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Infotainment

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Vor 30 Jahren schrieb ein Amerikanischer Professor für Medienökologie ein Buch mit dem Titel: “*Wir amüsieren uns zu Tode”. Es war Neil Postman, der das amerikanische Fernsehen und die Medien kritisch hinterfragte und eine Bestandsaufnahme machte. Von ihm stammt auch der Begriff “Infotainment”. Auch 30 Jahre später lässt sich von Postman nach wie vor lernen. Seine Buch ist ein gutes Beispiel wie Kommunikationstechniken eine Gesellschaft verändern können.

Im Sinne Postmans sollte man heute insgesamt Erwartungen herunter fahren, wenn es um Begriffe wie Journalismus oder Medien geht. Man muss von einer Industrie sprechen, die unser Bedürfnis nach Nachrichten auf teils niederen Niveau irgenwie befriedigt. Diese Industrie verströmt dies wie ein dauerhaft anhaltender Nachrichten- und Medientsunami, wo oftmals die Wahrheit zweitrangig geworden ist. Lieber gut formuliert oder spekuliert als langweilig und zeitintensiv recherchiert ist ein Credo in einer Welt wo jeder von der Inflation der Nachrichten überfordert sein muss.

Die Art wie Wissen, Wahrheit, Informationen und Kultur über die Medien vermittelt wird, zeichnet ein Bild einer Gesellschaft die lieber Bilder und Überschriften statt Wörter und Inhalte konsumieren. Eigenes Denken ist für viele zu anstrengend geworden, da es wie beim Fastfood schnelle Fertiggerichte gibt die unterhaltsam und in gut konsumierbaren Portionen dargeboten werden.

Denkfaulheit ist zu einer Medienkrankheit geworden, an der scheinbar viele erkrankt sind. Heute sind beispielsweise politische Wahlkämpfe kein Versuch mehr ernsthaft über Inhalte zu diskutieren. Hauptsache die Wahlplakate sind bunt und tragen einen nichtssagenden Slogan. Auffallen und laut sein mit möglichst wenig Substanz. In den letzten 20 Jahren sind im Durchschnitt 20% weniger Menschen zur Wahl gegangen. Man schaue sich beispielsweise die Nachrichtensendungen bei den Privaten Sendern an. Dort gibt es zur besten Sendezeit u.a. Klatsch und Tratsch, Reißerische Sensationen, was das Gegenteil von seriöser Information ist und dennoch sich immer größer werdender Popularität erfreut.

Postman schrieb vor 30 Jahren, das nur das Fernsehen nicht alleine Schuld sei. Aber es ist ein ideales Transportmedium was offen ist für Manipulationen. Er kam zu dem Schluss, dass wir langsam aber sicher auf eine neue “Schöne neue Welt” zielsicher zusteuern. Man denke heute dabei u.a. an die sukzessive Aufgabe und das Aufweichen von Grundrechten der Verfassung.

Wie bildet man sich heute eine Meinung über, zugegeben, teils sehr komplexe Inhalte? Die Medien insgesamt sind heute weniger Aufklärer als Anführer und Transporter die zu einer, wie Postmann seiner Zeit schrieb, Entleerung der Inhalte von Politik und Kultur führe. Der daraus entstandene Begriff heißt Infotainment. Alles wird zu einer großen Unterhaltung. Postman kritisierte dabei auch die Infantilisierung der Gesellschaft. Parallelen zur heutigen Zeit sind nicht von der Hand zu weisen und aktuell.

Die täglichen Bilder und Nachrichten sind zur Aktionsware minderen Wertes verkommen mit dem primären Ziel Algorithmen zu bedienen und damit das Publikum zu bespielen, damit die Inhalte in den Netzwerken weiter verbreitet werden. Alles muss kürzer, knapper, emotionaler und oberflächiger an die Konsumenten gebracht werden.

Früher beendeten Fotografien Kriege. Heute können sie Kriege entfachen. Die verbale medial geführte Aufrüstung mit Hang zum Bellizismus hat zudem Schaden angerichtet und die Wahrnehmung nachhaltig beeinflusst. Dem Gedanken der Hoffnung kann heute niemand entfliehen.

(*Neil Postman: “Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie”/ Fischer Taschenbuch Verlag)

Author: Stefan

Welcome to my personal microcosmos "Freiaum/Free Zone" in the most beautiful city of the world, in Hamburg. Just someone with a camera and a mission to record the extra and the ordinary. My hearts beats among other things for Photography, Culture and Art, Visual Art, Social Media, Communication, Storytelling, Music, Literature, Blog and Text.

24 thoughts on “Infotainment

  1. Das kommt für mich zur rechten Zeit. Auch die sozialen Medien bedienen ja dieses “wir amüsieren uns zu Tode”. Ich rege mich derzeit innerlich auf, wenn ich sehe: Da brennen täglich Heime, Menschen werden verfolgt, Hassparolen geschrien – und auf Twitter gibt es Shitstorms, weil statt Sternchen jetzt Herzchen vergeben werden, ein Herbstbildchen jagt das andere usw. Nichts gegen Herbst- und Nebelposts: Aber als ob es zur Zeit nichts wichtigeres gäbe. Brot und Spiele. Wir amüsieren uns zu Tode.

    • Danke für die Worte. Auch mir kam das Buch zur rechten Zeit. Denn es sind interessante Parallelen zur heutigen Zeit vorhanden…selbst nach 30 Jahren.
      Im Moment macht vieles zurecht sprachlos. Das Prinzip von Brot und Spiele ist leider nach wie vor aktuell. Die Literatur kann jedoch helfen dies besser zu verstehen und selbst zu beginnen, sich eigene Gedanken zu machen anstatt im Stammtischmainstream sich im Sinne Postman´s zu Tode zu amüsieren. Wie sang Nina Hagen: Ich glotz TV. Ist alles so schön bunt hier.

      • Ich hab zu dem Thema gestern schon einen Beitrag im Kopf gehabt…und dann wieder gelöscht. Muss jetzt wohl raus…es sind eben diese Parallelen, nicht nur zu den 80ern, als das Buch rauskam – ich denke derzeit immer wieder, so vieles erinnert an die Weimarer Republik, die Radikalisierung, die Hetze, die Hilflosigkeit der großen Parteien, die Politikmüdigkeit etc….

      • Die Weimarer Republik hatte u.a. mit starken wirtschaftlichen Problemen (Schwarzer Freitag 1929) und den Reparationsleistungen und der hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Dazu kam, das Politiker wie Ebert oder Stresemann zu früh gestorben sind und die Verfassung mit ihrem Notstandsparagraphen. Da sehe ich kaum Parallelen.
        Doch das radikale Denken, das Verbalisieren von Hass und letztlich auch mit Gewalt ist ein höchst bedenklicher Prozess.
        Wir leben in einer Zeit der Veränderung und Unruhe. Und diesen Moment nutzen einige in dem sie globale Probleme fadenscheinig falsch simplifizieren und ein Gefahrenszenario aufbauen, das manche glauben, all das was sie in ihrem Leben erreicht haben, abhanden kommen könnte. Wut, Neid, Angst, Hass zeigen sich dadurch mehr in den Foren der Medien. Wir haben zudem einen sehr ernst zu nehmenden Bildungsmangel, manche sprechen von Notstand, der leider bis zu den Spitzen in Berlin reicht. Würde man auf Bildung, Information und auf ein Miteinander setzen…so einiges wäre uns erspart geblieben. Würden Netzbetreiber sich endlich ihrer Verantwortung stellen, es wäre so manche “Ein Herz für Hass” Tirade gar nicht erst online gegangen.
        Zum Ende der 90er Jahre sagte man, dass wir global an einer Zeitenwende stehen. Heute kann man sagen: wir sitzen mittendrin und schauen in einen Abgrund. Vor 15 Jahren gab es z.B. eine Expertenkommission die ein neues Einwanderungsgesetz entwickelte, was von Experten und Organisationen gelobt wurde, und damals bereits die Probleme von heute benannte (Beispiel Fachkräftemangel). Durch einen Trick der CDU im Bundesrat (Brandenburg mit der Koalition aus SPD/CDU hatte zwei Stimmen und stimmte 1x Ja und 1x mit Nein, was der Bundesratspräsident als Ja wertete und nachträglich annulliert wurde) scheiterte das Gesetz. Das Ressentiment erfährt eine neue Blütezeit, auch dank der Boulevardmedien. Die entscheidende Veränderung im Denken und Handeln muss im eigenen Kopf beginnen. Für mehr Wachsamkeit, Bewusstsein, Respekt und Toleranz als Bodensatz für einen Wendepunkt. Wer zudem Grundrechte aufweicht zur Sicherung der Inneren Sicherheit schafft kein Vertrauen. Die Terroristen fühlen sich dabei nur bestätigt. Dabei bräuchte es mehr Offenheit, mehr Demokratie damit sich Toleranz, Respekt weiter entwickeln kann.

      • Das Ressentiment erfährt eine neue Blütezeit: Das ist für mich die Parallele zur WR. Sicher, Du hast recht – damals mit Inflation, tatsächlicher Massenarmut, etc. – waren die Menschen tatsächlich in existentieller Not und daher auch für solche “Verführer” empfänglich. Heute läuft das auf einem anderen materiellen Niveau ab. Und das finde ich erschreckend: Es wäre, naiv gesagt, genug für alle da. Doch diese Ängste, ja sie werden von BILD & Co. geschürt, der Sozialneid befeuert.
        Aber ich frage mich auch: Wie erreiche ich jene, die aus eigenem Willen solchen Ressentiments anhängen, die nicht nur “Opfer” der Bildungsarmut, sondern auch ganz gewollt bildungsfern oder argumentationsresistent sind?

      • Eine befriedigende Antwort darauf habe ich nicht. Selbst nur in seinem direkten Umfeld. Menschen die sachlichen Argumenten gegenüber nicht offen sind, wird man vermutlich nicht erreichen. Da gibt es wieder Parallelen zum heißen Herbst 1977, wo der Staat in aller Härte zurück schlug.
        Um größere Mengen zu erreichen braucht es u.a. mehr Bildung, die Literatur oder die Musik. Denk an die Zeit zurück wo die Punk-Musik aufkam. Das waren harte kritische Texte die manche empörten und dennoch die Hoffnung auf eine Wende schürten bei den Anhängern. Heute bräuchte es ähnliches.
        Vieles von dem, wie der Sozialneid, wurden lange Zeit unterdrückt. Heute wird offen mit dem Finger auf andere gezeigt oder über den Boulevard ganze Länder diskriminiert. Das ist ein Zündfunke der gefährlich ist, da man irgendwann die Flamme die daraus erwachsen könnte, nicht mehr kontrollieren kann.
        Der Wirtschaft hat man ohne Not ihre Fesseln genommen. Diese negative Entwicklung folgt auch historisch in dem immer mehr aufkommenden Wunsch der Bürger nach einem starken Mann, einem Macher, der es wieder richten soll. Daraus resultieren auch die prosperierenden Zeiten für extreme Gedanken, Parteien und Gruppierungen. Man schaue sich nur in Europa um. Eine Lebens- und Vorgehensweise die nur auf Eigennutz aufgebaut ist, ohne Verantwortung für das Ganze zu übernehmen, ist ein bedrohliches Szenario, dass nach Veränderung und einem Wendepunkt ruft. Da ist jeder selbst gefragt und gefordert. Selten lagen Hoffnung und Empörung so nah beieinander.

  2. Ach ja, dr alte Neil Postman. Wozu selber denken. Heute denken ja sogar die Haushaltsgeräte und ich glaube, sogar die Autos. Die Bahnen, Die Lastwagen…

    “Deine Kaffeemaschine denkt an dich (für). Dein Kühlschrank, deine Waschmaschine – dein Auto –

    Ich denk an Dich. Man kann sagen und schreiben was man will. Es bestätigt sich immer wieder. “Ach ja, das ist aber interrssant.” Es ist immer wieder zu beobachten: die Menschen nehmen kaum oder gar nicht etwas wahr. Und das, was sie für ihr Leben brauchen, haben sie offenbar und es reicht ihnen. “Verhaltensgestört” hat man auch gesagt. Oder “Da kann man ja doch nichts machen” und dann machen sie eben doch nicht. Gibt ja “Fernsehen” LG

    • Schöne neue Welt…Da hast Du recht. Allein schon eine simple Suche mit einer Suchmaschine kann zeitaufwendig sein, da man die Suchergebnisse die angezeigt werden unterscheiden muss. Informationen die mir weiterhelfen von denen die ins Nirvana führen.
      Man muss sich selbst in die Pflicht nehmen, die Augen offen zu halten, sich anstrengen die Propaganda von der Wahrheit zu unterscheiden. Information sollte zum Unterrichtsfach werden. Man kann gar nicht früh genug zu beginnen zu erklären wie Informationen entstehen, wie man sie hinterfragen kann. Darum sind Wissen und Bildung zwei wesentliche Faktoren für die Zukunft.Denn aktuell haben wir einen evidenten Bildungsmangel bis in höchste Spitzen.
      Liebe Grüße
      Stefan

  3. Ich kann Deinem Beitrag, den Kommentaren von “Sätze und Schätze” und Deinen kaum noch etwas hinzufügen, da sie mir aus der Seele sprechen. In meinem Gedicht: “FernsehWahn(Un)Sinn” hatte ich das thematisiert.

    Mein Fernseher ist aus – er steht nur für DVDś zur Nutzung. Ich kann diesem Blödsinn und der schleichenden Verdummung schon länger nicht mehr zusehen. Auch möchte ich meinem Kind dieses “Elend” ersparen. Mein Nachzügler wird darüber auch ausführlich von mir aufgeklärt.
    Denn: Bei der Kindererziehung geht es weiter. Wir steuern auf das Großziehen einer massiven Verblödungsgeneration zu.

    Liebe Grüße
    Sylvia

    • Dankeschön Sylvia für das Lob. Du hast Recht. Ich habe noch einen Fernseher, schaue jedoch selektiv. Ich denke ebenso, das Aufklärung, Wissen entscheidend sind für zukünftige Generationen die im digitalen Zeitalter aufwachsen.
      Bildung ist dazu ein zentrales Thema. Denn wir sind bereits in der Mittelmäßigkeit angekommen. Von oben mit vorgegebener Pragmatik geht alles im weitesten Sinne so weiter wie bisher. Die Ansprüche an die politische Führung sind deutlich geringer geworden und werden dennoch für die meisten erfüllt. Ein Paradoxon das leider zum Alltag gehört. Manchmal fehlen die Worte.
      Liebe Grüße
      Stefan

      • Deine Ausführungen könnte ich “unterschreiben”, lieber Stefan.
        Es werden regelrechte Ablenkunsmanöver zelebriert, die ein sukzessives Absterben, nicht nur von Werten, sondern auch jeglichem intellektuellen Anspruch fördert. Das ist desisollierend.

        Liebe Grüße
        Sylvia

      • Das ist wahr, liebe Sylvia. Gräfin Dönhoff hatte bereits darüber geschrieben und einen neuen ethischen und moralischen Kodex und Umdenken gefordert. Getan hat sich seitdem nicht viel. Selten, wie schon lange nicht, liegen für den Moment Hoffnung und Empörung beieinander. Oft kann und muss man die Hoffnung an kleinen Dingen im Alltag festmachen.Das ist zumindest ein kleiner Trosttropfen.
        Liebe Grüße
        Stefan

  4. An diese Hoffnung klammere ich mich. Ich würde gern morgen Deinen Beitrag rebloggen. Heute und gestern habe ich bereits die Leser “gefordert”.
    Ist Dir das recht?
    Liebe Grüße
    Sylvia

  5. A lovely article, interesting and though provoking. We will amuse ourselves to death in an effort to escape some of the ugliness and horror in the world, it’s very sad. I must read this book, thank you for bringing it to my attention. Wishing you peace and happiness Stefan!

    • Thank you very much Holly, for taking the time to read it in German. Postman´s title was 30 years ago a real provocation. I know it is serious matter. But the book came back at the right time to me to show how media, television can change a culture and society, influence the public opinion. 30 years ago we were far away from News-Shows and Entertainment elements in the news. But today more and more news will transport as infotainment.
      Wishing you too peace and happiness Holly.
      All the best
      Stefan

  6. Nein, das Fernsehen ist nicht schuld sondern lediglich hochtechnisiertes und perfektioniertes Instrument – das menschliche Lechzen nach dem Aufwürzen des eigenen Alltags durch aufregende Neuigkeiten ist ebenso uralt wie die Manipulation der Menschenmenge mit geringerem Einblick in Quellen und Zweckdienlichkeiten.
    Keiner von “uns” ist wirklich frei von dem Bedürfnis, mit dem Idealisierten identifizieren zu wollen, sich vom Unverständlichen, negativ Empfundenen abzugrenzen, das eigene Selbstbild benötigt offenbar den Spiegel der Welt, es entsteht in der Auseinandersetzung mit ihr, in ständigen Prozessen der Abgrenzung und Integration., seien sie bewusst oder unbewusst.
    Die Sicherheit des einfachen Ja-Nein-Modus, das Empfangen und Reagieren ist ein Urinstinkt, den alle Lebewesen mehr oder weniger teilen, je höher entwickelt die Art, desto mehr ist sie mit angeborener Neugier ausgestattet, die Lernen ermöglicht, und wo man denkt, es seien Wissen oder Erfolg, die befriedigen, ist es doch viel einfacher letztendlich immer die Belohnung durch die Dynamik der Endorphin-Schaukel, die der Mensch frühzeitig kennen- und bald auch zu bedienen lernt. Über diese “Schaukel” ist nicht nur die Versuchsmaus manipulierbar, sondern auch der Mensch.
    Einfach nur das Bildungsangebot im Sinne des Wissenserwerbs dagegen ins Feld führen zu wollen, wird wenig Erfolg zeigen, denn es ist nicht die Quantität des zur Verfügung stehenden kulturellen Bildungswissens, das Menschen widerstandsfähiger gegen Manipulation durch gezielte Informationshäppchen machen wird. sondern eine Erziehung zur Skepsis, zum sich Abseitsstellen von mythologischen Idealisierungen, und das beginnt zuhause, schon vor der Kita, schon bevor die normierende Erziehungsmaschinerie sich der kleinen Menschen bemächtigt und ihren Geist in die jeweils gesellschaftlich verordnete Model drückt, z. B. mit den “Werten der mitteleuropäischen Kultur” wie, als praktisches Beispiel, dem nahenden Martinstag, dem Nikolaustag und all diesen Dingen, die Kindern die Wirkung der Endorphin-Schaukel im Zusammenhang mit Sozialisation nahe bringt.
    Ich hatte schon früh und jahrelang meine Kinder dahingehend begleitet, alles und jedes zu hinterfragen und verstehen zu wollen, hatte mich bemüht, zu erklären, zu relativieren und auch, ihnen beizubringen, was “Glauben” bedeutet, in der Sache und für die Menschen, die sich danach sehnen. Dazu ist niemand zu jung, beizeiten zu lernen, dass Wünsche und Hoffnungen Beweggründe zu glauben sind, und der Umgang damit in Form von Verständnis, Respekt und Mitgefühl gelernt werden kann, aber auch, dass die Frage nach der Motivation zu den interessantesten und spannendsten Dingen im Leben gehört.
    Nachdem sie mittlerweile alt genug sind, um sich über Soziales, Politisches und Wirtschaftliches zu äüßern, sehe ich, dass auch der TV-Konsum keinen Schaden anrichten konnte, denn den habe ich in den ersten Jahren mit Fragestellungen und Erklärungen so begleitet, dass sie eigentlich nichts unanalysiert konsumieren.
    Ich glaube nicht, dass Bildungsferne oder -nähe entscheidend sind, solange nicht das Verständnis der Sozialkompetenz hinterfragt wird, denn die gesellschaftspolitische Interpretation steht der Fähigkeit zum individuellen Widerstand gegen Manipulation (und damit auch bessere Immunität gegen Massenmobilisation) kontraproduktiv entgegen.

    • D’accord und vielen Dank für die Zeilen. Bildung beginnt und endet nicht in der Schule. Ich sehe Bildung u.a. als Element für eine kritische Auseinandersetzung, für einen Dialog des Nachfragen, für eine offen geführte Kommunikation. Bildungsarmut sehe ich allerdings u.a. in den Äußerungen mancher Amtsträger und Spaziergänger. Du hast eine gute Brücke geschlagen, das Bildung und Sozialkompetenz zusammen gehören.
      Postman kritisierte nicht das Fernsehen allein, sondern die Art wie beispielsweise Nachrichten übermittelt werden unter dem Einfluss, damals, von Werbung in sog. News-Shows und wie Kommunikationstechniken Gesellschaften und Kulturen verändern können. Das Thema ist nach wie vor aktuell. Ich denke auch die heutige junge Generation die mit der Technik im Alltag aufwächst. Um die Technik zu verstehen, würde ich dafür so früh wie möglich ein IT-Fach im Unterrichtsplan aufzunehmen mit dem Ziel zumindest eine Programmiersprache zu lernen, das sog. Coding, und auch früh zu erklären wie Informationen, Nachrichten entstehen, wo und wie ich wichtige von unwichtige Informationen unterscheiden kann, wie sie verbreitet werden, wie Bilder manipulativ eingesetzt werden, was sich allein in den letzten 20 Jahren geändert hat. Ein Mehr an Information und Wissen, für eine offene kritische Kommunikation öffnet auch neue Türen für die Menschen. Bildung ist ein Überbegriff, kein stumpfes Auswendiglernen, sondern etwas lebendiges was in den eigenen vier Wänden beginnt. Da bin ganz bei dir. Es fragt sich, wie in deinem letzten Satz, ob dies jedoch gesellschaftspolitisch gewünscht ist. Da habe ich auch meine Zweifel.

  7. Reblogged this on Sylvia Kling – Literatur and commented:
    Heute möchte ich Stefans Beitrag rebloggen, der mir vor wenigen Tagen aus der Seele gesprochen hat. Die Art und Weise, wir der Mensch sich von “billigem Material” benutzen lässt, wie Wesentliches “entWertet” wird, sollte uns durch diesen Beitrag hellhöriger denn je werden lassen.
    Ein Auszug:
    “Die Art wie Wissen, Wahrheit, Informationen und Kultur über die Medien vermittelt wird, zeichnet ein Bild einer Gesellschaft die lieber Bilder und Überschriften statt Wörter und Inhalte konsumieren.”

    Diese Thematik ist faszinierend genug, mich ggf. zu einem erneut kritischem Prosagedicht zu inspirieren. Das Buch von Postmann wird sehr bald mein Eigen genannt werden.

    • Dankeschön für das Rebloggen, liebe Sylvia. Schön, das der Artikel Dich weiter inspiriert hat. Die Lektüre des Buches lohnt auch nach 30 Jahren, weil das Thema nach wie vor aktuell ist. Und vor dem Hintergrund der neuen digitalen Welt sind die Auswirkungen auf die Gesellschaft eine von vielen Fragen.
      Liebe Grüße
      Stefan