Freiraum

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Purple Will Never Sound The Same

Prince Rogers Nelson (1958-2016)

2016 ist ein schlechtes Jahr für die Musik. Prince Rogers Nelson ist völlig unerwartet, im Alter von 57 Jahren, gestorben. Eine Ikone, Sänger, Songwriter, Produzent…ein Multi-Instrumentalist der über 100 Millionen Tonträger verkauft hatte.

Als kleiner Junge lernte er bereits Klavier und brachte sich später selbst Gitarre und Schlagzeug bei. Mit 17 Jahren startete er seine musikalische Karriere. Mit 19 Jahren unterschrieb er seinen ersten 1 Million Dollar Plattenvertrag bei Warner Bros.. 1983 wurde er vom Musiksender MTV im Tagesprogramm gespielt und erreichte mit Songs wie “1999”, “Little Red Corvette” zum ersten Mal die amerikanischen Charts. 1984, mit 26 Jahren, kam der internationale Durchbruch mit dem Album “Purple Rain.” Wenn ein Künstler schon früh einen solchen Erfolg hat ist dies Fluch und Segen zugleich. Doch Prince kümmerte sich nicht darum diesen Erfolg zu konservieren und zu wiederholen. Für ihn schien es keine Grenzen zu geben. Er hatte in den 80´Jahren einen ekstatischen kreativen Output und probierte sich an neuen Sounds und Formen aus. Er verschmolz Soul, Funk, R&B, Blues, Rock, Pop zu einem eigenen Stil. Zudem fand er Zeit für andere Künstler Lieder zu schreiben. U.a. den Hit der Bangles “Manic Mondays” oder Sinhead O´Connor´s “Nothing Compared 2U”, Chaka Khan´s “I Feel For You”. Er schrieb auch für Stevie Nicks, Sheila E., Sheena Easton, Alicia Keys und andere.

“Sometimes it snows in April
Sometimes I feel so bad, so bad
Sometimes I wish life was never ending
and all good things, they say, never last”
(Sometimes it snows in April)

Zu Beginn seiner Karriere pflegte er einen androgynen universellen Auftritt, war weder Schwarz oder Weiß, wechselte seinen Stil in der Musik und Mode mehrfach und blieb jemand der seinen Stil damit früh kultivierte. Er kämpfte ein Leben lang für seine künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit. Vor 2 Jahren konnte er sich, nach einem jahrelangen Rechtestreit mit Warner Bros. einigen und erhielt die Rechte an seinen Songs zurück. Wenn man sich auf die Suche macht, nach dem musikalischen Werk von Prince im Netz, wird man auf den bekannten Streaming-Portalen kaum fündig werden. Sein gesamtes Werk gibt es nur bei Tidal, was Jay-Z gehört. Prince wusste, dass ein Künstler nicht durch einen Streaming-Dienst reich wird, die Betreiber jedoch schon. Da blieb er konsequent.

Er schaffte den Sprung vom Künstler zum eigenen Kunstwerk früh. Etwas was nur wenige Künstler schaffen. Nicht das er als Künstler nur seinen Musikstil änderte. Er wechselte die Leinwand seines eigenen Gemäldes und wurde früh künstlerisch einzigartig. So gibt es nicht den einen Song, der stellvertretend für sein Werk steht. Seine Konzerte waren einzigartig, mit magischen Momenten und ihn aus wenigen Metern Entfernung spielen zu sehen ließ Raum und Zeit vergessen.

Im kommenden Jahr sollte seine Biografie erscheinen. Manche hätten vermutlich geschrieben, es sei viel zu früh mit 58 Jahren. Nun ist es zu spät. Das gute an Künstlern ist: sie leben durch ihre Kunst weiter. Dennoch leben wir nun in einer Welt ohne Prince, David Bowie…was traurig macht.

“Dream if you can a courtyard
An ocean of violets in bloom.”
(When Doves Cry)


(with a fantastic guitar solo at about 3:30 Min. from Prince)

(“Purple will never sound the same.” via)

 

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Behind The Scenes

While browsing through the internet I regularly come across very interesting and inspiring articles, videos and images. Here is a new selection in English/German of handpicked articles and stories.

Thought of the day
You can’t be a good writer without being a good thinker. This is a depressing thought for a writer.
Andy Rooney (via)

Architect Zaha Hadid Has Died at 65
She is the Queen of the Curve…who was the first woman to win architecture’s highest prize and World-renowned architect whose designs include the London Olympic Aquatic Centre has died. The Guardian and the New York Times with an obituary and with a photo gallery and video.

Inside the specimen collections of the Smithsonian’s Museum of Natural History Let the images do the talking.

Behind the scenes of Vienna’s Natural History Museum (dezeen)
“Museums are not just exhibition spaces for the public. Historically, a key function of these buildings was to provide space to sort and to classify. As such, they often house expansive research and development spaces, storage depots and administrative offices, which are frequently vast in scale. In the case of the Natural History Museum Vienna, around 80 per cent of its 45,000 square metres of floor space is not open to the public.”

Film meets Art Part I – Loving Vincent
Loving Vincent is an investigation delving into the life and controversial death of Vincent Van Gogh, one of the world’s most beloved painters, told by his paintings and by the characters that inhabit them…Loving Vincent will be the world’s first feature-length painted animation, and is brought to you by Oscar winning film companies Breakthru Films and Trademark Films. Every frame in the Loving Vincent movie is an oil painting on canvas, using the very same technique in which Vincent himself painted.

Film meets Art Part II – The Video from Vugar Efendi
“Art inspires cinema, cinema inspires art. As lover of both, I just wanted to look into films that are inspired by famous paintings throughout history. There are plenty of movies more to include, maybe for a second part in the future.”

Film Meets Art from Vugar Efendi on Vimeo.

Der Traum von Russland (Reisereportage)
Ich mag Reisereportagen wie diese. Ein Land, das es offiziell nicht gibt: Transnistrien. Maximilian Mann besuchte dieses Land und Leute und hat auch einige Fotos davon mitgebracht.
“Abends lässt der Nebel die Häuser undeutlich erscheinen. Es gibt kaum Straßenlaternen, nur die Hauptstraße des Dorfes ist notdürftig beleuchtet. In der Ferne sind leise Gesänge zu hören, sie stammen vom Kloster des Dorfes.”

Peter Kümmel trifft Ulrich Matthes. (ZeitOnline)
Ulrich Matthes schaut sich einen Film von Woody Allen an, dann ist es fast so, als sei er wieder zwanzig und die Welt ein einziges Versprechen. Und Peter Kümmel zu lesen ist immer wieder ein Vergnügen.
“Wer Matthes jetzt für eine trübe Edeltasse hält, täuscht sich. Dies ist ein hochimpulsiver, leidenschaftlicher Zeitgenosse, der das Schwärmen liebt…”

Selfie ist der Mann
Wer ist Paul Ripke? Er fotografiert die Toten Hosen, die Deutsche Fußballnationalmannschaft u.a. und dabei hat er nicht einmal den Beruf eines Fotografen erlernt. Wie geht das? Ein lesenswertes Longread der Süddeutschen Zeitung.

Der Bundesnachrichtendienst 1956–2016
“Ein Blick hinter die Kulissen des Bundesnachrichtendienstes…Die BND-Verantwortlichen gestatteten dem Fotografen Martin Lukas Kim ohne größere Restriktionen, den BND aus Anlass des Umzugs von großen Teilen der Zentrale des deutschen Auslandsnachrichtendienstes von Pullach nach Berlin künstlerisch zu dokumentieren.”

Zum Tode von Literaturnobelpreisträger Imre Kertész
“Das Leben ist ein Kunstwerk. Man muss es aufbauen”. Einer der bedeutendsten Schriftsteller ist am 31. März im Alter von 86 Jahren gestorben. Die Kulturzeit (3Sat) erinnert an den großen Künstler und zeigt ein Gespräch mit der Literaturkritikerin Irene Radisch. ZeitOnline erinnert mit einem Interview das Radisch mit Kertész in Budapest 2013 führte. Seine Stimme wird fehlen, doch sein Werk wird bleiben.


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On The Edge

While browsing through the internet I regularly come across very interesting and inspiring articles, videos and images. Here is a new selection in English/German of handpicked articles and stories.

Da wo Worte fehlen, gibt es die Karikatur. Solidarität in Bildern die jeder versteht. Hier von Plantu/ Le Monde. Weitere Karikaturen zu den Ereignissen in Brüssel hat die Süddeutsche Zeitung zusammen gestellt.

CUBA ON THE EDGE OF CHANGE
It’s a land of endless waiting and palpable erosion. Yet after all these decades, an uncanny openness among the Cuban people remains.
This is just a wonderful Photo Essay from the New York Times about Cuba. Short texts and many great photographies still optimzed for mobile engines.

12 eerie images of huge Chinese cities completely empty of people
Photographer Kai Caemmerer travelled to China to explore and document these mysterious urban landscapes.
Throughout China, there are hundreds of cities that have almost everything one needs for a modern, urban lifestyle: high-rise apartment complexes, developed waterfronts, skyscrapers, and even public art. Everything, that is, except one major factor: people.

“How to Move to Germany if Donald Trump is Elected”, erklärt ein in Berlin lebender Amerikaner seinen Landsleuten
Sure, you could move to Canada, your ‘socialist’ neighbor to the north, if Donald Trump becomes president. But why not consider Germany, your ‘socialist’ (in the American sense) neighbor across the Atlantic?

Why the German language has so many great words
In an essay describing the loathing that Ted Cruz’s face seems to inspire, the neurologist Richard Cytowic resorts to the German colloquial expression Backpfeifengesicht.
And you find other german words like Ohrwurm, Wunderkind, Gedankenexperiment, Verschlimmbesserung, Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitän…

New York Public Library Releases Over 600,000 Images Into Their Online Catalog

“Souvenir d’un futur” Leben in Frankreichs vergessenen Megalopolen
In den Vororten von Paris stehen riesigen Wohnblöcke, die scheinbar jedes normale Leben erdrückt haben.

Julia Baier über Street Photography »Die schönsten Geschichten schreibt das Leben selbst«
“Nicht zuletzt liegt meiner Vorliebe an der Street Photography auch ein gewisses soziologisches Interesse zugrunde, sich die Gesellschaft, in der ich lebe, genau anzuschauen und zu analysieren.” (via Jürgen Lübeck/Arabesken)

Künstler im Macho-Check – Dicke Hosen
Hier habe ich herzlich gelacht. Der Macho-Check: “Nur leider haben es nicht alle Künstler mit der Ironie, dafür hängen sie offenbar zu sehr an ihrem Macho-Image. Siehe Georg Baselitz, der eine, wie er selbst meint, gute Erklärung dafür parat hat, warum der Kunstmarkt eine Männerdomäne ist. Frauen können nicht so gut malen.”


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Misstrauen

Die Stimmung im Land ist gereizt und das nicht nur nach dem letzten Wochenende. Der Grund dieser Reizstimmung liegt vermeintlich in der Wahrnehmung und der Kritik am allgemeinen Zustand der Welt. Normalerweise bringt Vertrauen Menschen zueinander. Seit dem vergangenen Wahl-Wochenende weiß man, welche kollektive Kraft Misstrauen besitzt. Und es gibt einen reservierten Blick auf das was täglich über die Nachrichtenkanäle transportiert wird.

Angstsbilder einer Bedrohung lassen sich am besten dort aufmalen wo die Bedrohung nicht greifbar ist. Mit den Ängsten der Menschen wird gespielt und einfache Lösungen für komplexe Probleme angeboten. Die vermeintliche Alternative politisiert beispielsweise Städte mit Spaziergängen am Abend. Die Reaktionen sind bekannt. Man nimmt zuerst Polarisierungen nicht ernst, wiegelt ab, ignoriert sie um später festzustellen, man habe sie unterschätzt.

Was es braucht ist Gelassenheit und Entschiedenheit und weniger martialisches verbales Säbelrasseln. Denn nur in Ruhe kann man rational auf amoralische Dinge reagieren. Auf dem Feld der Moral, so treffend Claudius Seidl, kann man nur unterliegen.

“Wir sehen Amoral, wir sehen Leute, die sind so kalt und böse, dass wir es nicht fassen können, und glauben, dass alles, was sozusagen Widerspruch ist, muss moralisch begründet werden. Und so kommen wir dazu, dass nun seit dem späten Sommer die vermeintliche Amoral gegen die vermeintliche Moral steht. Wo man also kaum über die ganzen Fragen, die mit dem Flüchtlingszuzug zusammen hängen rational und kühl reden kann, weil man sofort auf das Feld der Moral getrieben wird, und da möchte man nicht hin. Man will natürlich ein guter Mensch sein und natürlich auf keinen Fall etwas mit diesen komplett bösen Menschen zu tun haben. Es lässt sich aber nicht alles mit Moral analysieren…Ich würde sagen, Widerstand heißt, dieser völlig irrationalen Amoral Rationalität entgegen zu halten und nicht immer nur Moral.” (Claudius Seidl, Feuilletonchef der FAS, in der Talksendung “Thadeusz und die Beobachter”)

Was Seidl beschreibt scheitert leider aktuell in der Auseinandersetzung daran, dass es kaum Politiker gibt, die fähig wären eine solche Debatte rational zu bestreiten. Ein weiterer Aspekt. Die Moderne Kommunikation setzt nicht mehr primär auf Wahlprogramme, Werbespots usw. sondern auf die sozialen Kanäle, wo schnell Überschriften und Inhalte eingespielt werden die sich rasant weiter verbreiten. Ob die Meldung wahr oder unwahr ist, ist dabei zweitrangig. Schließlich kann man am selben oder nächsten Tag alles wieder herunter nehmen. Getreu dem Motto: wer am lautesten schreit, wird am ehesten gehört.

Dazu kommt ein nicht zu unterschätzender Effekt. Das gezielt eingesetzte Ressentiment, also das Vorurteil und Abwertung, hat die bekannte Kritik abgelöst, was sich beispielsweise in Shitstorms, Hass-Mails, Kommentaren usw. zeigt. Wobei die Aussagen, also das Ressentiment, substanzlos sind. Den oder das zu deklassieren und gezielt abzuwerten ist bereits der Klebstoff einer neuen Kommunikation die gezielt damit Themen und Stimmungen auf die Spitzen treibt. Ein zutiefst beunruhigendes Phänomen, weil es der fundierten Kritik und Analyse weniger Raum gibt, den Streit, die Diskussion mit dem Austausch von Argumenten nahezu unmöglich macht.

Wenn sich Stimmungen in der Gesellschaft verändern in Misstrauen, wird oft mit Angst und Ignoranz darauf reagiert. Die bisherige Strategie des Entlarvens, das Stigmatisieren einer Partei und deren Wähler, verfängt schon lange nicht mehr. Wer darauf hofft, dass die Wähler schon selbst dahinter kommen werden, was sie gewählt haben liegt fern der Realität. Es braucht eine kühle Analyse ohne Angst, ein freies rationales Denken und Entschiedenheit. Denn “Denken ist unablässiges Durchstreichen”, schrieb schon Paul Valéry.


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Roger Willemsen (1955-2016)

Was für eine traurige Nachricht am Montag. Roger Willemsen ist am vergangenen Sonntag an seiner Krebserkrankung, die er im August des letzten Jahres öffentlich machte, gestorben. Sprache ist der Code, die Tür zur Welt. Das wusste wie kaum ein anderer Roger Willemsen. In den Medien wurden Nachrufe geschrieben und gesendet, ehemalige Kollegen(innen) kamen zu Wort und ein Wort hebt sich aus den vielen Nachrufen ab: Charme. Er besaß diesen besonderen Charme, die Wärme und die Authentizität und packte das Leben dort an wo er es weltweit fassen konnte. “Wenn man so privilegiert lebt wie ich und eine Öffentlichkeit finden kann und dazu noch im Bereich der Kommunikation arbeitet, also schreibt, dann sollte man um Himmels Willen irgendetwas tun, das anderen hilft.” Und er hatte zum Glück viel zu erzählen und Themen anzupacken.

Auch wenn es eine Phase gab, wo das Feuilleton ihn gehypt hatte und sich manche von ihm abwendeten, so setzte er dennoch seine Reise fort. Vielleicht war es die Neugierde die ihn immer wieder antrieb Menschen und andere Welten kennen zu lernen. Er war das Gegenteil von zynisch, mehr ein charmanter Wortwelterklärer und brillanter Erzähler. Wenn er im Radio zum Beispiel klassische Musik oder ein Jazz-Stück anmoderierte, dann mit der Empathie eines wahren Musikliebhabers, der begeistern und mitreißen konnte. Er besaß die Gabe, auch wenn man die Musik oder das Buch nicht kannte, seine Zuhörer für neue Themen zu interessieren. Vor Jahren hatte er bei Zweitausendeins eine monatliche Kolumne im Merkheft wo er Jazz Alben empfahl. Seine geschriebenen Wörter zu den Alben, gespickt mit persönlichen Erinnerungen, waren wie ein sprudelnder Brunnen in einer Wüste. Und ich kann sagen, das seine musikalischen Empfehlungen alles waren, aber nie langweilig oder uninteressant. Wenn er zum Beispiel über Charles Mingus schrieb konnte man die Musik lesen ohne sie zu hören und beim späteren Nachhören wurden seine Worte noch deutlicher.

Bei NDRKultur legte er seit Jahren in der Sendung “Willemsen legt auf” und paarte je einen Klassischen Song zusammen mit einem Jazz Titel. So konnte man beispielsweise folgende Kombination hören: Claude Debussy – En Bâteau (YouTube-Link) trifft auf Sidney Bechet – Blue Horizon (YouTube-Link)

Es zog ihn später auf die Bühnen der Theater. Er entwickelte Leseprogramme, arbeitete u.a. mit Dieter Hildebrand zusammen und schrieb einen universellen Dialog der beiden über die Zeitgeschichte der Lüge. Die ZEIT (ZEIT Online Nachruf von Matthias Kalle) war mit Fug stolz, das er dort vierteljährlich die Jahreszeiten ironisch, fein und aktuell beschrieb. Seinen verbalen Zeigefinger steckte er besonders zum Thema Medien in eine immer größer werdende Wunde, der Unterforderung der Massen durch die Fernsehsender. Er war ein Meister der Rede und ein kritischer Beobachter.

Schriftsteller und Publizisten wie Roger Willemsen sind rar. Neben seiner enormen Bildung war er auch ein glänzender Rhetoriker und Weltenbürger, nutzte die Medien und Popularität um auf ernste Themen wie z.B. Guantanamo, Afghanistan, Afrika aufmerksam zu machen. Seine Königsdisziplin blieb jedoch das Interview wo er mehr als 2.000 Interviews mit Menschen führen konnte, die ihn interessierten.

Und er besaß eine Haltung, was schon viel war, und er zeigte sie auch öffentlich, was ihn von den meisten unterschied. Er war stets ein Reisender und setzte auf kulturelle Verständigung. Dieser Satz von Jean Luc Godard soll ihm u.a. Leitmotiv gewesen sein: “Es haben viele Leute den Mut zu leben, aber wenige darüber zu erzählen.” Das große Glück war, das Roger Willemsen den Mut dazu hatte und wir daran teilhaben durften.

“Der Sinn besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Nicht nur Spaß zu haben.” (Roger Willemsen)

Hier noch zwei weitere schöne Nachrufe. Nils Minkmar zum Tod von Roger Willemsen. (SpOn-Link) Und Lukas Heinser von Coffee And TV mit persönlichen Erinnerungen.


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Linktips Roundup 20th February, 2015

“Today even more true than back in 1997.” IBM Internet Hype (Commercial from 1997)  (YouTube-Link)
(via Twitter/Amir Kassaei)

Interview! Hui Bui, Architect, Designer & Artist
He started a Kickstarter campaign for Plant-in City in 2012. Again a wonderful interview beautiful captured.
“I’ve learned so much. Plants are very resilient. They’re responsive. They need care and attention, just like anything else. I even find myself talking to my plants when I’m alone.”

Just wonderful, the Peanuts! Snoop

Mies van der Rohe Award 2015 shortlist announced
40 projects have been shortlisted for the European Union’s 2015 architecture prize – the Mies van der Rohe Award – including a woodland crematorium in Sweden and a rowing centre in a Portuguese wine region (+ slideshow).

David Carr, NewYorkTimes Critic and Champion of Media, Dies at 58
David Carr, who wriggled away from the demon of drug addiction to become a journalistic celebrity, a name-brand media columnist at The New York Times and a best-selling author who reported on his own near demise and recovery, died on Thursday in Manhattan. He was 58.

It turns out the one guy who could really sum up what David Carr meant to folks in media is David Carr. From the NYT: The Quotable David Carr. Here’s a selection of his writing and public statements

David Carr´s Column “The Media Equation” is still available on NYT. Sometimes you can learn more from one single person then to read hundreds of historical books.

Interactive! watchemedate One couple. Two cameras. What happens next?

Just some recommendations for your next travel and some really nice gifs: 52 places to Go in 2015

160 años de amor por Barcelona. Fotos de Cartier-Bresson, Colita, Català-Roca…
(via Twitter El Viajero

Bob Dylan’s Grammy Speech
Probably the best short account ever of pop and rock music’s golden age, delivered with modesty and incomparable authority.
“I learned lyrics and how to write them from listening to folk songs. They gave me the code for everything that’s fair game. All these songs are connected. Don’t be fooled. I just opened up a different door in a different kind of way” (via TheBrowser.com)

Photography Get Lost in The Incredible Black & White Mountain Landscapes of Scott Rinckenberger

AIR: Gotham 7.5K A Rare High Altitude Night Flight Above NYC
Imagine leaning out of an open door of a helicopter 7,500 feet over New York City on a very dark and chilly night…And seeing this video and article with more fantastic images.

Das Millionengrab Die Hamburger Elbphilharmonie gehört zu den zehn teuersten Hochhäusern der Welt und ist ein Millionengrab. Ein langer lesenswerter Artikel der die Historie zusammenfasst und ebenso die Chancen aufzeichnet. Nun, hier in Hamburg gibt es darüber geteilte Meinungen.

Oder man nimmt es mit Humor: “Neues von der Elbphilharmonie: Sie rechnet sich. Bei einer Auslastung von 180 Konzerten. Pro Tag.” NDR Extra3 und Heinz Strunk sei dank (YouTube-Link)

Spaziergang durch den Irrsinn Smilla Dankert war bei der Weiberfassnacht unterwegs und hat dabei Personen fotografiert. Das Resultat ist ein höchst unterhaltsamer Spaziergang.
“Ungefähr 60 Menschen habe ich auf meinem Spaziergang durch den Irrsinn (sehr viele Leute überall, Alkohol spielt eine Rolle) angesprochen und fotografiert. Da tun Notizen Not; worin in diesem Fall leider ein doppelter Wortsinn liegt.Am späten Abend hat sich nämlich herausgestellt, dass sämtliche Erinnerungs-Aufsager im technischen Nirwana verloren gegangen sind. Namen, Kostümgeschichten, Kurzinterviews – alles weg. Das tut weh; mehr noch als schmerzende Füße.”

Das Recht auf das Vergessen im Netz
Das Bedürfnis, die Privatsphäre zu schützen und sich den Augen des interessierten Publikums zu entziehen, ist nach wie vor groß. Trotzdem gibt es kaum eine Debattenkultur über dieses wichtige Thema. Seit dem bekannten Gerichtsurteil hat Google fast 218.000 Gesuche für die Löschung von Links zu 786.000 Webseiten erhalten.

TALWAERTS ZEIGT, WIE EIN GUTES LOKALES WOCHENMAGAZIN AUSSIEHT
Über lokalen Journalismus und die zukünftige Chancen hatte ich bereits geschrieben. Konrad Lischka hat auf seinem Blog das Wupertaler Projekt “Talwaerts” entdeckt, besprochen und obwohl ich das Magazin nicht kenne, komme ich nicht umhin zus sagen, dass ist genau der Lokaljournalismus wie ich ihn mir nicht nur in Wuppertal vorstelle. Ich bin gespannt ob es weitere positive Beispiele dieser Art in anderen Städten, wie z.B. in Hamburg geben wird. Allein für diese Entdeckung ein Dankeschön! Und hier ist das Interview mit dem Gründer und Herausgeber: TALWAERTS VERKAUFT 600 HEFTE DIE WOCHE

Zum Ende ein wichtiger Aufruf, denn kwerfeldein braucht Dich


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Wer zahlt, schafft an

Aus amerikanischen Arztserien weiß man, wenn der Defibrillator zum Einsatz kommt, wird es dramatisch. Von der Notaufnahme der letzten Saison, begann vor vier Monaten das Reha-Programm eines Fußballvereins, der seit Einführung, von 1919, immer in der höchsten Spielklasse spielte, der Hamburger SV.

Es ist der lange Weg zurück bei dem ein Wort oft genannt wird: Tradition. Dass Tradition zu einem langen Schatten werden kann, kann man im wahren Leben sehen. Nicht nur traditionsreiche Unternehmen kämpfen um zukünftige Ausrichtungen und Strategien. Im Sport spielt Tradition eine ebenso wichtige Rolle. Sie ist Bindeglied der Generationen, der Fans und Zuschauer zum Verein und der Protagonisten auf dem Spielfeld.

Was und wen hat der Hamburger SV nicht alles an Trainern verpflichtet? Es waren namhafte Männer dabei, sogar ein Vizeweltmeister aus den Niederlanden kam. Angekommen sind in Hamburg nur die wenigsten. Geblieben noch weniger. Gebracht haben sie alle nicht das was sich die wechselhaften Verantwortlichkeiten erhofft hatten.

Die Abfolge des Scheitern folgte einem festen Ritual. Die neuen Trainer wurden der Öffentlichkeit vorgestellt. Es fielen dabei Sätze des neuen Mannes, dass Hamburg eine wunderbare Stadt sei, der Verein zu den Top 5-Vereinen Deutschlands eigentlich gehört. Nach wenigen Wochen sagte der neue Trainer, dass die Mannschaft großes Potenzial hat und es nur Zeit braucht. Spätestens nach zwei bis drei Monaten nebelte der graue Fußballalltag den Trainer ein und Resignation machte sich breit. Der nicht mehr ganz neue Trainer durchschaute die hohlen und teils nicht vorhandenen Strukturen, spürte die externen und internen Spannungen und die negative Energie. Das ein Fisch zuerst am Kopf beginnt zu riechen wusste auch Armin Veh. In seiner kurzen Hospitanz besaß er als einziger Trainer den Mut öffentlich vom negativen äußerlichen Einfluss ins operative Geschäft zu sprechen. Nach diesem Affront und einer Niederlage musste er gehen. Das Magazin 11 Freunde hat ausgerechnet, dass der Hamburger SV für seine letzten 12 Trainer in einem Zeitraum von 10 Jahren knapp 12 Millionen Euro an Abfindung gezahlt hat und noch weiter zahlen wird.

Die wechselhafte Führung lebte viele Jahre in einem Paralleluniversum, zwischen blutarmer Realität und fantasievollem Anspruchsdenken. Wer sich selbst oft belügt, blendet die Realität aus und flüchtet sich in eine Scheinwelt. Die Verdrängungsmechanismen wirken. Das solche Szenarien nicht glücklich enden, mag niemanden überraschen.

Unter dem Diktat der Sparpolitik hat der Verein ebenso gelitten wie unter der Abwesenheit von fachlich versierten Führungsfiguren und einem bunt zusammengewürfelten Wunschkader diverser Trainer und Sportdirektoren. Als die Luft nur noch für eine Halbzeit reichte, dass jahrelange Minus in den Kassen drückte und der sportliche Erfolg ausblieb, kam ein Edelfan auf die Bühne. Kühn finanzierte er die triumphale Rückkehr seines Niederländischen Lieblingsspielers. Die Führung nahm die Millionen zwar ungern, doch der Not gehorchend, an. Der Edelfan blieb jedoch kein stummer Unterstützer. Sein Credo: Wer zahlt, schafft an. Er kritisierte öffentlich über sein bevorzugtes Presseorgan die Führung, den Trainer und den Sportdirektor. Schließlich fuhr der Verein, sportlich wie finanziell abgewirtschaftet, an die Wand. Sportlich wandte man noch einmal das schlimmste ab, den Abstieg. Es folgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und es wurde die gesamte Führung abgelöst. Dem Edelfan seine rechte Hand übernahm den Posten als Aufsichtsratsvorsitzender und als neuen Vorstandschef holte man einen Heimkehrer und mit ihm die letzte Hoffnung.

Die unberechenbare Stimme aus dem Off wird die neue Führung auf unbestimmte Zeit aushalten müssen. Der Schnitt, die gesamte Führungsebene samt Trainer und Assistenten auszutauschen, war die letzte noch verbliebene Maßnahme vor dem Kollaps. Die ersten personellen Schnitte und Neubesetzungen lassen zumindest aufhorchen. Jetzt braucht es Zeit und Geduld, ein Konzept, eine Strategie und Qualität im Kader. All das was der Hamburger SV in den letzten Jahrzehnten, abgesehen von einigen Ausschlägen, nicht hatte.