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Auf der Reeperbahn

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Sankt Pauli
Zufällig stieß ich auf ein kurzes Essay von Kurt Tucholsky, der 1927 Hamburg und Sankt Pauli besucht hatte. Mitarbeiter der Mitternachts-Mission verteilten Zettel mit der Warnung sich von den Häusern mit den verschlossenen Fensterläden fern zu halten. Sein Fazit fiel dementsprechend aus:
“Sankt Pauli ist sehr brav und fast gut bürgerlich geworden. Der stöhnende Trubel der Inflation ist dahin; und es gibt keine ›Sailors‹ mehr, die vier Monate auf dem Meer mit dem Schiffszwieback und den Ratten und dem Kapitän allein waren, und vier salzige Monate lang keine Frau mehr gesehen hatten; und es gibt nicht mehr diese tobenden Nächte und nicht die bunten Verbrechen … Oder liegt es an uns, an unsern Augen –?”
Kurt Tucholsky, 1927, Auf der Reeperbahn nachts um halbeins (Zeno.org)

Das obere Foto zeigt die sog. “Swing Towers” auf Sankt Pauli mit einem dynamischen Himmel. Da ich besonders gern in Richtung Himmel schaue und Wolken mich begeistern, konnte ich nicht widerstehen das Foto zu machen.

Mehr zu den “Tanzenden Türmen” und der Geschichte gibt es in der Wikipedia.

Blickt man heute auf Sankt Pauli, und so schließt sich mit dem Foto oben der Bogen von der Vergangenheit zur Moderne. So findet man heute noch alte Gebäude und Geschichte neben und auf der Reeperbahn. Trotzdem bleibt bei all den architektonisch schön anzusehenden Designer-Hotels usw. ein schaler Beigeschmack. Das sich Stadtteile verändern ist das eine. Doch wenn dabei Stück für Stück alte Tradition weichen muss und abgerissen wird, macht das nachdenklich. Es wäre zu begrüssen, wenn die Stadtentwicklung- und Planung mehr Verantwortung zeigen würde und einen integrativen Bogen spannen würde, von der Tradition zur Moderne. Auch eine Subkultur gehört mit zur Kultur und dem Bild einer Stadt. Für zukünftige Bauprojekte wäre es sinnvoller, wenn man die Betroffenen Bürger von Beginn an in die Planungen involviert, bevor es zu Protesten kommt. Denn ein Miteinander gehört mit zu einem bewegten Stadtbild.
Sankt Pauli

Short summary in English
The known german writer Kurt Tucholsky visited in 1927 in Hamburg/ Saint Pauli. He wrote a short essay and his conclusion was not really optimistic. I am sorry but the text is only available in German language. Both photos were taken at the “Reeperbahn” in Hamburg/Saint Pauli. The first photo shows the “Swing Tower Building”. What looks interesting in architecture has still another side. It makes me thoughtful how fast piece by piece old tradition must yield and will demolished. My point is that it would be better if the urban department would show more responsibility in order to include and keep the tradition. Still a subculture belong to the city. For future projects it makes more sense to involve first the concerned inhabitants and not to wait for the first protests. Integration belong still to a cityscape.

Author: Stefan

Welcome to my personal microcosmos "Freiaum/Free Zone" in the most beautiful city of the world, in Hamburg. Just someone with a camera and a mission to record the extra and the ordinary. My hearts beats among other things for Photography, Culture and Art, Visual Art, Social Media, Communication, Storytelling, Music, Literature, Blog and Text.

13 thoughts on “Auf der Reeperbahn

  1. Da war Herr Tucholsky mal wieder sehr hellsichtig und scharfsinnig. Toller Beitrag mit wie immer erstklassigen Fotos.

    • Danke Birgit. Interessanter Nebenaspekt war, dass in den 20´er Jahren sich vielen Chinesen mit ihren Chop Suey Küchen auf St.Pauli angesiedelt hatten…neben den Opiumhöhlen. Na ja, nach 1933 wurden mehr oder weniger die Chinesen vertrieben.
      Es gibt noch einen Aufsatz bzw. Brief an seinen Hamburger Freund Fritsch aus dem Jahre 1928 wo er von der Hamburger Alster und Elbe schwärmte.

      • Das sind interessante Details! Chinatown in Hamburg … Vielleicht kombinierst Du ja mal Tucholsky HH-Flüsse-Schwärmerei mit schönen Fotos von Dir?

      • Von Elbe und Alster gibt es doch schon (schwärmerische) Fotos. Und auf seinen Wegen nach 99 Jahren zu wandeln ist schwierig, da die Häuser usw. schon lange nicht stehen. Auch das alte St.Pauli kann man sich nur noch auf Archivaufnahmen anschauen. Ich fand es auch interessant, dass Sankt Pauli ein kleines Chinatown war. Doch leider, die dunklen Jahre folgten bald.

  2. Ich teile deine Gedanken zur verantwortungsvollen Stadtentwicklung und zur Planungseinbeziehung der vor Ort lebenden Menschen. Es muss nicht jeder überall hereinreden, aber die Information muss weitergegeben werden und Menschen angehört werden …
    Interessant, was Herr Tucholsky schon damals für sich feststellte.
    Ich muss eingestehen, die Details zu den Chinesen kannte ich bis jetzt überhaupt nicht. Wieder etwas Neues gelernt. Vielen Dank!

    Mir gefallen die heutigen Fotos von dir übrigents mal wieder ganz außerordentlich gut, Stefan! (Ich merke es immer daran, dass ich mehrmals zurückgehe und neu darauf schaue … ^^)

    • Das freut mich Michèle. Dankeschön für das Lob. Im Mare Magazin gab es dazu einen Artikel, der etwas die Stimmung der damaligen Zeit beschreibt, den ich online gefunden habe: http://www.mare.de/index.php?article_id=470
      Wie wird es wohl damals auf der Reeperbahn gerochen haben? Bis in die 30´er Jahre gehörte St.Pauli noch zu Altona. Ich weiß noch, dass das alte Hippodrom in der Großen Freiheit 10/12 stand. Der spätere Film mit Hans Albers hieß Große Freiheit Nr. 7 und im Film konnte man das Hippodrom wieder sehen. Doch bis auf die Eingansgsequenz und eine weitere Hafenszene wurde nichts davon in Hamburg gedreht. Die Dreharbeiten fanden in Prag statt.
      Zur Stadtplanung kann ich manchmal nur den Kopf schütteln. Zumindest haben Proteste oft etwas gebracht. Mehr Miteinander und es wäre vieles besser.
      So habe ich zu 2 Fotos von der Reeperbahn einen kleinen Bogen über fast 100 Jahre geschlagen.
      Liebe Grüße,
      Stefan

  3. I enjoyed learning more about the Reeperbahn Stefan. I was able to find it in Wikpedia here. It is important to preserve history even in the wake of change. On a side note I read that John Lennon stated that he spent so much time in Hamburg he considered it home and the Beatles played in many clubs in the Reeperbahn before becoming world famous, including the Star-Club. Very educational, enteraining, and thoughtful article as always Stefan, thank you so much!

    • I am glad that you find it in the Wikipedia. In the early 60´s the Beatles played in different clubs in Hamburg. It was the time where the Mersey Beat from Liverpool was popular. And the bands like the Beatles had to play across Europa to earn some money. But after the short period in Hamburg the Beatles started her worldwide career. But Lennon and McCartney never forget how Hamburg supported the Beatles.
      Today the “Reeperbahn” has (too) many design buildings. Interesting architecture and nice to see. But you only can find parts from the old quarter in side roads. I am thankful that you take the time to translate.
      Thank you very much Holly.

  4. Das Bild ist sehr gelungen, Stefan! Du hast völlig Recht mit deiner Kritik. Der Kiez ist im Umbruch und hat im Moment eine merkwürdige Ausstrahlung. Das alte Flair löst sich auf und ein neues will sich nicht einstellen. Früher hat sich dort (gefühlt) nie was geändert und heute sieht es jedes Mal anders aus, wenn ich mal dort bin. Ich bin gespannt, wie die Reeperbahn in 10 Jahren aussieht.

    • Danke Conny. Es sind zwei Fotos von der Reeperbahn die ich mit einer kleinen Kritik und Tucholsky verbunden habe. Selbst bei neuen Stadtteilen wie der HafenCity vermisse ich den Mut der Architekten. Der Kiez hat sich stark verändert und das nicht nur zum positiven. Warten wir ab und staunen immer wieder neu, wie sich das Stadtbild verändern wird. Flair ist gut beschrieben…das sich nicht wirklich einstellen will. Warten wir ab und bleiben neugierig.