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Harry Rowohlt

18 Comments

Die Reihe der traurigen Abschiede geht weiter. Harry Rowohlt ist im Alter von 70 Jahren in Hamburg nach langer Krankheit verstorben. Auf die Frage nach seiner Lieblingstugend, schrieb Harry Rowohlt im FAZ-Fragebogen: “Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.”

Das besondere an Harry Rowohlt war, dass er eine Geisteshaltung besaß, wie nur wenige und die sich in seinem üppigen Werk wiederspiegelte. Er war leidenschaftlich sprachverliebt und sprachbesessen wie kein zweiter und ein Meister der Wortakrobatik. Der Brummton seiner knarzig wohligen Stimme ist verstummt. Doch sein großes literaisches Werk (Bücher, Übersetzungen, Hörbücher, Briefe, Kolumnen) bleibt unsterblich und wird weiter getragen.

ZEIT Online nennt ihn im Nachruf einen “Paganini der Abschweifung.”  Sie haben dankenswerterweise auch einige Folgen seiner legendären Kolumne “Poohs Corner” online gestellt zum Nachlesen und Wiederentdecken. Diese Kolumne, die so einzigartig war, gehörte viele Jahre zu den Artikeln, die ich als erstes in DIE ZEIT las.

Der Verleger Klaus Bittermann schreibt im TAGESSPIEGEL über so manche Begegnung mit ihm. Ralf Sotschek von der taz, der seine Biografie schrieb, erinnert sich u.a. an gemeinsame Zeiten in Irland. Und Denis Scheck sagte im Deutschlandfunk: “Er war einer der großen Bären und Bärenantreiber”.

Der Legende nach wollte er eigentlich nicht in der ARD-Serie “Lindenstrasse” mitspielen. Wenn, dann muss es ein Penner sein, soll er gesagt haben. Und so spielte er einige Jahre den Penner Harry. Ein kleiner berührender Nachruf mit einigen Szenen hat die ARD zusammen gestellt. Trauer um Hary Rowohlt

Besonders hervor zu heben in seinem Werk sind seine Briefe oder wie er schrieb, die “Nicht weggeschmissenen Briefe,” die im Kein & Aber Verlag erschienen sind. Beide Bände sind ein sprachliches Feuerwerk und ein einzigartiges Lesevergnügen. Gelernt habe von ihm, nach der Anrede im Brief kommt ein Doppelpunkt und kein Brief ohne P.S.! Und was seine Übersetzungen betraf, so sagt dieses Bild von Hauch & Bauer zum 70. Geburtstag mehr als der vielen Worte.

Hier ist er im Gespräch mit Gregor Gysi mit wie stets launigen Anekdoten aus seinem reichen Leben.

Zwei weitere Link- und Leseempfehlungen: bei Sätze & Schätze liest Harry Rowohlt Joachim Ringelnatz, was sehr gut passt und Gerhard/Kulturforum hat für ihn eine Kerze angezündet und zeigt weitere Bild- und Tondokumente.

Tüsskes! Tschüs! Schönen Gruß! Oder wie er gern seine Briefe beendete: Der Kampf geht weiter!

Author: Stefan

Welcome to my personal microcosmos "Freiaum/Free Zone" in the most beautiful city of the world, in Hamburg. Just someone with a camera and a mission to record the extra and the ordinary. My hearts beats among other things for Photography, Culture and Art, Visual Art, Social Media, Communication, Storytelling, Music, Literature, Blog and Text.

18 thoughts on “Harry Rowohlt

  1. Danke für diese schöne Würdigung und den vielen Links zum Weiterlesen. Wie gut, dass auch das Netz hier eine Art Archiv, ein digitales Gedächtnis bietet – wenn schon die Kreativen und Meinungsmutigen alle von uns gehen. Und dank für den Link auf unsere Seite…Der Rowohlt war perfekt für den Kuddeldaddeldu…Claudio

    • So ist es. Analog gibt es auch noch vieles von ihm, was weiter bestehen wird. Ringelnatz und Rowohlt passen sehr gut zusammen. Das Verlinken habe ich gern gemacht. Euer Beitrag gehört mit zu den Leseempfehlungen. Danke für das Lob.
      Stefan

  2. Lieber Stefan,
    auch ein sehr würdiger Nachruf auf den großen Harry Deinerseits! Was ich gestern noch vergessen habe: die Pooh’s-Corner-Kolumne gab es auch mal teilweise gesammelt in einem Heyne-Taschenbuch, 1996 erschienen und bestimmt noch im Antiquariat auftreibbar.
    Vielen Dank nochmals für’s Verlinken,
    liebe Grüße und einen schönen Abend, und – wie Du so schön sagst – der Kampf geht weiter!
    Gerhard

    • Danke Gerhard. Es gab nicht wenige, die sehnsüchtig auf die neue Kolumne warteten. Die war wirklich herausragend. Ich meine mich auch an das Buch zu erinnern.
      Nicht ich, sondern Harry Rowohlt schloss oft seine Briefe mit “Der Kampf geht weiter,” was auch der Titel seines ersten Briefbandes ist, sehr zu empfehlen ist. Der zweite Band hieß dann “Gottes Segen und Rot Front.”
      In diesem und seinen Sinne Dir ebenso den schönen Abend
      Stefan

      • Lieber Stefan,
        war mir schon klar mit dem “Kampf”-Spruch. Wenn ich mich recht entsinne, geht der Spruch auf Rudi Dutschke zurück, der ihn mit geballter Faust am Grab von Holger Meins ausrief.
        Liebe Grüße,
        Gerhard

      • Lieber Gerhard,
        ich glaube auch. Und dann gibt es, glaube ich zumindest, einen gleichnamigen Song von Ton Steine Scherben.
        Zu Harry Rowohlt hat er jeden Falls auch sehr gut gepasst.
        Lieben Gruß aus dem regnerischen Hamburg
        Stefan

      • Ton steine Scherben, tatsächlich. Auf der LP “Warum geht es mir so dreckig?” von 1971. Ich kenn es aber nicht, ich hab nur die “Keine Macht für niemand” (wie wahrscheinlich fast jeder, der was von den Scherben daheim hat ;-))
        Liebe Grüße,
        Gerhard

      • Vor einiger Zeit hörte ich im Radio eine Sendung über die Scherben und u.a. ein Interview mit Claudia Roth zu Rio Reiser und Ton Steine Scherben. In der Sendung kam der Ausspruch “Der Kampf geht weiter”, so glaube ich mich zu erinnern. Obwohl Claudia Roth später erst Managerin der Scherben wurde.
        Mit “Keine Macht für niemand” hast Du sicherlich Recht🙂
        Liebe Grüße
        Stefan

  3. Lieber Stefan, ich bin tief beeindruckt und habe mit Entsetzen festgestellt, daß ich schnellstens ein paar Lücken schließen muß.
    Ja, manchmal denkt man einfach, man hätte für alles undenklich viel Zeit. Das stellt sich dann allerdings meistens als Irrtum heraus. LG Hildegard

    • Liebe Hildegard,
      Harry Rowohlt lohnt definitiv. Ob als Übersetzer oder Autor oder als Sprecher…
      Und Du als Ringelnatz-Fan wirst seinen Humor sehr schätzen.
      Liebe Grüße
      Stefan

      • Lieber Stefan, die Verlage sind mir sehr wohl bekannt, aber von Old Harry hatte ich keine Ahnung. Trotz aller Beschäftigung mit Kultur, alles ist immer eine Zeitfrage und bis vor drei Jahren war ich noch voll berufstätig, da hatte ich dann bald nicht mal mehr Lust, meine eigenen Bücher zu lesen. Ja schade; es is eine Zeit, wo sich so viele verabschieden müssen. Nur von den ganzen überkandidelten Idioten tritt keiner ab. (Oder wenigstens weg). Liebe Grüße, Hildegardj

        Ganz nebenbei: Kennst Du Christian Willisohn? Er trat mal vor ein paar Jahren in der Fabrik auf glaube ich war das noch. Eine irre Type. Meine ganze Familie ist in Hamburg, ich und meine Jüngste, wir halten alleine die Stellung in Berlin. LG

      • Liebe Hildegard,
        auf die Frage im FAZ-Fragebogen nach dem größten Unglück schrieb er: “Daß manche Menschen sterben. Und manche nicht.” Es ist leider so, dass die Großen dieser Zeit oft viel zu früh gehen und im Moment gehen sie fast täglich.
        Lies mal z.B. in seinen beiden Briefwechseln die als Taschenbücher gibt. Auch hat er sehr gern lustige Zweizeiler geschrieben. Ich habe ihn oftmals auf dem Markt einkaufen gesehen. Er war eine Type, ein Unikat, dass sich nicht verbiegen ließ.
        Und Zeit, das sagsts Du treffend, ist halt begrenzt. Da muss man Prioritäten setzen. Halte Du gut und sicher die Stellung in Berlin.
        Liebe Grüße zur guten Nacht aus Hamburg
        Stefan
        P.S. Christian Willisohn kenne ich leider nicht.

      • Er ist ein unwahrscheinlich toller Jazzmusiker und ich, na ja, vergöttere ihn beinahe. Gib einfach mal nur seinen Namen ein

      • Danke für den Tipp. Das werde ich mir für später aufsparen.
        Hab’ einen schönen Tag
        Stefan

      • Blues. Soul, Boogie – was Du willst. Irgendwie ein Halbirrer. Wie Old Harry in Musik

      • Das klingt vielversprechend und werde ich mir aufheben für später.
        Genieße den Abend und halte die Stellung
        Stefan

  4. Danke, lieber Stefan- diese Kerze soll besonders hell leuchten. Harry war als Unikat wirklich einer der ganz großen Jungs der literarischen Szene – einer von jener raren Spezies , mit denen immer wieder gerne sein Bier teilen würde. Würde mich sehr freuen, ihm gelegentlich auf anderer Etage zu begegnen.

    • Dem ist nichts hinzufügen. Danke KarlHeinz. Was ich besonders an ihm mochte, war seine Geisteshaltung. Und nicht zu vergessen sein Humor. Ich denke, er wird es sich auf der anderen Etage gut gehen lassen und so manches Glas leeren.