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Die Ohren ausputzen

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Dieses Mal gibt es eine musikalischen Paarung die das Wirken eines Produzenten und die eines Dirigenten wie auch die Wichtigkeit eines einzelnen Akkords aufzeigen wird.

Vor wenigen Tagen verstarben zwei Große Künstler in der Musik: Sir George Martin im Alter von 90 Jahren, der u.a. die meisten Beatles-Lieder produzierte und der Dirigent Nikolaus Harnoncourt im Alter von 86 Jahren.

Sir George Martin war mehr als nur der Produzent. Er verschmolz die Aufgaben eines Produzenten, die des Arrangeurs und Ideengebers und Mentors zu etwas neuem. Paul McCartney sagte in einem Interview, als er das erste Mal auf Martin traf, das er ihn fragte was er den Beatles beibringen könnte. Martin antwortet ganz Gentlemanlike mit: alles was ihr wollt. Er inspirierte die Beatles, forderte und förderte sie zu ihren kreativen Hochphasen. Als Glanzstück dieser glücklichen Melange aus Genie und Kunst war vermutlich das 1967 erschienene Album “Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band” und daraus der letzte Song “A Day In The Life”. Ein Song, inspiriert von dem 1 Jahr zuvor vorgelegten Beach Boys Song “Good Vibrations”. Das Lied gliedert sich in zwei Fragmente die jeweils unabhängig voneinander McCartney und Lennon komponierten. Bei den Aufnahmen bestand Uneinigkeit darüber wie man nun beide Fragmente verbinden sollte. Es wurde dann die Variante gewählt ein Sinfonieorchester mit hinzuziehen. Diesen Part übernahm Martin. Die Aufnahmen dazu sollten locker, quasi als Party, ablaufen und so holten man sich Freunde wie Mick Jagger, Keith Richards, Marianne Faithful u.a. mit dazu. Die Sinfonischen Musiker trugen dazu Pappnasen und Hüte und das ganze wurde, wie im Video zusehen ist, auf 16mm Film aufgenommen. Enden tut das Lied mit einem lauten langgezogenen E-Dur-Akkord auf mehreren Klavieren. Die Originalaufnahme habe ich nicht gefunden. Dafür eine remasterte Fassung von George Martin. Dieses Lied inspirierte später andere wie z.B. Queen “Bohemian Rhapsody” oder Richard Harris “MacArthur Park“.

Nikolaus Harnoncourt wurde am Nikolaustag 1929 in Berlin geboren, siedelte kurze Zeit später ins Österreichische Graz über. 1952 begann seine musikalische Karriere als Cellist bei den Wiener Philharmonikern, damals unter der Leitung von Herbert von Karajan. Anfang der 70´er Jahre, gegen seinen Willen, weil er sich nicht als Dirigent sah, wurde er dennoch Dirigent. Schon früh interessierte er sich für das Alte Werk und fragte sich auf welchen Instrumenten Monteverdi u.a gespielt haben. Denn viele Barockinstrumente gab es nicht mehr und wurden nicht mehr gebaut. Er beschrieb literarisch anschaulich das jeder Akkord ein Motiv hat und suchte das Ursprüngliche in der Musik. Diesen Prozess benannte er in einem Interview mit “Die Ohren ausputzen”. Zeitlebens war er ebenso ein Studierender und Wiederentdecker der Barock-Musik und öffnete diese Schatulle zu einem neuen Klangerlebnis Altes wieder neu zu hören. Doch er spielte nicht nur die Alten Meister, sondern auch Komponisten wie u.a. Beethoven, Schumann, Bizet, Bartok, Gershwin. Und was ebenso eine Lebensleistung ist: er spielte erstmals alle 193 Bach-Kantaten ein.

Den schönsten Nachruf auf ihn schrieb er selbst, als er im Dezember 2015 in einem offenen Brief seinen Rückzug vom Dirigentenpult bekannt gab. “…Zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal hat sich eine ungewöhnlich tiefe Beziehung aufgebaut – wir sind eine erfolgreiche Entdeckergemeinschaft geworden! Da wird wohl Vieles bleiben.”

Hier zu hören die Johann Sebastian Bach-Kantate, BWV 147, “Herz und Mund und Tat und Leben” mit dem Concentus Musicus Wien.

Author: Stefan

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20 thoughts on “Die Ohren ausputzen

  1. Lieber Stefan,
    kleine Anmerkung am Rande: der ganze Name von Nikolaus Harnoncourt ist ähnlich exotisch-interessant wie der von Brian Eno: Johann Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt (siehe Nachruf von Jürgen Flimm in der aktuellen ‘Zeit’).
    Liebe Grüße,
    Gerhard

    • Lieber Gerhard,
      eine wunderbare Anmerkung die gut passt. Das sind wirklich exotisch klingende Namen wie man sie heute wohl nur noch selten liest. Gut das Brian Eno noch “jung” ist. Und wieder habe ich etwas gelernt, da ich den bürgerlichen Namen von Brian Eno nicht kannte. Bloggen bildet immer wieder.
      Lieber Grüße,
      Stefan

      • Lieber Stefan,
        man muss diese Namen sowieso nachlesen, merken kann sich das eh keiner… ;-))
        Liebe Grüße + ein schönes Wochenende,
        Gerhard

      • Lieber Gerhard,
        dennoch klingen sie schön. Wie war das mit dem Merken. Man muss nur wissen wo man nachschauen muss🙂
        Liebe Grüße aus dem sonnigen (und kühlen) Norden,
        Stefan

      • Lieber Stefan – so ist das… ;-))
        Genieße die Sonne, ihr habt wenigstens eine, bei uns ist es nur kühl…
        Liebe Grüße,
        Gerhard

      • Lieber Gerhard,
        einen strahlend blauen Himmel haben wir nicht und es ist zu kühl. Dennoch werde ich die Sonne draußen genießen gehen. Und nachdem Pauli gestern leider verloren hat, drücke ich den Löwen die Daumen.
        Liebe Grüße,
        Stefan

      • Lieber Stefan,
        danke, vielleicht hilft’s was, Leipzig wird schwer.
        Liebe Grüße,
        Gerhard

      • Schwer ja, aber vielleicht geht trotzdem was. Ich wünsche es den Löwen. Da zählt jeder Punkt. Morgen nachmittag wissen wir mehr.
        Liebe Grüße,
        Stefan

  2. Eine Paarung die musikalisch für mich sehr bedeutend ist und war! Sehr schön die beiden in einen Beitrag zu geben….ein doppelter Hörgenuss!
    Lieben Gruß – Karin

    • Die Musik zeigt uns immer wieder, das es keine Grenzen gibt. Dankeschön Karin für das Lob. Das Werk beider Künstler ist erheblich und wird auch nicht vergessen werden. Der Satz von Harnoncourt klingt nach: “Da wird wohl Vieles bleiben.” Ja, das stimmt.
      Lieben Gruß,
      Stefan

  3. “A Day In The Life” war und ist mein Lieblingssong von den Beatles. Das Video ist für seine Zeit innovativ, kannte ich gar nicht. Aber auch an Nikolaus Harnoncourt bin ich hier hängengeblieben, da lief doch schon das dritte Stück🙂. Sehr schön und beides wird bleiben. Interessant auch immer deine Ausführungen.
    LG, Conny

    • Dankeschön Conny. “A Day In The Life” ist auch mein Lieblingslied der Beatles. Und ich mag gern kleine Details, Geschichten dazu erzählen oder gern auch ein seltenes Video dazu stellen. Harnoncourt hat mich schin früh begeistert, weil er in der Lage war, alte Musik einerseits gut zu erklären und andererseits Menschen anzustecken, zu begeistern alte Musik neu zu entdecken. Und das üppige beiden Erbe bleibt und wird weiter gereicht werden und auch in der Zukunft kommende Generationen erreichen.
      Liebe Grüße,
      Stefan

  4. I was very sorry to hear of the passsing of George Martin who had a tremendous influence on British music. His music and the wonderful works Nikolaus Harnoncourt will not be forgotten. Thank you for fabulous links!

    • One may say that Martin was an innovator. He was producer and still an musical arranger, mentor and brought the Beatles on a new and higher creative level and kept his typically british style as a polite Gentleman.
      For me Harnoncourt was a wonderful master in explaining how important for example baroque music is. As he wrote in his last letter in December as he announced his retreat as conductor, there is much what will remain. And thank you for the compliment. I am glad that you like the links.

      • Always a pleasure. My buddy who passed away two years ago was a musical whiz, synthesist, and polyglott rolled into one, it’s nice to come to Freiraum and read on about musical history and history makers! Danke Stefan.

      • Freiraum means among other things creating leeway, a place for text and images and sometimes still for musical history. And it is always a pleasure and honour to read your lovely compliments. Dankeschoen Holly.