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Roger Willemsen (1955-2016)

10 Comments

Was für eine traurige Nachricht am Montag. Roger Willemsen ist am vergangenen Sonntag an seiner Krebserkrankung, die er im August des letzten Jahres öffentlich machte, gestorben. Sprache ist der Code, die Tür zur Welt. Das wusste wie kaum ein anderer Roger Willemsen. In den Medien wurden Nachrufe geschrieben und gesendet, ehemalige Kollegen(innen) kamen zu Wort und ein Wort hebt sich aus den vielen Nachrufen ab: Charme. Er besaß diesen besonderen Charme, die Wärme und die Authentizität und packte das Leben dort an wo er es weltweit fassen konnte. “Wenn man so privilegiert lebt wie ich und eine Öffentlichkeit finden kann und dazu noch im Bereich der Kommunikation arbeitet, also schreibt, dann sollte man um Himmels Willen irgendetwas tun, das anderen hilft.” Und er hatte zum Glück viel zu erzählen und Themen anzupacken.

Auch wenn es eine Phase gab, wo das Feuilleton ihn gehypt hatte und sich manche von ihm abwendeten, so setzte er dennoch seine Reise fort. Vielleicht war es die Neugierde die ihn immer wieder antrieb Menschen und andere Welten kennen zu lernen. Er war das Gegenteil von zynisch, mehr ein charmanter Wortwelterklärer und brillanter Erzähler. Wenn er im Radio zum Beispiel klassische Musik oder ein Jazz-Stück anmoderierte, dann mit der Empathie eines wahren Musikliebhabers, der begeistern und mitreißen konnte. Er besaß die Gabe, auch wenn man die Musik oder das Buch nicht kannte, seine Zuhörer für neue Themen zu interessieren. Vor Jahren hatte er bei Zweitausendeins eine monatliche Kolumne im Merkheft wo er Jazz Alben empfahl. Seine geschriebenen Wörter zu den Alben, gespickt mit persönlichen Erinnerungen, waren wie ein sprudelnder Brunnen in einer Wüste. Und ich kann sagen, das seine musikalischen Empfehlungen alles waren, aber nie langweilig oder uninteressant. Wenn er zum Beispiel über Charles Mingus schrieb konnte man die Musik lesen ohne sie zu hören und beim späteren Nachhören wurden seine Worte noch deutlicher.

Bei NDRKultur legte er seit Jahren in der Sendung “Willemsen legt auf” und paarte je einen Klassischen Song zusammen mit einem Jazz Titel. So konnte man beispielsweise folgende Kombination hören: Claude Debussy – En Bâteau (YouTube-Link) trifft auf Sidney Bechet – Blue Horizon (YouTube-Link)

Es zog ihn später auf die Bühnen der Theater. Er entwickelte Leseprogramme, arbeitete u.a. mit Dieter Hildebrand zusammen und schrieb einen universellen Dialog der beiden über die Zeitgeschichte der Lüge. Die ZEIT (ZEIT Online Nachruf von Matthias Kalle) war mit Fug stolz, das er dort vierteljährlich die Jahreszeiten ironisch, fein und aktuell beschrieb. Seinen verbalen Zeigefinger steckte er besonders zum Thema Medien in eine immer größer werdende Wunde, der Unterforderung der Massen durch die Fernsehsender. Er war ein Meister der Rede und ein kritischer Beobachter.

Schriftsteller und Publizisten wie Roger Willemsen sind rar. Neben seiner enormen Bildung war er auch ein glänzender Rhetoriker und Weltenbürger, nutzte die Medien und Popularität um auf ernste Themen wie z.B. Guantanamo, Afghanistan, Afrika aufmerksam zu machen. Seine Königsdisziplin blieb jedoch das Interview wo er mehr als 2.000 Interviews mit Menschen führen konnte, die ihn interessierten.

Und er besaß eine Haltung, was schon viel war, und er zeigte sie auch öffentlich, was ihn von den meisten unterschied. Er war stets ein Reisender und setzte auf kulturelle Verständigung. Dieser Satz von Jean Luc Godard soll ihm u.a. Leitmotiv gewesen sein: “Es haben viele Leute den Mut zu leben, aber wenige darüber zu erzählen.” Das große Glück war, das Roger Willemsen den Mut dazu hatte und wir daran teilhaben durften.

“Der Sinn besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Nicht nur Spaß zu haben.” (Roger Willemsen)

Hier noch zwei weitere schöne Nachrufe. Nils Minkmar zum Tod von Roger Willemsen. (SpOn-Link) Und Lukas Heinser von Coffee And TV mit persönlichen Erinnerungen.

Author: Stefan

Welcome to my personal microcosmos "Freiaum/Free Zone" in the most beautiful city of the world, in Hamburg. Just someone with a camera and a mission to record the extra and the ordinary. My hearts beats among other things for Photography, Culture and Art, Visual Art, Social Media, Communication, Storytelling, Music, Literature, Blog and Text.

10 thoughts on “Roger Willemsen (1955-2016)

  1. Danke für diesen schönen Artikel über einen besonderen Menschen.
    Lg,
    Werner

  2. Ein echter Verlust. Danke für deine Würdigung!

    • Dankeschön Markus. Er war einer der Großen Welterklärer, Beobachter und Kritiker der fehlen wird. Was für eine Größe er war wird deutlich, da so viele wunderbare Interviews und Artikel von ihm von allen im Netz geteilt werden.

      • Da wurde echt ein großes Loch gerissen. Habe ihn sehr gemocht und für seine Vielfalt, seinen Intellekt und seine Nähe bewundert. Er wird fehlen!!!

      • So geht es mir auch. Auch wenn er viel und gern gesprochen hatte, es war keinesfalls belanglos. Und mit welcher Konsequenz er seine Projekte durchgezogen hatte, war beeindruckend.
        Er wird definitiv fehlen. Die Lücke, die er hinterlässt, wird uns oft an ihn zurück denken lassen und uns fragen, wer soll jetzt darauf eine Antwort geben. Was für ein Verlust.

  3. Ich habe ihm sehr gerne zugehört. Seine Stimme, die Wortwahl und die ganze Art seiner Kommunikation hat mich gefesselt. Selbst dann, wenn ich seinen Gedankengängen nicht immer folgen konnte.

    • Er war auch ein brillanter Erzähler. Wie sagte er treffend: »Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten.«
      Er fehlt, auch wenn ich ihm ebenso nicht immer gedanklich folgen konnte. Aber das war (s)eine lohnenswerte Herausforderung und Einladung. Solche Menschen sind rar geworden und ihr Verlust wiegt immens.

  4. Lieber Stefan,
    Danke, dass Du hier Raum gegeben hast für Roger Willemsen. Ich hatte darauf vertraut, dass du Worte findest, die mir fehlen. Ende Januar hatte ich Karten kaufen wollen für einen Rezitationsabend mit Roger Willemsen im März 2015. Als ich an der Verkaufsstelle war, sagte man mir, er hätte gerade abgesagt.
    Dies Erleben und auch die heutige Sendung “Willemsen legt auf” klingen in mir nach,
    werden leiser und leiser.

    Ich wünsche uns allen gute Erinnerungen an ihn.
    Liebe Grüsse – Uta

    • Liebe Uta,
      danke sehr für die Zeilen. Ich glaube, er hat so vielen Menschen Musik, Themen, Bücher, Texte, Geist und Humor zugänglich gemacht, mit seinem einzigartigen Charme. Er konnte Menschen begeistern und das auf eine feine und oft direkte Art die nie oberlehrerhaft war. Am Sonntag sprachen wir hier beim Kaffee noch über ihn und ich hatte den Wunsch und die Hoffnung, das er im Frühling wiederkommen wird. Das wird nun nicht mehr passieren. Zum Glück hat er soviel publizistisches hinterlassen, so das man immer wieder auf ihn zurück greifen kann und wird. Er wird uns allen in allerbester Erinnerung bleiben, weil er eine große Lücke hinterlassen hat. Und die große Anteilnahme hätte ich ihm sicher gefallen.
      Liebe Grüße,
      Stefan