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Pardon

Selbsterkenntnis ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit und irgendwie nicht weit verbreitet im Land des Fußballweltmeisters. Vor 2 Jahren gab es den sportlichen Triumph in Brasilien und Deutschland wurde Fußballweltmeister. Es ist ebenso allzu menschlich das nach einem großen Erfolg der vermeintliche Absturz folgt.

Wer sich an den Spielen der Nationalmannschaft bei der EM abgearbeitet hat vergisst, dass die entscheidenden Fehler vor Turnierbeginn gemacht worden sind. Deutschland spielte nach der WM eine gelangweilte Qualifikation ohne Höhepunkte. Einige Spieler gaben sogar zu, dass sie manche Gegner nicht allzu ernst genommen hatten. So verlor man u.a. Spiele gegen Irland oder Polen. Mahnende Worte von z.B. Boateng wurden gern überhört. Wie heißt es im Phrasenbuch: Deutschland ist eine Turniermannschaft. Und Löw wird mit seiner Vorbereitung wieder alles richtig machen.

In den vergangenen 2 Jahren ist es Löw nicht gelungen die Rücktritte von Lahm, Mertesacker, Klose zu kompensieren, Lücken zu schließen und junge talentierte Spieler aufzubauen die nachrücken. Nach wie vor gibt es Defizite in der Defensive, im Mittelfeld und in der Offensive. Dank des neuen Spielmodus bei der EM und den Setzlisten gab es erst im Viertelfinale mit Italien den ersten ernsthaften Gegner auf Augenhöhe. Die Spiele zuvor gegen unterklassige Mannschaften dienten der Vorbereitung für die großen Spiele und haben kaum Aussagekraft. Gerade zu den großen Spielen trafen die Aussagen von Löw auf die Realität. Schließlich hatte er wie er sagte „23 gleichwertige Spieler“ im Kader. Und dazu den Weltmeistertitel auf der Visitenkarte. Natürlich fehlten wichtige Spieler verletzungsbedingt. Dennoch wurden vorschnell bereits im Vorfeld mögliche wichtige Spieler gänzlich aus dem Kader gestrichen oder ohne Not gar nicht nominiert.

Es gibt aktuell in Europa keine dominierende Nationalmannschaft mehr. Vorbei sind die Zeiten als Spanien den Europäischen und Weltfußball dominierte. Die Schwächen der anderen…in diese Lücke hätte die deutsche Mannschaft hinein schlüpfen können und Löw der erfolgreichste Trainer aller Zeiten werden. Zudem war das Niveau bei der EM niedrig und Deutschland in der Lage sich zu steigern. Doch wer das Risiko scheut und taktisch darauf bedacht ist, dass der Gegner kein Tor schießt, hat nicht verstanden was den Titel als Fußballweltmeister ausmacht.

Nach dem Spiel gegen Frankreich fehlte es besonders an Selbstkritik, Demut, den leisen Tönen nach einer Niederlage. Selbst 1 Tag später gab es keine sachliche Analyse über Fehleinschätzungen, wie z.B. eines nicht optimal zusammen gestellten Kaders. Auch gab es keine lobende Worte für das Team der Franzosen, die unter einem ganz anderem Druck standen und verdient gewonnen hatten.

Das Kritik am Bundestrainer oder dem DFB dem Hochverrat gleichkommen, musste u.a. ARD-Experte Scholl merken. Dennoch, wer die Realität ausblendet und sich schnöde Spiele schön redet, hat leider in den letzten 2 Jahren, nichts dazu gelernt. Der DFB hat ein Luxusproblem zusammen gefasst in einem Satz: das Halbfinale erreicht und das Soll erfüllt. Verlieren zu können ist eine eigene Disziplin. Was sind Siege wert? Was kann man aus Niederlagen lernen? Verblendet vom eigenen Glanz. Allein der Französische Spieler Griezmann hat mehr Tore geschossen als alle Weltmeister zusammen.

Zum Schluss etwas Medienkritik. Was mir gefallen hat, waren die vielen ausländischen Gäste zu den Spielen. Manch einer hätte gern länger bleiben können. Die Idee ist gut und ausbaufähig. Bitte mehr davon. Weniger gut ist die Schwarz-Rot-Goldene Brille mancher Kommentatoren. Über die traditionelle Hofberichterstattung aus dem jeweiligen Hotels und Trainingsplätzen der Nationalmannschaft und die Interviews mit dem Bundestrainer…nun ja, sie war wieder ohne Erkenntnis und entbehrlich. Was bleiben wird an Bildern sind die singenden Fans der Iren und Nordiren und Waliser und natürlich das Huh der Isländer und so manches schönes Tor. Vielleicht sollte Löw mit allen Spielern Urlaub in Island machen um den Kopf wieder frei zu bekommen.

P.S. Für die UEFA, dem europäischen Fußballverband, ist die EM bereits ein finanzieller Erfolg. Nach bisherigen Schätzungen wird man 1,9 Mrd Euro einnehmen, bei Ausgaben von 1,1 Mrd Euro bleibt ein Gewinn von 800 Mio Euro…Platinis Erbe. Und man wird weiter machen den Fußball zu kommerzialisieren um den letzten Cent auszuquetschen…bis die Blase platzen wird. Geld macht heute im Profi-Fußball den Unterschied. Langeweile inklusive.

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Behind The Scenes

While browsing through the internet I regularly come across very interesting and inspiring articles, videos and images. Here is a new selection in English/German of handpicked articles and stories.

Thought of the day
You can’t be a good writer without being a good thinker. This is a depressing thought for a writer.
Andy Rooney (via)

Architect Zaha Hadid Has Died at 65
She is the Queen of the Curve…who was the first woman to win architecture’s highest prize and World-renowned architect whose designs include the London Olympic Aquatic Centre has died. The Guardian and the New York Times with an obituary and with a photo gallery and video.

Inside the specimen collections of the Smithsonian’s Museum of Natural History Let the images do the talking.

Behind the scenes of Vienna’s Natural History Museum (dezeen)
„Museums are not just exhibition spaces for the public. Historically, a key function of these buildings was to provide space to sort and to classify. As such, they often house expansive research and development spaces, storage depots and administrative offices, which are frequently vast in scale. In the case of the Natural History Museum Vienna, around 80 per cent of its 45,000 square metres of floor space is not open to the public.“

Film meets Art Part I – Loving Vincent
Loving Vincent is an investigation delving into the life and controversial death of Vincent Van Gogh, one of the world’s most beloved painters, told by his paintings and by the characters that inhabit them…Loving Vincent will be the world’s first feature-length painted animation, and is brought to you by Oscar winning film companies Breakthru Films and Trademark Films. Every frame in the Loving Vincent movie is an oil painting on canvas, using the very same technique in which Vincent himself painted.

Film meets Art Part II – The Video from Vugar Efendi
„Art inspires cinema, cinema inspires art. As lover of both, I just wanted to look into films that are inspired by famous paintings throughout history. There are plenty of movies more to include, maybe for a second part in the future.“

Der Traum von Russland (Reisereportage)
Ich mag Reisereportagen wie diese. Ein Land, das es offiziell nicht gibt: Transnistrien. Maximilian Mann besuchte dieses Land und Leute und hat auch einige Fotos davon mitgebracht.
„Abends lässt der Nebel die Häuser undeutlich erscheinen. Es gibt kaum Straßenlaternen, nur die Hauptstraße des Dorfes ist notdürftig beleuchtet. In der Ferne sind leise Gesänge zu hören, sie stammen vom Kloster des Dorfes.“

Peter Kümmel trifft Ulrich Matthes. (ZeitOnline)
Ulrich Matthes schaut sich einen Film von Woody Allen an, dann ist es fast so, als sei er wieder zwanzig und die Welt ein einziges Versprechen. Und Peter Kümmel zu lesen ist immer wieder ein Vergnügen.
„Wer Matthes jetzt für eine trübe Edeltasse hält, täuscht sich. Dies ist ein hochimpulsiver, leidenschaftlicher Zeitgenosse, der das Schwärmen liebt…“

Selfie ist der Mann
Wer ist Paul Ripke? Er fotografiert die Toten Hosen, die Deutsche Fußballnationalmannschaft u.a. und dabei hat er nicht einmal den Beruf eines Fotografen erlernt. Wie geht das? Ein lesenswertes Longread der Süddeutschen Zeitung.

Der Bundesnachrichtendienst 1956–2016
„Ein Blick hinter die Kulissen des Bundesnachrichtendienstes…Die BND-Verantwortlichen gestatteten dem Fotografen Martin Lukas Kim ohne größere Restriktionen, den BND aus Anlass des Umzugs von großen Teilen der Zentrale des deutschen Auslandsnachrichtendienstes von Pullach nach Berlin künstlerisch zu dokumentieren.“

Zum Tode von Literaturnobelpreisträger Imre Kertész
„Das Leben ist ein Kunstwerk. Man muss es aufbauen“. Einer der bedeutendsten Schriftsteller ist am 31. März im Alter von 86 Jahren gestorben. Die Kulturzeit (3Sat) erinnert an den großen Künstler und zeigt ein Gespräch mit der Literaturkritikerin Irene Radisch. ZeitOnline erinnert mit einem Interview das Radisch mit Kertész in Budapest 2013 führte. Seine Stimme wird fehlen, doch sein Werk wird bleiben.


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Die Ohren ausputzen

Dieses Mal gibt es eine musikalischen Paarung die das Wirken eines Produzenten und die eines Dirigenten wie auch die Wichtigkeit eines einzelnen Akkords aufzeigen wird.

Vor wenigen Tagen verstarben zwei Große Künstler in der Musik: Sir George Martin im Alter von 90 Jahren, der u.a. die meisten Beatles-Lieder produzierte und der Dirigent Nikolaus Harnoncourt im Alter von 86 Jahren.

Sir George Martin war mehr als nur der Produzent. Er verschmolz die Aufgaben eines Produzenten, die des Arrangeurs und Ideengebers und Mentors zu etwas neuem. Paul McCartney sagte in einem Interview, als er das erste Mal auf Martin traf, das er ihn fragte was er den Beatles beibringen könnte. Martin antwortet ganz Gentlemanlike mit: alles was ihr wollt. Er inspirierte die Beatles, forderte und förderte sie zu ihren kreativen Hochphasen. Als Glanzstück dieser glücklichen Melange aus Genie und Kunst war vermutlich das 1967 erschienene Album „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ und daraus der letzte Song „A Day In The Life„. Ein Song, inspiriert von dem 1 Jahr zuvor vorgelegten Beach Boys Song „Good Vibrations“. Das Lied gliedert sich in zwei Fragmente die jeweils unabhängig voneinander McCartney und Lennon komponierten. Bei den Aufnahmen bestand Uneinigkeit darüber wie man nun beide Fragmente verbinden sollte. Es wurde dann die Variante gewählt ein Sinfonieorchester mit hinzuziehen. Diesen Part übernahm Martin. Die Aufnahmen dazu sollten locker, quasi als Party, ablaufen und so holten man sich Freunde wie Mick Jagger, Keith Richards, Marianne Faithful u.a. mit dazu. Die Sinfonischen Musiker trugen dazu Pappnasen und Hüte und das ganze wurde, wie im Video zusehen ist, auf 16mm Film aufgenommen. Enden tut das Lied mit einem lauten langgezogenen E-Dur-Akkord auf mehreren Klavieren. Die Originalaufnahme habe ich nicht gefunden. Dafür eine remasterte Fassung von George Martin. Dieses Lied inspirierte später andere wie z.B. Queen „Bohemian Rhapsody“ oder Richard Harris „MacArthur Park„.

Nikolaus Harnoncourt wurde am Nikolaustag 1929 in Berlin geboren, siedelte kurze Zeit später ins Österreichische Graz über. 1952 begann seine musikalische Karriere als Cellist bei den Wiener Philharmonikern, damals unter der Leitung von Herbert von Karajan. Anfang der 70´er Jahre, gegen seinen Willen, weil er sich nicht als Dirigent sah, wurde er dennoch Dirigent. Schon früh interessierte er sich für das Alte Werk und fragte sich auf welchen Instrumenten Monteverdi u.a gespielt haben. Denn viele Barockinstrumente gab es nicht mehr und wurden nicht mehr gebaut. Er beschrieb literarisch anschaulich das jeder Akkord ein Motiv hat und suchte das Ursprüngliche in der Musik. Diesen Prozess benannte er in einem Interview mit „Die Ohren ausputzen“. Zeitlebens war er ebenso ein Studierender und Wiederentdecker der Barock-Musik und öffnete diese Schatulle zu einem neuen Klangerlebnis Altes wieder neu zu hören. Doch er spielte nicht nur die Alten Meister, sondern auch Komponisten wie u.a. Beethoven, Schumann, Bizet, Bartok, Gershwin. Und was ebenso eine Lebensleistung ist: er spielte erstmals alle 193 Bach-Kantaten ein.

Den schönsten Nachruf auf ihn schrieb er selbst, als er im Dezember 2015 in einem offenen Brief seinen Rückzug vom Dirigentenpult bekannt gab. „…Zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal hat sich eine ungewöhnlich tiefe Beziehung aufgebaut – wir sind eine erfolgreiche Entdeckergemeinschaft geworden! Da wird wohl Vieles bleiben.“

Hier zu hören die Johann Sebastian Bach-Kantate, BWV 147, „Herz und Mund und Tat und Leben“ mit dem Concentus Musicus Wien.


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Spirits

Die Kritik am amerikanischen Establishment gab es schon vor 50 Jahren. Heute und nicht nur darum ein Blick zurück auf die zwei Leben und Karrieren von dem Musiker und Dichter Gil Scott-Heron. Denn er kritisierte stilsicher mit Sarkasmus, Humor und Ironie das Establishment bereits in den 60´er Jahren.

Gil Scott-Heron wurde 1949 in Chicago geboren, wuchs unter ärmlichen Verhältnissen in Tennessee auf. Er lernte den Rassismus und Apartheid früh kennen, was seinen späteren Weg und Motivation stark beeinflusste. 2011 verstarb er in New York, nach einem furiosen und von der Kritik zurecht positiv aufgenommenen Comeback und Tour. Ein viel zu kurzes Leben.

Scott-Heron wurde gern, wegen seiner Texte, der schwarze Bob Dylan genannt und galt zurecht als Vater und Idol für die später populär gewordenen Rap- und Hip Hop-Musik und kommenden Generationen. Schon kurz nach seinem literarischen Debut 1970, nahm er sein erstes Studioalbum mit Rezitationen von sich und Conga Begleitung auf. Gleich auf dem ersten Album findet sich sein vielleicht essentiellster Song „The Television Will Be Not Televised“ (YouTube-Link), der sich in das kulturelle Gedächtnis mehrerer Generation fest einschrieb. Dieser Text hat von seiner Aktualität bis heute nichts verloren. Steht auf, schaltet den Fernseher aus und geht auf die Strasse. Die Revolution findet nicht sitzend vor dem Fernseher statt.

1971 veröffentlichte er das Album „Pieces Of A Man“ (YouTube-Link zum ganzen Album). Ein Meilenstein in der Soul-Musik. Und daraus gibt es „The Bottle.“

Lange bevor es den Rap gab, gab es das „Spoken Word“, den Sprechgesang, den Jazz und Blues und den Soul. Scott-Heron verschmolz diese Stile miteinander und dekonstruierte sie wieder in minimalistische rhythmisch treibende Einzelteile, verschmolz sie mit seiner Lyrik und hatte bereits früh seinen eigenen Stil in der Musik gefunden. Zusammen mit seiner tiefen, warmen Stimme, war er zudem ein Sänger der nicht nur sehr gut singen konnte, der allein durch seine Stimme berührte. Auch wenn man dem Gospel die Spiritualität zuschreibt, so hatte Scott-Heron den Spirit bereits in seiner Kunst.

Er war ein Meister der Worte und fühlte sich ein Leben lang der Literatur mehr zugehörig als zur Musik. Jemand der tiefsinnig analysierte und Worte fand wo andere nach Worten suchten. Seine teils gesprochenen oder gesungenen Worte waren zornig, wütend, anklagend und fordernd. Und selbst Jahrzehnte später hat diese Musik nichts an Kraft eingebüßt.

In Liedern wie „The Bottle“ sang er über die negativen Einflüsse von Drogen und wurde selbst von ihnen herunter gezogen. Sie beendeten sein erstes Leben, wo er keinen Song mehr schrieb, seine Plattenverträge verlor und letztlich ins Gefängnis gehen musste. Statt einer Therapie wurde er wegen geringen Drogenkonsums ins Gefängnis gesteckt. Die Erlebnisse verarbeitete er in seinem letzten Album.

Es dauerte 16 Jahre bis er wieder neue Songs aufnahm und ein neues und sein letztes Album „I´m New Here“ (YouTube-Link zum ganzen Album) veröffentlichte. Der lange Drogenkonsum schlug sich auch auf seine Stimme nieder. Doch klang er nun intimer, berührter, kratziger und gleich feinfühlig anders und auf eine andere Weise kraftvoll. Manche sprachen von einer Wiedergeburt. Doch blieb dieses zweite Leben nur von kurzer Dauer. Am 27. Mai 2011 starb Gil Scott-Heron im Alter von 62 Jahren. Die afroamerikanische Musik hatte einen ihrer einflussreichsten Künstler und Musiker verloren.


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The Voice

Diese Woche wird es leidenschaftlich und die Stimme des Herzens lamentiert und schreit. Wem gehört diese einzigartige Stimme, einer Frau oder einem Mann? Es ist die Sopran-Stimme von „Little“ Jimmy Scott, aufgrund seiner Körpergröße „Little“ genannt. Ray Charles sagte über ihn, das er den Soul in der Stimme verkörperte, lange bevor man diesen Ausdruck kannte. Oder Lou Reed, der sagte, dass diese Stimme einem das Herz brechen konnte.

Jimmy Scott wurde 1925 in Ohio geboren, wuchs unter ärmlichen Verhältnissen, in Waisenhäuser auf. Aufgrund einer seltenen Erbkrankheit fiel seine Pubertät und der Stimmbruch aus. Um der Bühne nahe zu sein, nahm er Aushilfsjobs an. In den 40´er Jahren sang er bereits in der Band von Lionel Hampton, später u.a. bei Charlie Parker. Es war der Anfang. Das Ende folgte in den 60´er Jahren, da er schlechte Plattenverträge unterschrieb und mit schweren Alkohol- und Drogenproblemen zu tun hatte. Sein Freund, der Songwriter Doc Pomus, versuchte vergeblich 2 Jahrzehnte ihm einen neuen Plattenvertrag zu verschaffen.

1991 starb Doc Pomus und Jimmy Scott sang bei seiner Beerdigung „Someone To Watch Over Me“ und bekam anschließend einen neuen Plattenvertrag und Lou Reed holte ihn für sein Album „Magic And Loss“ zu sich. Er feierte ein Comeback, trat u.a. in der Fernsehserie „Twin Peaks“ als singender Geist auf und nahm weitere Alben auf.

2014 starb er mit 88 Jahren. Seine Karriere umspannte mehr als 60 Jahre wo er u.a. mit Charlie Parker, Sarah Vaughan, Lionel Hampton, Charles Mingus, Quincy Jones, Ray Charles, Wynton Marsalis und auch Musiker anderer Genres u.a. David Byrne, Lou Reed, Michael Stipe zusammen arbeitete.

„I appreciate the fact that these things are finally happening for me,“ he told The Plain Dealer in Cleveland in 1997, „but I wish they could have happened earlier in my career so I could have enjoyed the retiring years much better.“ Still, he conceded, “in show business, generally you don’t retire. If you love it, that is, you’re in it forever anyway.“ (Jimmy Scott, Singer Whose Star Rose Late, Dies at 88/The New York Times)

Sein besonderes Credo war seine einzigartige Sopranstimme, die wie Phönix aus der Asche aufsteigt und in keine der herkömmlichen Kategorien passt. Er hatte, wie jemand einst schrieb, etwas „außermusikalisches“. Wo gibt es noch Künstler die aus einem Schmachtfetzen von Simply Red „Holding Back The Years“ etwas im wörtlichen Sinne ergreifendes machen können.

Wer schon immer wissen wollte, was Timing und Seele im Gesang bedeutet, sollte die Kunst eines „Little“ Jimmy Scott studieren, zuhören und dabei lernen. Während andere Künstler an ihrer Gesangstechnik arbeiten mussten, entwickelte sich Jimmy Scott´s Stimme mit den vielen Entbehrungen und Niederlagen seines Lebens. Diese Stimme kann wirklich Herzen brechen.


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Roger Willemsen (1955-2016)

Was für eine traurige Nachricht am Montag. Roger Willemsen ist am vergangenen Sonntag an seiner Krebserkrankung, die er im August des letzten Jahres öffentlich machte, gestorben. Sprache ist der Code, die Tür zur Welt. Das wusste wie kaum ein anderer Roger Willemsen. In den Medien wurden Nachrufe geschrieben und gesendet, ehemalige Kollegen(innen) kamen zu Wort und ein Wort hebt sich aus den vielen Nachrufen ab: Charme. Er besaß diesen besonderen Charme, die Wärme und die Authentizität und packte das Leben dort an wo er es weltweit fassen konnte. „Wenn man so privilegiert lebt wie ich und eine Öffentlichkeit finden kann und dazu noch im Bereich der Kommunikation arbeitet, also schreibt, dann sollte man um Himmels Willen irgendetwas tun, das anderen hilft.“ Und er hatte zum Glück viel zu erzählen und Themen anzupacken.

Auch wenn es eine Phase gab, wo das Feuilleton ihn gehypt hatte und sich manche von ihm abwendeten, so setzte er dennoch seine Reise fort. Vielleicht war es die Neugierde die ihn immer wieder antrieb Menschen und andere Welten kennen zu lernen. Er war das Gegenteil von zynisch, mehr ein charmanter Wortwelterklärer und brillanter Erzähler. Wenn er im Radio zum Beispiel klassische Musik oder ein Jazz-Stück anmoderierte, dann mit der Empathie eines wahren Musikliebhabers, der begeistern und mitreißen konnte. Er besaß die Gabe, auch wenn man die Musik oder das Buch nicht kannte, seine Zuhörer für neue Themen zu interessieren. Vor Jahren hatte er bei Zweitausendeins eine monatliche Kolumne im Merkheft wo er Jazz Alben empfahl. Seine geschriebenen Wörter zu den Alben, gespickt mit persönlichen Erinnerungen, waren wie ein sprudelnder Brunnen in einer Wüste. Und ich kann sagen, das seine musikalischen Empfehlungen alles waren, aber nie langweilig oder uninteressant. Wenn er zum Beispiel über Charles Mingus schrieb konnte man die Musik lesen ohne sie zu hören und beim späteren Nachhören wurden seine Worte noch deutlicher.

Bei NDRKultur legte er seit Jahren in der Sendung „Willemsen legt auf“ und paarte je einen Klassischen Song zusammen mit einem Jazz Titel. So konnte man beispielsweise folgende Kombination hören: Claude Debussy – En Bâteau (YouTube-Link) trifft auf Sidney Bechet – Blue Horizon (YouTube-Link)

Es zog ihn später auf die Bühnen der Theater. Er entwickelte Leseprogramme, arbeitete u.a. mit Dieter Hildebrand zusammen und schrieb einen universellen Dialog der beiden über die Zeitgeschichte der Lüge. Die ZEIT (ZEIT Online Nachruf von Matthias Kalle) war mit Fug stolz, das er dort vierteljährlich die Jahreszeiten ironisch, fein und aktuell beschrieb. Seinen verbalen Zeigefinger steckte er besonders zum Thema Medien in eine immer größer werdende Wunde, der Unterforderung der Massen durch die Fernsehsender. Er war ein Meister der Rede und ein kritischer Beobachter.

Schriftsteller und Publizisten wie Roger Willemsen sind rar. Neben seiner enormen Bildung war er auch ein glänzender Rhetoriker und Weltenbürger, nutzte die Medien und Popularität um auf ernste Themen wie z.B. Guantanamo, Afghanistan, Afrika aufmerksam zu machen. Seine Königsdisziplin blieb jedoch das Interview wo er mehr als 2.000 Interviews mit Menschen führen konnte, die ihn interessierten.

Und er besaß eine Haltung, was schon viel war, und er zeigte sie auch öffentlich, was ihn von den meisten unterschied. Er war stets ein Reisender und setzte auf kulturelle Verständigung. Dieser Satz von Jean Luc Godard soll ihm u.a. Leitmotiv gewesen sein: „Es haben viele Leute den Mut zu leben, aber wenige darüber zu erzählen.“ Das große Glück war, das Roger Willemsen den Mut dazu hatte und wir daran teilhaben durften.

„Der Sinn besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Nicht nur Spaß zu haben.“ (Roger Willemsen)

Hier noch zwei weitere schöne Nachrufe. Nils Minkmar zum Tod von Roger Willemsen. (SpOn-Link) Und Lukas Heinser von Coffee And TV mit persönlichen Erinnerungen.


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Infotainment

Vor 30 Jahren schrieb ein Amerikanischer Professor für Medienökologie ein Buch mit dem Titel: „*Wir amüsieren uns zu Tode“. Es war Neil Postman, der das amerikanische Fernsehen und die Medien kritisch hinterfragte und eine Bestandsaufnahme machte. Von ihm stammt auch der Begriff „Infotainment“. Auch 30 Jahre später lässt sich von Postman nach wie vor lernen. Seine Buch ist ein gutes Beispiel wie Kommunikationstechniken eine Gesellschaft verändern können.

Im Sinne Postmans sollte man heute insgesamt Erwartungen herunter fahren, wenn es um Begriffe wie Journalismus oder Medien geht. Man muss von einer Industrie sprechen, die unser Bedürfnis nach Nachrichten auf teils niederen Niveau irgenwie befriedigt. Diese Industrie verströmt dies wie ein dauerhaft anhaltender Nachrichten- und Medientsunami, wo oftmals die Wahrheit zweitrangig geworden ist. Lieber gut formuliert oder spekuliert als langweilig und zeitintensiv recherchiert ist ein Credo in einer Welt wo jeder von der Inflation der Nachrichten überfordert sein muss.

Die Art wie Wissen, Wahrheit, Informationen und Kultur über die Medien vermittelt wird, zeichnet ein Bild einer Gesellschaft die lieber Bilder und Überschriften statt Wörter und Inhalte konsumieren. Eigenes Denken ist für viele zu anstrengend geworden, da es wie beim Fastfood schnelle Fertiggerichte gibt die unterhaltsam und in gut konsumierbaren Portionen dargeboten werden.

Denkfaulheit ist zu einer Medienkrankheit geworden, an der scheinbar viele erkrankt sind. Heute sind beispielsweise politische Wahlkämpfe kein Versuch mehr ernsthaft über Inhalte zu diskutieren. Hauptsache die Wahlplakate sind bunt und tragen einen nichtssagenden Slogan. Auffallen und laut sein mit möglichst wenig Substanz. In den letzten 20 Jahren sind im Durchschnitt 20% weniger Menschen zur Wahl gegangen. Man schaue sich beispielsweise die Nachrichtensendungen bei den Privaten Sendern an. Dort gibt es zur besten Sendezeit u.a. Klatsch und Tratsch, Reißerische Sensationen, was das Gegenteil von seriöser Information ist und dennoch sich immer größer werdender Popularität erfreut.

Postman schrieb vor 30 Jahren, das nur das Fernsehen nicht alleine Schuld sei. Aber es ist ein ideales Transportmedium was offen ist für Manipulationen. Er kam zu dem Schluss, dass wir langsam aber sicher auf eine neue „Schöne neue Welt“ zielsicher zusteuern. Man denke heute dabei u.a. an die sukzessive Aufgabe und das Aufweichen von Grundrechten der Verfassung.

Wie bildet man sich heute eine Meinung über, zugegeben, teils sehr komplexe Inhalte? Die Medien insgesamt sind heute weniger Aufklärer als Anführer und Transporter die zu einer, wie Postmann seiner Zeit schrieb, Entleerung der Inhalte von Politik und Kultur führe. Der daraus entstandene Begriff heißt Infotainment. Alles wird zu einer großen Unterhaltung. Postman kritisierte dabei auch die Infantilisierung der Gesellschaft. Parallelen zur heutigen Zeit sind nicht von der Hand zu weisen und aktuell.

Die täglichen Bilder und Nachrichten sind zur Aktionsware minderen Wertes verkommen mit dem primären Ziel Algorithmen zu bedienen und damit das Publikum zu bespielen, damit die Inhalte in den Netzwerken weiter verbreitet werden. Alles muss kürzer, knapper, emotionaler und oberflächiger an die Konsumenten gebracht werden.

Früher beendeten Fotografien Kriege. Heute können sie Kriege entfachen. Die verbale medial geführte Aufrüstung mit Hang zum Bellizismus hat zudem Schaden angerichtet und die Wahrnehmung nachhaltig beeinflusst. Dem Gedanken der Hoffnung kann heute niemand entfliehen.

(*Neil Postman: „Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“/ Fischer Taschenbuch Verlag)