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Pardon

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Selbsterkenntnis ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit und irgendwie nicht weit verbreitet im Land des Fußballweltmeisters. Vor 2 Jahren gab es den sportlichen Triumph in Brasilien und Deutschland wurde Fußballweltmeister. Es ist ebenso allzu menschlich das nach einem großen Erfolg der vermeintliche Absturz folgt.

Wer sich an den Spielen der Nationalmannschaft bei der EM abgearbeitet hat vergisst, dass die entscheidenden Fehler vor Turnierbeginn gemacht worden sind. Deutschland spielte nach der WM eine gelangweilte Qualifikation ohne Höhepunkte. Einige Spieler gaben sogar zu, dass sie manche Gegner nicht allzu ernst genommen hatten. So verlor man u.a. Spiele gegen Irland oder Polen. Mahnende Worte von z.B. Boateng wurden gern überhört. Wie heißt es im Phrasenbuch: Deutschland ist eine Turniermannschaft. Und Löw wird mit seiner Vorbereitung wieder alles richtig machen.

In den vergangenen 2 Jahren ist es Löw nicht gelungen die Rücktritte von Lahm, Mertesacker, Klose zu kompensieren, Lücken zu schließen und junge talentierte Spieler aufzubauen die nachrücken. Nach wie vor gibt es Defizite in der Defensive, im Mittelfeld und in der Offensive. Dank des neuen Spielmodus bei der EM und den Setzlisten gab es erst im Viertelfinale mit Italien den ersten ernsthaften Gegner auf Augenhöhe. Die Spiele zuvor gegen unterklassige Mannschaften dienten der Vorbereitung für die großen Spiele und haben kaum Aussagekraft. Gerade zu den großen Spielen trafen die Aussagen von Löw auf die Realität. Schließlich hatte er wie er sagte “23 gleichwertige Spieler” im Kader. Und dazu den Weltmeistertitel auf der Visitenkarte. Natürlich fehlten wichtige Spieler verletzungsbedingt. Dennoch wurden vorschnell bereits im Vorfeld mögliche wichtige Spieler gänzlich aus dem Kader gestrichen oder ohne Not gar nicht nominiert.

Es gibt aktuell in Europa keine dominierende Nationalmannschaft mehr. Vorbei sind die Zeiten als Spanien den Europäischen und Weltfußball dominierte. Die Schwächen der anderen…in diese Lücke hätte die deutsche Mannschaft hinein schlüpfen können und Löw der erfolgreichste Trainer aller Zeiten werden. Zudem war das Niveau bei der EM niedrig und Deutschland in der Lage sich zu steigern. Doch wer das Risiko scheut und taktisch darauf bedacht ist, dass der Gegner kein Tor schießt, hat nicht verstanden was den Titel als Fußballweltmeister ausmacht.

Nach dem Spiel gegen Frankreich fehlte es besonders an Selbstkritik, Demut, den leisen Tönen nach einer Niederlage. Selbst 1 Tag später gab es keine sachliche Analyse über Fehleinschätzungen, wie z.B. eines nicht optimal zusammen gestellten Kaders. Auch gab es keine lobende Worte für das Team der Franzosen, die unter einem ganz anderem Druck standen und verdient gewonnen hatten.

Das Kritik am Bundestrainer oder dem DFB dem Hochverrat gleichkommen, musste u.a. ARD-Experte Scholl merken. Dennoch, wer die Realität ausblendet und sich schnöde Spiele schön redet, hat leider in den letzten 2 Jahren, nichts dazu gelernt. Der DFB hat ein Luxusproblem zusammen gefasst in einem Satz: das Halbfinale erreicht und das Soll erfüllt. Verlieren zu können ist eine eigene Disziplin. Was sind Siege wert? Was kann man aus Niederlagen lernen? Verblendet vom eigenen Glanz. Allein der Französische Spieler Griezmann hat mehr Tore geschossen als alle Weltmeister zusammen.

Zum Schluss etwas Medienkritik. Was mir gefallen hat, waren die vielen ausländischen Gäste zu den Spielen. Manch einer hätte gern länger bleiben können. Die Idee ist gut und ausbaufähig. Bitte mehr davon. Weniger gut ist die Schwarz-Rot-Goldene Brille mancher Kommentatoren. Über die traditionelle Hofberichterstattung aus dem jeweiligen Hotels und Trainingsplätzen der Nationalmannschaft und die Interviews mit dem Bundestrainer…nun ja, sie war wieder ohne Erkenntnis und entbehrlich. Was bleiben wird an Bildern sind die singenden Fans der Iren und Nordiren und Waliser und natürlich das Huh der Isländer und so manches schönes Tor. Vielleicht sollte Löw mit allen Spielern Urlaub in Island machen um den Kopf wieder frei zu bekommen.

P.S. Für die UEFA, dem europäischen Fußballverband, ist die EM bereits ein finanzieller Erfolg. Nach bisherigen Schätzungen wird man 1,9 Mrd Euro einnehmen, bei Ausgaben von 1,1 Mrd Euro bleibt ein Gewinn von 800 Mio Euro…Platinis Erbe. Und man wird weiter machen den Fußball zu kommerzialisieren um den letzten Cent auszuquetschen…bis die Blase platzen wird. Geld macht heute im Profi-Fußball den Unterschied. Langeweile inklusive.

Author: Stefan

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16 thoughts on “Pardon

  1. Ich gestehe an dieser Stelle einmal mehr, dass mich Fussball als Spiel nicht interessiert, aber auch ich komme ja an seinen Auswirkungen nicht vorbei und die Kommerzialisierung des Sports, insbesondere des Fussballs, hat in Deutschland ja leider nicht nur regelmässig eine Konsumwelle zur Folge, sondern hat leider auch in den vergangenen Jahren zuvor das stückweise politische Ruckeln nach rechts mehr zu verantworten als es Kriege und Flüchlingsströme der jüngeren Zeit konnten. Also habe sogar ich dazu einen Kommentar zu schreiben, denn ich finde diese Art der wirtschaftsgesteuerten blinden Sportseligkeit quer durch alle intellektuellen und gesellschaftlichen Schichtungen brandgefährlich, und jeden Flyer im Briefkasten, der die Menschen unter dem Deckmäntelchen der schwarzrotgoldenen Fussballbegeisterung zu noch mehr Bratwurst, Bier und noch breiteren Fernsehern verführen will, wirkt auch demagogisch. Wo aber so viel Geld verdient werden kann, weil die Konsumenten nicht nur aus Fussballstolz zu Fanatikern werden, haben Verbände und Industrie in ihrer skrupellosen Ignoranz und Gewinnsucht für mich schon längst den Sinn des Sports verraten..

    • D´accord. Solange die Nahrungs- und Verwertungskette funktioniert wird es immer weiter gehen. Das sehe ich ebenso mit Skepsis. Das mit dem nach Rechts ruckeln sehe ich etwas differenzierter. Zweifellos sind Bilder von der Fanmeile in Berlin mit grölenden Zuschauern in eindeutigen Posen schlimm. Gleiches gilt für Aussagen über vermeintliche Nachbarn.Dennoch kann der Fußball auch ein positives Symbol sein. Sollte beispielsweise Frankreich die EM gewinnen, so könnte der Titel weit mehr erreichen als es die Politik tun kann. Der Fußball kann Grenzen überwinden, Menschen zusammen bringen und Barrieren in Köpfen abbauen. Das in der Entwicklung immer mehr wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen gehört zu den negativen Nebeneffekten und Auswüchsen. Umso mehr freut man sich wenn die sog. kleinen Länder wie Island, Wales, Irland usw. für Begeisterung sorgen. Selbst wenn die Mannschaft verliert, werden sie von den Fans gefeiert. Szenen die bleiben und zeigen wie einfach und schön Fußball sein kann. Da können wir hier im Land noch einiges lernen. Und wie nebensächlich Fußball schnell werden kann, habe ich am Donnerstag erlebt, als die Todesnachricht von Wolfram Siebeck in den Nachrichten kam.
      Genießen wir den Moment und den heute mal angenehmen warmen und sonnigen Tag.

  2. Soccer is becoming more and more popular here in the states with impressive coaches from around the world. Unheard of ten years ago, soccer has become a popular sport with our universities. We are disappointed our men’s soccer team did not qualify for Rio but very pleased that our women’s team made the finals and will be in Rio. Thank you for this very interesting article on professional football in Europe Stefan! Have a great day.

    • Let me still thank you for the information. I remember that Obama supported the US-Team in Brasil with lots of statements. It is good that soccer has been becoming more popular in the states. I am interest on the Metro League Soccer. Because the club manager making a really good job. In Europa just only money counts. On the other side the MLS is a good example how to build up a brand. Have a great day too Holly!

  3. Danke für den differenzierten Post! Ich kann Dir grundsätzlich nur zustimmen. Ich hatte die unerwartete Gelegenheit, das Halbfinale in Marseille miterleben zu dürfen. Was mich besonders beeindruckt hat war das fröhliche Miteinander der deutschen und französischen Fans vor, während und nach dem Spiel. Während Fankrawalle in den Medien immer im Fokus der Berichterstattung stehen, wird die gemeinschaftliche Begeisterung für den Sport als wenig schlagzeilenförderlich leider nicht ausreichend gewürdigt. Ich habe deutsche Fans gesehen die voller Inbrunst auch die französische Hymne mitgesungen haben und französische Fans, die die enttäuschten deutschen nach dem Spiel in den Arm genommen haben. In den ganzen zwei Tagen rund um das Spiel war Marseille Schauplatz eines deutsch-französischen Volksfestes. Und das war die eigentliche Erfahrung, die ich mitgekommen habe. Neben der grandiosen Atmosphäre im Stadion. Denn Fußball ist am Ende doch nur ein Spiel!

    • Das ist wahr. Danke für den Bericht mit den positiven Erfahrungen. So sollte es immer sein. Denn der Fußball kann ein verbindendes Element sein…und sei es nur für 90 Minuten. Krawalle sind immer gut für Schlagzeilen. Bad News are Good News. Das wird sich vermutlich nicht ändern. Auf jeden Fall nimmt Frankreich, so meine Beobachtung, eine positive Grundstimmung aus dem Turnier mit. Und das tut dem Land gut. Freuen wir uns zum Abschluss auf ein mögliches spannendes und schönes Finale.

  4. Stefan,
    wie immer großartig, stimme dir in vielem zu. Leider wird die nächste WM politisch so vorbelastet sein, dass sie noch weniger Spaß machen wird. Dennoch: lassen wir uns nicht verdrießen!
    Gerd

    • Danke Gerd. Übrigens, Frankreich setzte sich 2009 bei der UEFA mit 7:6 Stimmen gegen die Türkei durch und wurde als Austragungsort bestimmt. Es hat nicht viel gefehlt.
      Jetzt geht es 2017 zum Confed Cup nach Russland, 2018 die WM in Russland, 2020 zur EM quer durch Europa und 2022 nach Katar. Das werden Zeiten werden wo unsere Geduld strapaziert werden wird. Dennoch werden viele emotionale Geschichten des Fußball u.a. durch Länder wie Island erzählt. Lassen wir uns nicht verdrießen…wie wahr.

  5. Lieber Stefan :
    ..auch dazu ein herzliches
    Hu-Hu-Hu-Hu
    aus deiner hupferlnden Fankurve!
    KarlHeinz

    • Das erwidere ich gern lieber KarlHeinz. Für mehr Hu nicht nur in den Fankurven.
      Liebe Grüße ins Zentrum der Spätzleskultur
      Stefan

  6. In der letzten Woche ist auf “Spiegel plus” ein Interview mit Lucien Favre erschienen; ich habe es zwar nicht in Gänze gelesen, doch mir reichte der eine Satz “die Fans werden diese Entwicklung auf Dauer nicht mittragen”. Damit bezog er sich auf zwei Faktoren: die immer stärker (und offen zur Schau getragene) werdende Kommerzialisierung des Fußballs und damit oft einhergehend die zunehmende Langeweile des kompletten Spielbetriebs.
    Ich würde mir genau diese Entwicklung wünschen, um den Fußball wieder zu einem begeisterungsfähigen Sport werden zu lassen. Denn erst wenn Umätze und Erlöse rückläufig sind, werden andere Entwicklungen möglich. Das meint nicht nur die Gestaltung der großen Turniere, sondern auch den Sklavenbetrieb Fußball, in dem Menschen wie Vieh gehandelt werden und mit immer höheren “Marktwerten” eine Elitefußball kreieren, wo nur ganz wenige Titel unter sich ausspielen (auch und gerade im Vereinsfußball).
    Die Spiele dieser EM in Frankreich wirkten auf mich wie inszenierte Schaukämpfe im pompösen Rahmen: Einzig und allein mit dem Ziel, Geld zu verdienen. Was rauskam, war Langeweile (und auch die ballschiebende deutsche Mannschaft spielte einen langweiligen Fußball. – Es ist eben nicht spannend, den Ball um den Strafraum kreisen zu lassen – das wissen wir doch seit Pep bei den Bayern war).
    Ich ahne, es braucht eine kleine “Revolution” um Funktionäre zu wecken.
    Danke für deinen guten Beitrag, Stefan. Eine schöne Woche für dich.

    Lg,
    Werner

    • Favre hat Recht. Doch die Vermarktungskette funktioniert noch. Es sind nicht nur die Fans und Zuschauer, sondern auch die Fernsehsender, Merchandisingunternehmen u.a. die davon finanziell profitieren. Und die Aussicht auf die kommenden Turniere in Russland, Europa und Katar werden, was die Politisierung betrifft, noch ganz andere Höhen erreichen.
      Ein Beispiel: Wenn man sich z.B. in der Premier League in England umschaut werden bereits Vereine aus, sagen wir, nicht ganz Geldquellen finanziert. Nehmen wir nur den Franzosen Pogba. Einst bei Manchester United nicht erfolgreich und kostenlos an Juventus Turin abgegeben soll nun für 100 Mio Euro oder mehr wieder zurück kommen. Solche Beträge für 1 Spieler sind nicht mehr zu refinanzieren. Solange die Fans in die Stadien strömen, die Sender (einschl. Pay TV) stundenlang senden, wird sich nichts ändern. Da braucht es schon den Paukenschlag, damit Funktionäre wieder aufwachen und den Sport, der so wunderbar sein kann, wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Doch bis dahin wird es vermutlich noch dauern.
      Dankeschön Werner für die passende Ergänzung auf den Spiegel-Artikel.
      Dir bitte ebenso die schöne und entspannte Woche.
      Behalten wir uns die Contenance.
      Liebe Grüße,
      Stefan