank geworden und mit ihr auch das Verlagshaus an den Landungsbrücken. An der U-Bahnstation Baumwall liegt (noch) die Heimat von “Brigitte” und anderen Publikationen. Als die Zeitschrift gegründet wurde, hatten die Macher(innen) noch eine Vision die von der Verlagsleitung viele Jahrzehnte weiter getragen wurde. “Brigitte” wurde zu einer Marke.

Wo früher Patriarchen saßen, sitzen heute CEO´s und CFO´s und ihre Rotstiftarmee der Controller und Change Manager. Gerd Bucerius, der legendäre Verleger, besaß einst Anteile am Magazin “Stern”, mit denen er die Verluste seiner “Die Zeit” ausglich. Heute wäre so etwas vermutlich undenkbar. Umso realer sind die Sparprogramme, die finanzielle Konsolidierung, was bedeutet, zuerst am Personal zu sparen, und im Fall u.a. der “Brigitte” und anderen die Textredakteure einzusparen. Die Phase der Konsolidierung wird so lange fortgeführt, bis zu dem Punkt, wo eine einstmals erfolgreiche Marke keine Rendite mehr erwirtschaftet und entweder eingestellt oder verkauft wird.

Die großen Verlage suchen seit geraumer Zeit nach einer digitalen Strategie. Noch immer werden Printinhalte 1:1 ins Digitale kopiert und fertig ist die Digitalstrategie…jedoch ohne Erfolg. Antizyklisches Denken und Handeln ist angesagt. Das bedeutet z.B. für andere bald ganz an die Wand gefahrene Printobjekte, dass die Verlagsführung investieren muss oder sich Investoren suchen muss, um damit etwas zu riskieren, in Form etwas neues zu gestalten.

Im Moment geht es in den Verlagen und in den Diskussionen um Positionen und weniger um Ausrichtungen. Das ist Jammern auf hohen Niveau. Alle verdienen noch mit der Krise, aber an Konzepten mangelt es. Mut zum Risiko und zum Dialog mit seinen Lesern und Mitarbeitern, exzellente Inhalte wie Reportagen, Artikel von echten Journalisten geschrieben die nachklingen ob investigativ oder hintergründig. Damit kann man derzeit kein Geld verdienen. Doch es ist der Code für die Zukunft.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass viele glauben, dass Social Web Plattformen eigene Medien sind, die bedient werden müssen, was ein Irrglaube ist, der leider noch weit verbreitet ist. Dabei handelt es sich um eine neue Struktur des Vernetzens und das in Echtzeit. Alte Marketingmechanismen funktionieren in dieser Struktur nicht mehr und es bedarf einer genauen Definition um daraus geeignete Maßnahmen abzuleiten.

Was die Digitalisierung betrifft, so muss aus den aktuellen Bedrohungsszenarien eine Diskussionen über Chancen entstehen. Es braucht eine anderes Denken, dass die Vernetzung, Kommunikation, Kooperationen, Integration unterstützt. Denn es geht deutlich um mehr als nur eine digitale Plattform zu beliefern. Und dazu gehören Konsequenz, Wahrhaftigkeit und Anspruch und weniger Monitoring und Rotstiftmentalität.

Man möchte den Verlagen gerne sagen, dass Umsatzsteigerungen ohne vorheriges Investment nicht möglich sind. Wie im Beckettschen Sinne des immer mehr schöner Scheitern zuerst der Erkenntnisgewinn liegt. Wer das begreift hat den Kern des Wandels erkannt.

Die Zukunft gehört den Unternehmen die relevante Dienstleistungen und Produkte produzieren mit Substanz und die die neuen Strukturen der Vernetzung als Chance begreifen. Alles andere sind Luftschlösser die sich nicht erfüllen werden.

Weiterführende Informationen:
– Mathias Müller von Blumencron (Twitter-Link) ist Chefredakteur “Digitale Medien” bei der Faz. Er hat nicht nur ein exzellenten Artikel über den Aldi-Gründer geschrieben. Auch gehört er zu den wichtigsten Menschen zum Thema Digitaler Wandel und Themen. Ein Besuch beim Aldi-Gründer Karl Albrecht (Faz-Link)
– Wolfgang Blau (Twitter Link) gehört ebenso dazu und ist Digital-Chef beim englischen Guardian. Bei der DJV-Konferenz in Berlin zum Thema “Besser Online” hat er einen bemerkenswerten Vortrag gehalten: Online und Print gehören nicht zusammen (YouTube-Link).
– Wie man mit einem Wechsel umgehen kann, zeigen eindrucksvoll die ehemaligen FTD (Financial Times Deutschland) Mitarbeiter Denis Dilba und Georg Dahm mit ihrem Crowdfunding-Projekt für das neue Wissenschafts-Magazin “Substanz“. Im November ist die erste Ausgabe erschienen und macht neugierig.

Author: Stefan

Welcome to my personal microcosmos "Freiaum/Free Zone" in the most beautiful city of the world, in Hamburg. Just someone with a camera and a mission to record the extra and the ordinary. My hearts beats among other things for Photography, Culture and Art, Visual Art, Social Media, Communication, Storytelling, Music, Literature, Blog and Text.

14 thoughts on “Halt die Presse

  1. Lieber Stefan,

    das Formulierte könnte als eine Diagnose des Krankheitsbildes des gegenwärtigen und als ein ein Statut für den Journalismus der Zukunft gelten. Chapeau!

    Salud!
    Gerd

    • Lieber Gerd,
      hab’ Dank für Dein Lob. Das ist wie ein Flächenbrand und zeigt u.a. wie schwer sich Marktführer tun damit umzugehen. Wer nicht mit Zeit geht und sich verändert, wird gehen. Der Wandel bleibt ein spannendes Thema, was leider viele Opfer fordern wird. Denn die Mechanismen sind bekannt. Und manches Unternehmen hat sich bereits in die Insolvenz gespart.
      Kordiale Grüße
      Stefan

  2. Lieber Stefan, dein letzter Satz sagt alles aus ….. Die Vernetzung als Chance zu begreifen…….
    Dies gilt für viel Branchen

    • Danke liebe Christa. Du hast Recht. Mögen es auch die hören die es betrifft und es wahr nehmen. Es ist noch nicht zu spät für eine Umkehr.

  3. ich hab die brigitte geliebt .. bin mit ihr gross geworden

    • Danke. Aus einer Vision vor 60 Jahren wurde eine Marke. Und Marken leben von Emotionen. Leider verstehen das Change Manager u.a. nicht. Es bleibt abzuwarten wie sich alles weiter entwickeln wird.
      Herzliche Grüße
      Stefan

  4. Es ist das zweite mal diese Woche, dass ich von “unwissenden” Führungsetagen in etablierten Firmen lese, an denen das online Geschäft vorbei läuft, Stefan.
    Afu dem Blog Marketing & Medien habe ich einiges Interessantes zum Thema gelesen:
    http://thomasbrasch.wordpress.com/category/marketing-medien/
    Einen schönen Nachmittag wünscht dir Susanne

    • Danke Susanne, für den Link. Das Blog schaue ich mir an. Ich denke, es ist ein Thema was viele bewegt. Leider wird in den Chefetagen mehr um Positionen gerungen als um Ausrichtungen. Die Frage Print oder Digital stellt sich nicht mehr. Es ist nur die Frage offen: wann, nach dem Zeitpunkt.
      Ich wünsche Dir einen schönen Abend
      Stefan

  5. Deine Analyse ist klasse, Stefan! Auch dein Blick auf die Chancen und Aussichten in der Zukunft. Sehr eindrücklich!

    LG Michèle

    • Danke Michèle, für das schöne Lob. Das Thema wird uns noch für die kommenden Jahre beschäftigen. Es gibt bereits einige kreative Lösungen und Projekte die eines gemeinsam haben: die Nische. Und den Herren Blau und Blumencron sollte man auch zuhören.
      Hab’ einen schönen Freitag
      Liebe Grüße
      Stefan

  6. Ich habe mir die Zeit genommen und das Video angeschaut. Der Vortrag ist sehr interessant und nachdenkenswert. Gleichzeitig fühle ich mich sehr alt und old-fashioned im Medienkonsum.
    Liebe Grüsse – Uta

    • Das tut mir Leid, Uta. Das macht doch überhaupt nichts. Man muss nicht alle Moden und Strömungen mitmachen oder gut finden. Es gibt auch Menschen die z.B. gedruckte Bücher lesen, keinen Reader besitzen oder kein Facebook-Account haben. Nehmen wir diese Phase des Wandels einfach mit Neugier auf und begleiten sie kritisch hinterfragend.
      Liebe Grüße
      Stefan

      • Bei mir spielt die Angst Fähigkeiten zu verlieren eine Rolle.Ich möchte mich neben dem Navi auch an Karten orientieren können, oder das Wetter, oder Gewicht in meiner Hand selber abschätzen können und mich nicht auf irgendwelche apps verlassen. Orwell 1948 ist mir eine Mahnung.

      • Das verstehe ich gut und stimme Dir zu. Ob Orwell oder Huxley sich hätten vorstellen können, wie schnell das Internet die Welt bereits verändert hat. Dagegen hilft Informationen, Wissen, Bildung an zukünftige Generationen so früh wie möglich weiter zu geben. Ein Ausflug beispielsweise in den Wald wird nie eine App oder animierte Webseite ersetzen können.