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Helmut Schmidt (1918-2015)

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Bundesarchiv, B 145 Bild-F062763-0002 / Hoffmann, Harald / CC-BY-SA 3.0

(Bundesarchiv, B 145 Bild-F062763-0002 / Hoffmann, Harald / CC-BY-SA 3.0)

Persönlich bin ich Helmut Schmidt nie begegnet, gehört und gesehen habe ich ihn einige Male und viel gelesen. Trotzdem gibt es eine kleine persönliche Erinnerung die ich mit ihm verbinde. Als junger Mensch lernte ich bei einer befreundeten Familie eine Frau namens Ingrid kennen. Sie floh aus Deutschland, vor Beginn des 2. Weltkrieges nach England, heiratete, übte ihren Beruf als Lehrerin aus und lebte bis zu ihrem Tod in England. Schon beim ersten Kennenlernen bemerkte ich ihre Bewunderung für Helmut Schmidt und Marion Gräfin Dönhoff und für DIE ZEIT. Es entstand aus dem ersten Kennenlernen ein jahrelanger Briefwechsel, wo ich ihr u.a. Artikel aus DIE ZEIT mitschickte und sie mir wiederum englische Artikel schickte. Und wenn Helmut Schmidt beispielsweise in London zu einem Vortrag war, berichtete sie mir davon detailliert.

Zu Ihrem 80. Geburtstag wollte ich ihr eine persönlich gewidmete Karte, unterschrieben von Helmut Schmidt und Marion Gräfin Dönhoff, schicken. Ich schrieb dem Chefredakteur von DIE ZEIT und erklärte mein Anliegen. Schon eine Woche später bekam ich Post. Enthalten waren neben einem Schreiben der Chefredaktion zwei große Portät-Fotos und zwei handgeschriebene persönliche Widmungen von Helmut Schmidt und Marion Gräfin Dönhoff. Ingrid war “thrilled”. Und immer wieder freute sie sich sehr, das, wie sie sagte, der große Helmut Schmidt Zeit für sie hatte.

Es ist ein trauriges Jahr. Erst Richard von Weizsäcker, dann Peter Scholl-Latour und Egon Bahr und nun Helmut Schmidt. Es ist deswegen traurig, weil man sich automatisch umschaut und feststellt: da ist kaum jemand mehr, der einem die Welt erklärt. Schmidt zählte zu den wenigen, die das Glück hatten, nach ihrer politischen Karriere eine neue Karriere zu starten, als Verleger, Publizist und Philosoph. Seine Gedanken und Erinnerungen waren nie belanglos und sind der Weisheit sehr nahe gekommen. Seine “Schmidt-Schnauze” benannte Probleme mit klarer Kante. Aus seinen Worten konnte man Orientierung gewinnen, auch wenn man dabei manche Kröte zu schlucken hatte.

Was man von Schmidt lernen konnte: sein Wille und seine Neugierde. Erst in seiner Funktion als Mitherausgeber von DIE ZEIT erreichte er mehr Menschen als je zuvor und wurde für viele zur Ikone. Sein Arbeitspensum war bis zum Ende hoch. Er publizierte in den letzten Jahren mindestens ein Buch pro Jahr. Herbert Wehner, der frühere Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, unterschrieb gern seine Briefe mit “Ich diene”. Schmidt hat gedient, ein sehr langes Leben lang.

Helmut Schmidt war etwas sehr seltenes: ein Besserwisser, der es meistens tatsächlich besser wusste. Das Vermächtnis des brillanten Welterklärers Helmut Schmidt zeigt beim (Wieder-)Lesen seiner Artikel und Bücher umso deutlicher die Lücke auf, die nun sein Tod hinterlässt.

Dieses kleine Gedicht soll Schmidt in den letzten Jahren gern zitiert haben.
“The woods are lovely, dark and deep,
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.”
(Robert Frost)

Heute ist der vermeintlich letzte große Deutsche Staatsmann und Lotse seinen letzten Weg gegangen. Möge er in Frieden ruhen.

ZEIT Online hat eine Sonderseite mit weiterführenden Links zu seinen Artikeln angelegt.
SpiegelOnline hat ein Dossier erstellt mit Fotos und Videos.
Das politische Studio – Interview mit Helmut Schmidt aus 1969 (YouTube-Link)
NewYork Times: Helmut Schmidt, Assertive West German Chancellor, Dies at 96 (English)
The Economist: Helmut Schmidt has died, aged 96 (English)

Author: Stefan

Welcome to my personal microcosmos "Freiaum/Free Zone" in the most beautiful city of the world, in Hamburg. Just someone with a camera and a mission to record the extra and the ordinary. My hearts beats among other things for Photography, Culture and Art, Visual Art, Social Media, Communication, Storytelling, Music, Literature, Blog and Text.

22 thoughts on “Helmut Schmidt (1918-2015)

  1. Eine nette Anekdote erzählst du da zur Erinnerung an “seine Zeit”.
    Er war eine durch Taten sich erweisende politische Heldenfigur, der getan hat, was er für richtig und sinnvoll hielt, ohne damit offensichtlich an seinem politischen Ansehen zu arbeiten – im Gegensatz zu Helmut Kohl, der die überhastete Wiedervereinigung aus Eitelkeit zum Sockel seines Denkmals gemacht hat.

    • Er war ein Macher und ließ in seinen Artikeln in der ZEIT auch durchblicken, was er anstelle Kohls getan hätte. Und gerade in diesen unruhigen Zeiten wird seine Stimme und Meinung fehlen. Auf die Flüchtlingsthematik, so Peer Steinbrück gestern Abend im TV, hätte Schmidt, wäre er noch Kanzler, sich nach der Tagesschau und Heute im Fernsehen zu Wort gemeldet. Dann hätte er erklärt, wie er die aktuelle Situation sieht und wie er versuchen würde sie zu lösen. Wenn man hier mit älteren Menschen spricht, so sind sie nach wie vor sehr dankbar was Schmidt während der Sturmflut, gegen alle Gesetze, für die Menschen geleistet hatte.

  2. Lieber Stefan,
    ein würdiger Nachruf für einen großen Staatsmann.
    Als Kanzler hätte man ihn sich noch oft bei vielen Problemstellungen gewünscht, nun wird er mir auch bei der ‘Zeit’ fehlen.
    Wahrscheinlich der letzte seiner Art.
    Traurige Grüße nach Hamburg,
    Gerhard

    • Lieber Gerhard,
      wie sagte Schmidt: “Für mich bleibt das eigene Gewissen die beste Instanz”. Das wünschte man sich auch sagen zu können über andere. Er hatte Anstand mit klarer Kante. Und er gab Orientierung weil er eine Sprache sprach die jedermann verstand. Ein ganz Großer und wie Du richtig sagst, der wahrscheinlich letzte seiner Art. Und das trifft und berührt alle, egal ob sie ihn gemocht hatten oder nicht.
      Behalten wir uns den Willen und die Neugierde, in seinem Sinne.
      Liebe Grüße aus dem grauen Hamburg,
      Stefan

      • Lieber Stefan, in der Rückschau denke ich, dass in seiner Politik eine klare Linie erkennbar war, die Herausforderungen zu seiner Zeit waren nicht minder gewichtig wie heute, Wirtschafts-Rezession, Ölkrise, RAF-Terrorismus (vor allem da hat er wahre Größe und ein klares Konzept gezeigt, auch wenn die Entscheidungen in dem Zusammenhang alles andere als einfach waren), NATO-Doppelbeschluss, Ost-West-Problematik, ich will gar nicht wissen, wie das heute von den aktuell Regierenden gehandhabt worden wäre. Seine Einwürfe in seinem Hausblatt werden fehlen, sie waren ab und an unbequem, zum Nachdenken haben sie immer angeregt.
        Liebe Grüße aus dem wieder mal sonnigen München (Bergtour am Freitag war herrlich),
        Gerhard

      • Lieber Gerhard, da hast Du Recht. Auch wenn er Visionäre Menschen nicht mochte, so war er selbst einer, der früh die Bedeutung u.a. von China (Er war der erste Kanzler der China besuchte), Europa erkannte. Wie schrieb er in seinem lesenswerten Buch “Außer Dienst: Mein Ehrgeiz war nicht auf Ämter gerichtet, sondern auf Anerkennung, ähnlich wie ein Künstler oder ein Sportler Anerkennung durch Leistung sucht”. Zum Glück hat er sehr viel publizistisches hinterlassen. Mögen die nachfolgende Generationen sich seiner erinnern. Auch wenn nicht alles richtig war, er hatte zumindest eine Haltung. Und leider wird sich diese Lücke vermutlich nicht schließen, der er hinterlassen hat. Dafür war bereits zu Lebzeiten irgendwie unsterblich geworden.
        Hier ist es seit einigen Tagen zwar mild aber auch grau und teils regnerisch. Kein freundliches Wetter.
        Wenigstens konntest Du den Freitag zum Kraxeln nutzen. Gut so. Man muss den Moment nutzen.
        Liebe Grüße
        Stefan

      • Lieber Stefan, ja, sein Spruch “Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen” ist schon legendär. Seine Haltung habe ich immer bewundert, auch wenn ich mir beispielsweise eine kritischere Auseinandersetzung mit Leuten wie seinem Spezi Henry Kissinger gewünscht hätte, aber letztendlich beherrschte er die große Kunst der Politik wie kaum ein anderer.
        Liebe Grüße,
        Gerhard

      • Lieber Gerhard, auch wenn er mit klarer Kante handelte und sprach, so machte er auch Fehleinschätzungen. Das wusste er und er ging mit seinen Fehlern auch offen um.
        Es hatte auch etwas besonderes, das er in seinem Reihenhaus weiter lebte. Und die Weltpolitik war in Langenhorn zu Gast. Loki machte Würste und man saß zusammen und diskutierte. Das nennt man wohl Bodenständig. Und es bleibt auch die Helmut- und Loki-Stiftung die u.a. deren Förderzweck u.a. ist, für Europa und für die Verständigung und Versöhnung unter den Völkern.
        Theo Sommer schrieb in der ZEIT einen sehr guten Nachruf und endetete mit: An seinem Grab werde ich mit Matthias Claudius sagen: „Sie haben einen guten Mann begraben. Mir war er mehr.“ Und ich denke vielen anderen Menschen war er auch mehr.
        Liebe Grüße,
        Stefan

      • Lieber Stefan, das denke ich auch. Schöner kann man es glaub ich nicht auf den Punkt bringen. Der Michel dürfte bei der Trauerfeier aus allen Nähten platzen. In diesem Sinne,
        liebe Grüße,
        Gerhard

      • Lieber Gerhard,
        das wird wohl so sein. Ich denke, es wird ein sehr besonderer und andächtiger Tag werden, ganz in seinem Sinne.
        Liebe Grüße,
        Stefan

  3. Ich habe das unten stehende Zitat von ihm bis gestern nie wahr genommen aber es passt. “Keine Begeisterung sollte größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft.”
    Es ist wirklich schade, dass wieder einer der ganz Großen gegangen ist.

    • Du hast Recht. Auch wenn er vor dem Tod keine Angst hatte, so sehr hing er dennoch am Leben und irgendwie war er schon unsterblich geworden. Was hatte er alles zuvor überlebt. Irgendwie hatte er sich immer wieder berappelt.
      “Für mich bleibt das eigene Gewissen die beste Instanz” ist ein Ausspruch und Leitmotiv…was man leider nicht über viele andere sagen kann. Wie schrieb gestern Abend ein ZEIT-Journalist so treffend: “Die Luft wird besser sein und das Haus sehr leer”.

  4. Hat sich nie verbiegen lassen.
    In seiner Gefechtszone kann man das in dieser Konsequenz sicher nur Wenigen bestätigen.
    Dafür -und natürlich in Bewunderung seiner virtuosen Eloquenz-
    noch einmal Hut ab und größten Respekt!

    • Volle Zustimmung lieber KarlHeinz. Mehr als 30 Bücher in 30 Jahren, alles Bestseller und fast 300 Artikel im gleichen Zeitraum zeugen von seiner bis ins hohe Alter getragenen Schaffens- und Willenskraft. Theo Sommer schrieb in der ZEIT einen sehr guten Nachruf und endete mit folgendem Zitat: An seinem Grab werde ich mit Matthias Claudius sagen: „Sie haben einen guten Mann begraben. Mir war er mehr.“
      Hut ab für diese Lebensleistung mit Haltung.

  5. Da hast du eines meiner absoluten Lieblingsbilder genommen…..eine wunderbare Aufnahme und deine Gedanken dazu ebenso sehr treffend! lieben Gruß – Karin

    • Dankeschön Karin. Der Lotse ist seine letzte Meile gegangen und hinterlässt eine große Lücke.
      Liebe Grüße aus dem trüben grauen Hamburg
      Stefan

  6. Tolle Geschichte. Ja, Helmuth Schmidt war wirklich ein toller Mann, dem keiner das Wasser reichen kann. Ich bin sehr traurig, und dass Wetter zeigt, dass der Himmel auch weint. RIP.

    • Dankeschön. Die Traurigkeit ist momentan in vielen Herzen und man sieht es u.a. an den Reaktionen der Menschen. Er hatte Rückgrat und eine Haltung…von denen es leider immer weniger gibt. Ein ganz Großer ist seine letzte Meile gegangen.

  7. Sehr schöner Beitrag… Mir wird er auch fehlen. Ein Charakter, der für sich steht.
    Lg,
    Werner

    • Dankeschön Werner. Ich denke, er wird vielen fehlen. Vor allem seine Sicht auf die aktuelle Weltpolitik. Irgendwie war er schon zu Lebzeiten unsterblich. Wahrscheinlich wird sich diese Lücke nie schließen, die er hinterlassen hat. Man sieht es auch wie viele Menschen z.B. am Rathaus für ihn Kerzen, Bilder, Blumen aufgestellt haben.
      Liebe Grüße
      Stefan

  8. A fine tribute Stefan. A generation of statesmen is coming to a close, it is a great loss. I went to Wikipedia to read more on this iconic figure. Thank you for the wonderful article.