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Wir werden uns schon schaffen

20 Comments

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und wir wurden bereits inflationär mit Rückblicken eingedeckt. Man könnte auch von einer Nachrichtenrückblickbulimie sprechen.

Die Tagesschau hat zum Beispiel einen Blog wo der Chefredakteur versucht durch eigene Blogartikel Diskussionen anzuregen. Nur gibt es dort keine Diskussionen zwischen den Redakteuren der Tagesschau und den Lesern. Die Kommentatoren dürfen sich allein unterhalten. Ein Fehler der nicht nur gängige Praxis bei den Öffentlich-rechtlichen Medien ist. So werden Chancen vertan und das Vertrauen in die Medien sinkt weiter. Würden wir hingegen weniger aus der Sicht der Medien, sondern aus persönlicher Sicht das Jahr an uns vorbei ziehen lassen, würde es vermutlich ein ganz anderer Rückblick.

Willkommen in der Mittelmäßigkeit oder in der Mitte der Republik. Nationale Diskussionen und internationale Krisen werden ausgeblendet oder ausgesessen. Eingelullt in gespenstischer Ruhe und von oben vorgegebener Pragmatik geht alles im weitesten Sinne so weiter wie bisher. Die Ansprüche an die politische Führung sind deutlich geringer geworden und werden dennoch für die meisten erfüllt. In den letzten 20 Jahren sind im Durchschnitt 20% weniger Menschen zur Wahl gegangen. Auch die Ordnungsrufe im Bundestag sind massiv gesunken. Es gibt kaum noch leidenschaftliche Debatten über die man spricht. Das Mittelmaß ohne Esprit und Visionen, einzig mit dem Ziel Macht zu erhalten, dominiert. Es gäbe genug Themen über die man gesellschaftlich diskutieren müsste. Doch fest eingehüllt in einer dichten Wolke aus Lethargie wird das meiste ignoriert. Die Hauptsache ist, dass es den meisten gut geht und das man sie in ihrer Ruhe nicht stört, eine Vollkaskomentalität. Nur einzelne Personen ohne Einfluss auf die Majorität scheinen diese nicht mehr ganz neue Dimension wahr zu nehmen.

Früher beendeten Fotografien Kriege. Heute können sie Kriege entfachen. Die verbale Aufrüstung mit Hang zum Bellizismus hat zudem viel Schaden angerichtet und die Wahrnehmung nachhaltig beeinflusst. Im Dezember riefen beispielsweise insgesamt 60 Persönlichkeiten wie Roman Herzog, Manfred Stolpe, Wim Wenders, Georg Schramm und viele andere in einem Appell zum Dialog mit Russland auf. Den Öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen war dies keine Meldung wert. Bei Zeit Online sind es mehr als 1.500 Kommentare.

Eine der großen zukünftigen Herausforderungen ist die Information von der Propaganda der Sprachlosigkeit zu trennen wie auch die Illusion von der Wirklichkeit. Bei dem akuten Bildungsnotstand der bis in die Spitzen der Republik reicht, möchte man rufen, Herr wirf Hirn vom Himmel. Doch wie es scheint ist die Eitelkeit und das Richten der Mimik für die Fernsehkameras wichtiger als sich in Diskussionen zu engagieren oder den Weg der Diplomatie zu suchen.

Ein Gesetz der Wirtschaft besagt, dass eine Investition auch ein Wetteinsatz auf die Zukunft ist. Leider ist die Zukunft nicht beherrschbar. Trotzdem wäre ein Investment in Bildung, Information, in aufklärerische Diskurse kein Geschäftsverlust, sondern ein Gewinn für alle. Wir stehen mitten in einer Zeitenwende und die zukünftigen Auswirkungen sind nicht absehbar. Behalten wir uns dennoch die Contenance, Neugier und Zuversicht. Dem Gedanken der Hoffnung kann niemand in diesem Jahr entfliehen. Die Errungenschaften der Gesellschaft, die Grundwerte wie der Wunsch nach Freiheit, der Schutz einzelner, das Miteinander der Kulturen, Respekt und Toleranz anderen gegenüber, dürfen in welcher Form auch immer weder begrenzt noch beschnitten werden.

(Alle früheren Texte findet man in der Kategorie “Daily Note”)

Author: Stefan

Welcome to my personal microcosmos "Freiaum/Free Zone" in the most beautiful city of the world, in Hamburg. Just someone with a camera and a mission to record the extra and the ordinary. My hearts beats among other things for Photography, Culture and Art, Visual Art, Social Media, Communication, Storytelling, Music, Literature, Blog and Text.

20 thoughts on “Wir werden uns schon schaffen

  1. Lieber Stefan, Du bist mir bei meinem “dichten” abhanden gekommen und plötzlich fiel mir wieder ein:
    “FREIRAUM”. Nun bin ich sehr froh, daß ich Dich wieder habe (gefunden). Mit der Musik habe ich es ja nicht so doll, aber Deine Artikel – einfach Klasse. Absolute Spitze. Ich achte sehr darauf, daß ich nicht den Humor verliere und beginne, bösartige Gedichte zu schreiben……. Satire zum Beispiel. Aber denken kann ich es ja, nicht? Liebe Grüße, Hildegard

    Rutsch gut rein ins Neue Jahr

    • Liebe Hildegard,
      danke Dir für das Wiederfinden und ebenso für Dein Lob. Mit Humor geht vieles leichter von der Hand.
      Lass den Tag für Dich schön ausklingen.
      Guten Rutsch hinein ins neue Jahr
      Stefan

  2. Würdige + wahre Worte zum Jahresende,
    viele Grüße,
    Gerhard

  3. Aussagekräftig, knackig, brillant!

    Wünsche Dir ein glückliches und erfolgreiches neues Jahr, Stefan.

    • Die angehmsten Überraschungen gibt es am Jahresende. Danke Gabi für das Teilen bei Google +. Ich wünsche Dir ebenso ein erfüllendes zufriedenes neues Jahr mit vielen weiteren lichterfüllten Ein- und Aussichten.
      Hab’ einen schönen Ausklang des Tages
      Stefan

  4. Lieben Dank, Stefan.
    Es wird eine wunderbare Einstimmung aufs neue Jahr werden!

    • So wie bei Dir darf das Jahr gern zu Ende gehen. Zumindest wird durch das Feuerwerk der Himmel hell farblich erleuchtet. Hier ist es nähmlich grau und trüb. Genießen wir die letzten Stunden und freuen uns auf 2015.

  5. Danke Stefan für Deine Worte, vieles von dem, was Du geschrieben hast grummelte auch in mir, jedoch habe ich es nicht so formulieren können. Ich wünsche Dir für kommende Jahr alles Gute, lg Marlies

    • Danke Marlies für das Lob. Das Grummeln werden wir auch im neuen Jahr haben. Verlieren dürfen wir jedoch den Traum von der Hoffnung nicht.
      Hab’ einen schönen Jahresausklang. Und für das neue Jahr wünsche ich Dir alles gute, auf viele neue Ein- und Aussichten.
      Liebe Grüße
      Stefan

  6. neugier , hoffnung, zuversicht …. so fangen wir das neue jahr und überhaupt jeden tag an :o)

  7. Lieber Stefan,
    ein toller Artikel ist Dir da gelungen, fast möchte man sagen: leider, denn man bräuchte diese ganze mediokre Sch… ja nicht wirklich. Und Du bringst es genau auf den Punkt. – Besonders wichtig ist für mich Dein Satz: “Die verbale Aufrüstung mit Hang zum Bellizismus hat zudem viel Schaden angerichtet und die Wahrnehmung nachhaltig beeinflusst.” Ja, das ist etwas, was ich seit einigen Jahren bereits bemerke, und das Problem ist. das genau dieser verbale Bellizismus offensichtlich zu einer inzwischen sehr niedrigen Hemmschwelle was die Anwendung von physischer Gewalt betrifft geführt hat. Das betrifft unseren gesellschaftlichen Alltag genauso, wie die Neigung, nationale, internationale und globale Konflikte immer schneller mit Gewalt lösen zu wollen. Es hat seit 1945 noch nie wirklich geklappt.
    Schön, dass Du die Hoffnung nicht aufgibst, ich persönlich versuche das ebenfalls, auch wenn der Bildungsnotstand, den Du treffend beschreibst, ja leider nicht nur bis in die Spitzen der Entscheidungsträger reicht, sondern sozusagen eine ganz breite Basis in unserer Gesellschaft hat, die aufzubrechen allein schon das bescheuerte föderale Bildungssystem niemals zulassen wird.
    Noch ein Wort zu Deinem Satz “Eine der großen zukünftigen Herausforderungen ist die Information von der Propaganda der Sprachlosigkeit zu trennen wie auch die Illusion von der Wirklichkeit.” Das ist wohl wahr, aber es gibt zwei Gründe, die mich an Besserung in dieser Hinsicht zweifeln lassen: Jede ‘Information’ ist heutzutage und insbesondere in unseren kapitalistischen Systemen all over the world ein Geldwert. Daran bemisst sich ganz offensichtlich bei den meisten sogenannten Informationsmedien in erster Linie der ‘Wert’ der weitergegebenen Information. Und auch, wenn beispielsweise der Sprecher der Bundesregierung irgend eine Information verbreitet, soll da ein Wert generiert werden, z.B. einer, der die Wiederwahl ermöglicht. Um Wahrheitsgehalt geht es da kaum. Und der zweite Grund ist ganz einfach dieser schlichte Satz aus der Kybernetik: “Information ist der Gehalt einer Nachricht, die aus Zeichen eines Codes zusammengesetzt ist”. Ich glaube, wir verstehen den Code nicht mehr.
    Egal, wir bleiben am Ball (ach ja, auch das noch: danke für Deine interessanten Artikel aus dem Bereich der Fussballparallelwelt, immer wieder erhellend zu lesen!) und a, Ende bleibt uns ja noch das hier https://www.youtube.com/watch?v=0O1v_7T6p8U&spfreload=10
    Liebe Grüsse und ein Neues Jahr
    Kai

    • Lieber Kai,
      Neil Young geht immer. Keep on rocking in the free world. Das konnte ich schon zweimal live erleben.
      Ich denke, es ist ein zentrales Thema was Gott sei dank bewegt und nicht bei allen abprallt. Kriege werden immer mit Worten ausgelöst. Die Older Statesman wie Genscher, Kohl, Kissinger und andere fordern den Weg der Diplomatie. Denn ein sog. Feind wird nicht berechenbarer, wenn man ihn ignoriert.
      Wir müssen unsere Vollkaskomentalität ablegen und dazu ist Bildung ein zentraler Punkt und der Schlüssel. Da scheint es an allen Ecken und Enden zu mangeln. Wenn unsere Truppen-Ursel mit gestählter Frisur phrasierend in den Tagesthemen über Sanktionen und Waffenexporte fabuliert, wird mir anders. Das ist das Gegenteil von Diplomatie.
      Mit der Ignoranz und Lethargie in weiten Teilen der Gesellschaft, die sich scheinbar im Dauerschlaf befindet, wird nicht nur “Montags” Schindluder betrieben und gezielt Unwahrheiten gestreut ohne klare Statements. Der Brandsatz ist bereits gelegt und dieser Samen wird auch in diesem Jahr weiter blühen und wird weiter getragen in Organisationen und Parteien. Dabei geht es hauptsächlich um Futterneid.
      Dein Satz “Ich glaube, wir verstehen den Code nicht mehr” trifft es gut. Darum muss man sich u.a. auch bemühen, diesen Code wieder zu verstehen.
      Danke für Dein schönes Lob für meine Artikel. Mit dem Fußball geht es bald weiter. Zumindest wird es dort beim Abstiegskampf spannend werden.
      Hab’ Du auch ein schönes neues Jahr mit vielen Lichtblicken und weiteren interessanten Ein- und Ausblicken.
      Liebe Grüße
      Stefan

  8. Lieber Stefan,
    vielen Dank für deinen interessanten und wahren Jahresabschluss-Blogpost!
    Ich habe leider auch das Gefühl, dass sich die Menschheit besonders im vergangenen Jahr wieder “zurück” entwickelt hat.
    Ich habe Weihnachten und Silvester diesmal auf La Palma/Kanaren verbracht und ich werde in einzelnen Blogbeiträgen in Kürze darüber berichten.
    Ich wünsche dir einen guten Start ins neue Jahr, vor allem Gesundheit und viele schöne Erlebnisse!
    Liebe Grüße!
    Volker

    • Lieber Volker,
      es scheint, dass viele aus dem 20. Jahrhundert nur wenig gelernt haben. Es beginnt immer mit dem Säbelrasseln und verbalem Aufrüsten.
      Den schönen Start im noch jungen Jahr wünsche ich Dir auch und vor allem gutes Licht für neue Ein- und Aussichten.
      Liebe Grüße
      Stefan