Freiraum

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Pardon

Selbsterkenntnis ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit und irgendwie nicht weit verbreitet im Land des Fußballweltmeisters. Vor 2 Jahren gab es den sportlichen Triumph in Brasilien und Deutschland wurde Fußballweltmeister. Es ist ebenso allzu menschlich das nach einem großen Erfolg der vermeintliche Absturz folgt.

Wer sich an den Spielen der Nationalmannschaft bei der EM abgearbeitet hat vergisst, dass die entscheidenden Fehler vor Turnierbeginn gemacht worden sind. Deutschland spielte nach der WM eine gelangweilte Qualifikation ohne Höhepunkte. Einige Spieler gaben sogar zu, dass sie manche Gegner nicht allzu ernst genommen hatten. So verlor man u.a. Spiele gegen Irland oder Polen. Mahnende Worte von z.B. Boateng wurden gern überhört. Wie heißt es im Phrasenbuch: Deutschland ist eine Turniermannschaft. Und Löw wird mit seiner Vorbereitung wieder alles richtig machen.

In den vergangenen 2 Jahren ist es Löw nicht gelungen die Rücktritte von Lahm, Mertesacker, Klose zu kompensieren, Lücken zu schließen und junge talentierte Spieler aufzubauen die nachrücken. Nach wie vor gibt es Defizite in der Defensive, im Mittelfeld und in der Offensive. Dank des neuen Spielmodus bei der EM und den Setzlisten gab es erst im Viertelfinale mit Italien den ersten ernsthaften Gegner auf Augenhöhe. Die Spiele zuvor gegen unterklassige Mannschaften dienten der Vorbereitung für die großen Spiele und haben kaum Aussagekraft. Gerade zu den großen Spielen trafen die Aussagen von Löw auf die Realität. Schließlich hatte er wie er sagte „23 gleichwertige Spieler“ im Kader. Und dazu den Weltmeistertitel auf der Visitenkarte. Natürlich fehlten wichtige Spieler verletzungsbedingt. Dennoch wurden vorschnell bereits im Vorfeld mögliche wichtige Spieler gänzlich aus dem Kader gestrichen oder ohne Not gar nicht nominiert.

Es gibt aktuell in Europa keine dominierende Nationalmannschaft mehr. Vorbei sind die Zeiten als Spanien den Europäischen und Weltfußball dominierte. Die Schwächen der anderen…in diese Lücke hätte die deutsche Mannschaft hinein schlüpfen können und Löw der erfolgreichste Trainer aller Zeiten werden. Zudem war das Niveau bei der EM niedrig und Deutschland in der Lage sich zu steigern. Doch wer das Risiko scheut und taktisch darauf bedacht ist, dass der Gegner kein Tor schießt, hat nicht verstanden was den Titel als Fußballweltmeister ausmacht.

Nach dem Spiel gegen Frankreich fehlte es besonders an Selbstkritik, Demut, den leisen Tönen nach einer Niederlage. Selbst 1 Tag später gab es keine sachliche Analyse über Fehleinschätzungen, wie z.B. eines nicht optimal zusammen gestellten Kaders. Auch gab es keine lobende Worte für das Team der Franzosen, die unter einem ganz anderem Druck standen und verdient gewonnen hatten.

Das Kritik am Bundestrainer oder dem DFB dem Hochverrat gleichkommen, musste u.a. ARD-Experte Scholl merken. Dennoch, wer die Realität ausblendet und sich schnöde Spiele schön redet, hat leider in den letzten 2 Jahren, nichts dazu gelernt. Der DFB hat ein Luxusproblem zusammen gefasst in einem Satz: das Halbfinale erreicht und das Soll erfüllt. Verlieren zu können ist eine eigene Disziplin. Was sind Siege wert? Was kann man aus Niederlagen lernen? Verblendet vom eigenen Glanz. Allein der Französische Spieler Griezmann hat mehr Tore geschossen als alle Weltmeister zusammen.

Zum Schluss etwas Medienkritik. Was mir gefallen hat, waren die vielen ausländischen Gäste zu den Spielen. Manch einer hätte gern länger bleiben können. Die Idee ist gut und ausbaufähig. Bitte mehr davon. Weniger gut ist die Schwarz-Rot-Goldene Brille mancher Kommentatoren. Über die traditionelle Hofberichterstattung aus dem jeweiligen Hotels und Trainingsplätzen der Nationalmannschaft und die Interviews mit dem Bundestrainer…nun ja, sie war wieder ohne Erkenntnis und entbehrlich. Was bleiben wird an Bildern sind die singenden Fans der Iren und Nordiren und Waliser und natürlich das Huh der Isländer und so manches schönes Tor. Vielleicht sollte Löw mit allen Spielern Urlaub in Island machen um den Kopf wieder frei zu bekommen.

P.S. Für die UEFA, dem europäischen Fußballverband, ist die EM bereits ein finanzieller Erfolg. Nach bisherigen Schätzungen wird man 1,9 Mrd Euro einnehmen, bei Ausgaben von 1,1 Mrd Euro bleibt ein Gewinn von 800 Mio Euro…Platinis Erbe. Und man wird weiter machen den Fußball zu kommerzialisieren um den letzten Cent auszuquetschen…bis die Blase platzen wird. Geld macht heute im Profi-Fußball den Unterschied. Langeweile inklusive.

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Infotainment

Vor 30 Jahren schrieb ein Amerikanischer Professor für Medienökologie ein Buch mit dem Titel: „*Wir amüsieren uns zu Tode“. Es war Neil Postman, der das amerikanische Fernsehen und die Medien kritisch hinterfragte und eine Bestandsaufnahme machte. Von ihm stammt auch der Begriff „Infotainment“. Auch 30 Jahre später lässt sich von Postman nach wie vor lernen. Seine Buch ist ein gutes Beispiel wie Kommunikationstechniken eine Gesellschaft verändern können.

Im Sinne Postmans sollte man heute insgesamt Erwartungen herunter fahren, wenn es um Begriffe wie Journalismus oder Medien geht. Man muss von einer Industrie sprechen, die unser Bedürfnis nach Nachrichten auf teils niederen Niveau irgenwie befriedigt. Diese Industrie verströmt dies wie ein dauerhaft anhaltender Nachrichten- und Medientsunami, wo oftmals die Wahrheit zweitrangig geworden ist. Lieber gut formuliert oder spekuliert als langweilig und zeitintensiv recherchiert ist ein Credo in einer Welt wo jeder von der Inflation der Nachrichten überfordert sein muss.

Die Art wie Wissen, Wahrheit, Informationen und Kultur über die Medien vermittelt wird, zeichnet ein Bild einer Gesellschaft die lieber Bilder und Überschriften statt Wörter und Inhalte konsumieren. Eigenes Denken ist für viele zu anstrengend geworden, da es wie beim Fastfood schnelle Fertiggerichte gibt die unterhaltsam und in gut konsumierbaren Portionen dargeboten werden.

Denkfaulheit ist zu einer Medienkrankheit geworden, an der scheinbar viele erkrankt sind. Heute sind beispielsweise politische Wahlkämpfe kein Versuch mehr ernsthaft über Inhalte zu diskutieren. Hauptsache die Wahlplakate sind bunt und tragen einen nichtssagenden Slogan. Auffallen und laut sein mit möglichst wenig Substanz. In den letzten 20 Jahren sind im Durchschnitt 20% weniger Menschen zur Wahl gegangen. Man schaue sich beispielsweise die Nachrichtensendungen bei den Privaten Sendern an. Dort gibt es zur besten Sendezeit u.a. Klatsch und Tratsch, Reißerische Sensationen, was das Gegenteil von seriöser Information ist und dennoch sich immer größer werdender Popularität erfreut.

Postman schrieb vor 30 Jahren, das nur das Fernsehen nicht alleine Schuld sei. Aber es ist ein ideales Transportmedium was offen ist für Manipulationen. Er kam zu dem Schluss, dass wir langsam aber sicher auf eine neue „Schöne neue Welt“ zielsicher zusteuern. Man denke heute dabei u.a. an die sukzessive Aufgabe und das Aufweichen von Grundrechten der Verfassung.

Wie bildet man sich heute eine Meinung über, zugegeben, teils sehr komplexe Inhalte? Die Medien insgesamt sind heute weniger Aufklärer als Anführer und Transporter die zu einer, wie Postmann seiner Zeit schrieb, Entleerung der Inhalte von Politik und Kultur führe. Der daraus entstandene Begriff heißt Infotainment. Alles wird zu einer großen Unterhaltung. Postman kritisierte dabei auch die Infantilisierung der Gesellschaft. Parallelen zur heutigen Zeit sind nicht von der Hand zu weisen und aktuell.

Die täglichen Bilder und Nachrichten sind zur Aktionsware minderen Wertes verkommen mit dem primären Ziel Algorithmen zu bedienen und damit das Publikum zu bespielen, damit die Inhalte in den Netzwerken weiter verbreitet werden. Alles muss kürzer, knapper, emotionaler und oberflächiger an die Konsumenten gebracht werden.

Früher beendeten Fotografien Kriege. Heute können sie Kriege entfachen. Die verbale medial geführte Aufrüstung mit Hang zum Bellizismus hat zudem Schaden angerichtet und die Wahrnehmung nachhaltig beeinflusst. Dem Gedanken der Hoffnung kann heute niemand entfliehen.

(*Neil Postman: „Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie“/ Fischer Taschenbuch Verlag)


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Die Zukunft ist Jetzt

Willkommen im Zeitalter der allgemeinen Ungewissheit. Um es vorweg zu sagen, es ist derzeit nicht möglich die Zukunft vorherzusagen, wie z.B. die Welt in 20 oder 30 Jahren sein wird. Die zentrale Frage dabei ist nicht was die Zukunft bringen wird, sondern wie sie sich verändern wird. Wir blicken zwar nach vorn und doch wissen wir nicht, außer dass die Welt in der Zukunft eine komplett andere sein wird.

Wie sagte Günter Grass: „Ich glaube, dass Zukunft nur dann möglich sein wird, wenn wir lernen, auf Dinge, die machbar wären, zu verzichten, weil wir sie nicht brauchen.“ Die meisten Veränderungen erfolgen jedoch schleichend und werden von der Mehrheit nicht wahr genommen. Es gibt eine Gegenwart die so schnell geworden ist, dass man für den einen Augenblick glaubt sie verstanden zu haben um im nächsten Augenblick wieder zu zweifeln. Früher wurden beispielsweise Mitarbeiter von Unternehmen eingestellt, damit sie vom Unternehmen lernen. Heute werden immer mehr Mitarbeiter gesucht die den Unternehmen lehren, was sie wissen sollen.

Der Wandel kennt kein Stoppschild. Er wird weiter voran schreiten und noch vieles verändern. Dabei geht es weniger um die mögliche Ernte, sondern um die Herausforderung nichts oder wenig für den Moment zu ernten. Man befindet sich in einer Zwischenstation ohne das Ziel zu kennen. Und die Reise wird vermutlich noch Jahre andauern.

Verlage zum Beispiel suchen seit Jahren nach erfolgreichen Modellen wie sie sich für die digitale Zukunft aufstellen. Ob Bezahlwand oder für einzelnen Beiträge…es gibt diverse Bezahlmodelle die alle eines gemein haben: sie sind nicht erfolgreich. Die immer gern als positives Beispiel genannte New York Times entlässt seit Jahren, trotz ihrer erfolgreichen digitalen Strategie und innovativen Reportagen, nach wie vor Mitarbeiter. Trotzdem kann heute eine gut gemacht Online-Reportage mehr Leser generieren als die gesamte Druckausgabe. Das ist die große Herausforderung. Den Verlagen und anderen möchte man dazu zurufen, lasst euch von euren Ideen treiben, nicht von euren Ängsten.

Schauen wir kurz zurück. Die Breitbanddatenübermittlung gibt es seit ca. 10 Jahren. Google kam vor über 10 Jahren in die Öffentlichkeit. Heute verarbeitet Google 3 Milliarden Suchanfragen täglich. Facebook wurde 2004 gegründet und hat nach 11 Jahren ca. 1,3 Milliarden Nutzer. Twitter wurde 2006 gegründet und heute werden jeden Tag bis zu 500 Millionen Tweets versendet. Das iPhone kam 2007 auf den Markt. Heute gibt es mehr als 2 Milliarden Menschen weltweit die bereits ein Smartphone nutzen. In Deutschland rechnet man bis 2020 mit ca. 80% der Bevölkerung die ein Smartphone besitzen werden. Kindle wurde 2007 an den Start gebracht. Nicht unerwähnt bleiben sollen die Einführung der Apps oder das komplexe Thema Datensicherheit uvm. All dies war in der Entwicklung in dieser Dimension vor 10 oder 20 Jahren nicht vorhersehbar.

Eine Aussage die immer gern aufgestellt wird ist, dass wir erst auf dem Weg in eine Digitale Gesellschaft sind. Das ist falsch. Wir sind bereits eine mobile Digitale Gesellschaft. Das Medienverhalten hat sich bereits verändert. Trotz des Wandels sollten Zynismus und Pessimismus nicht an der Tagesordnung stehen. Es braucht eine neue Begeisterung und Leidenschaft für neue Ideen und den Mut Veränderungen trotz der Risiken als Chance zu erkennen. Und es braucht kluge Köpfe die diese Zeit als Chance sehen zu investieren. Denn es ist der Code für die Zukunft. Doch bis dahin werden sich diverse Branchen nachhaltig verändern und vermutlich stehen den Verlagen u.a. Umwälzungen in Form von Massenentlassungen noch bevor.

Alles überall und zu jeder Zeit erhältlich ist das neue Credo. Im Zuge des Wandels wird sich ebenso das Lernen und die Verbreitung von Wissen verändern. Das Wissen wird zu einem omnipräsenten Faktor werden. Für diese neue Form des Lernens und der Flut an Wissen muss zuerst gelernt werden mit den Informationen richtig umzugehen. Das allein ist eine große Herausforderung. Dennoch Wissen und Bildung bleiben auch in der Zukunft die stärkste Währung.

Man wird den Fortschritt und die weitere globale Digitalisierung nicht aufhalten. Es gibt vermeintlich nur die Option eines Arrangements um sich die Expertise anzueignen. Gewohntes Terrain zu verlassen und Neuland zu betreten ist nie einfach. Dafür sind jedoch kleine Schritte nötig statt große Sprünge. Oder mit den Worten von Abraham Lincoln: „The best way to predict the future is to create it“.


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Medien-Absturz

Nachrichten sind Informationen über aktuelle politische, wirtschaftliche, soziale, kulturelle, sportliche und sonstige Ereignisse in komprimierter Form. So steht es in der Wikipedia. Wer jedoch die aktuellen tragischen Ereignisse um den Flugzeugabsturz und seine Folgen und Reaktionen verfolgt, sieht ebenso einen roten Faden: den Medien-Absturz, der sich auch bei anderen aktuellen Krisen zeigt.

Nachrichten sind eine schnelle und oft heiße und umkämpfte Ware deren Wert in den letzten Jahren gesunken ist. Was zählt sind u.a. Exklusivität, Sorgfalt, Textsicherheit, die Gabe komplexe Themen analytisch und für jedermann verständlich zu publizieren und aktuell und vor allem schnell auf Ereignisse zu reagieren. Als am Dienstag dieser Woche die Kanzlerin in ihrem ersten Statement nach dem Flugzeugabsturz jeder Spekulation über die möglichen Gründe des Absturzes ein Verbot aussprach, wurde dies von den Sendern weiter geteilt und wiederholt um nur wenige Sekunden später sich wieder aktiv an weiteren Spekulationen zu beteiligen. Was soll man auch versenden wenn es für den Moment nichts zu sagen gibt? Ach ja, da sind noch weinende Kinder, trauernde Angehörige und eine Inflationen von Experten und Spezialisten.

Dabei gibt es in den Redaktionen von Print und Fernsehen neben den Korrespondenten vor Ort auch Ressortleiter, Chefredakteure, den Chef vom Dienst und Personen die Texte redigieren. Vermutlich sind die meisten davon studiert und fachlich ausgebildet und ebenso erfahren mit Krisen und Katastrophen im Mediengeschäft. Und doch scheint es ein breites Versagen zu sein, dass man sich gemeinsam in eine Nebellastige Ecke setzt, um zu kommentieren, zu spekulieren und die Klaviatur der Emotionen und die der Fantasie durch und hoch zu spielen. Klickzahlen, Abrufe, Quoten zählen scheinbar zuerst. Lieber gut formuliert oder spekuliert als langweilig und zeitintensiv recherchiert ist ein Credo in einer Welt wo jeder von der Inflation der Nachrichten überfordert sein muss.

Noch vor kurzem versuchte eine Redaktion mittels eines Mittel“Stinke“fingers die ohnehin komplexe Thematik Griechenlands auf das herunter zu brechen, was sie nun wirklich nicht ist, ein Bild als Statement. Das der Boulevard ein ganzes Land tagein tagaus verhöhnt, ist noch nachvollziehbar. Denn es ist der Boulevard, mal schmierig und schlimm und für andere sogar unterhaltsam. Wenn jedoch eine Redaktion die Krise in Griechenland auf einen Mittelfinger reduziert, zeigt sich wie weit die Degeneration der Medien sich entwickelt hat. Hauptsache die Quote stimmt und man hatte 60 Minuten Aufmerksamkeit. Hierzu gibt es noch viele weitere Beispiele.

Heute schrieb der neue Chefredakteur vom SPIEGEL ein Manifest zum Thema Journalismus. In dem Manifest versucht er eine Brücke zu schlagen, von den Wurzeln des Hauses unter Rudolf Augstein und einen Ausblick auf die Zukunft zu geben. Das ist löblich, liest sich gut und wäre Anlass genug von anderen Redaktionen ähnliches zu lesen, wie es um deren journalistische Moral, Ethik, Stil und Ausrichtung bestellt ist. Nicht in Form einer Anklage sondern in Form einer geistigen Reflexion und Diskussion. Denn bei allen journalistischen Herausforderungen für die Zukunft bleibt ein Faktor zentral, die Qualität. Denn Qualität ohne Stil und Anspruch funktioniert nicht.

Wie sagte ein Frankreich-Korrespondent am späten Dienstagabend in der Nähe von der Unglücksstelle auf die Frage, wie es am Mittwoch weiter gehen wird: das Gelände sei abgesperrt und wie er, der Korrespondent, hörte, ist dies ein wildes Gebiet wo es auch Wölfe gibt. Man könne sich „gar nicht ausdenken, was dort mit den Opfern passiert.“ Nein, das möchte man sich auch nicht ausdenken und erst recht nicht solche Sätze hören.

Rainer Stadler hat heute in der NZZ (Link zum Artikel unten) geschrieben: „Eine gewisse Vorsicht bei der Einordnung, Einschätzung und Wiedergabe von hochaktuellen Ereignissen wäre ein Gebot der selbstkritischen Vernunft.“ Vielleicht macht dieses tragische Ereignis den einen und anderen hinterfragender und kritischer und so manche Nachrichtenredaktion ihren bisherigen „Stil“ zu überdenken. Im Moment macht es viele zurecht sprachlos.

Weitere Informationen:
– Video und Wahrheit – Die Analyse im Tagesanzeiger über die Überforderungen in unserer Welt.
– Das BILDblog hat dazu viel Material gesammelt, wie über den Flugzeugabsturz berichtet wurde.
– Für die Zukunft sollte man sich diese 10 Punkte, die man nach einer Katastrophe nicht mehr hören, sehen oder lesen möchten, zu Herzen nehmen.
– Kritik am ARD-Brennpunkt 24.03.2015 zum Flugzeugabsturz (YouTube-Link)
Die Bezeichnung Nachrichten hat ihren Wert verloren. Zitat: „Emotion überlagert Information und wird gewollt oder ungewollt zum Marketinginstrument.“
– Das SPIEGEL-Manifest: Guter Journalismus macht keine Kompromisse
Wir Voyeure (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Der Co-Pilot, der Täter von Rainer Stadler. (NZZ)
– Das Blog von Stefan Niggemeier u.a. zum Thema Griechenland, Mittelfinger und insgesamt über die Medienberichterstattung.
Heike Rost »Die Hölle, das sind die anderen« mit weiterführenden Links. Zitat: „Die Hölle sind nicht die anderen, sondern wir selbst. Es liegt an uns, dem etwas entgegenzusetzen und sinnvoll zu verändern.“


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Linktips Roundup 20th February, 2015

„Today even more true than back in 1997.“ IBM Internet Hype (Commercial from 1997)  (YouTube-Link)
(via Twitter/Amir Kassaei)

Interview! Hui Bui, Architect, Designer & Artist
He started a Kickstarter campaign for Plant-in City in 2012. Again a wonderful interview beautiful captured.
„I’ve learned so much. Plants are very resilient. They’re responsive. They need care and attention, just like anything else. I even find myself talking to my plants when I’m alone.“

Just wonderful, the Peanuts! Snoop

Mies van der Rohe Award 2015 shortlist announced
40 projects have been shortlisted for the European Union’s 2015 architecture prize – the Mies van der Rohe Award – including a woodland crematorium in Sweden and a rowing centre in a Portuguese wine region (+ slideshow).

David Carr, NewYorkTimes Critic and Champion of Media, Dies at 58
David Carr, who wriggled away from the demon of drug addiction to become a journalistic celebrity, a name-brand media columnist at The New York Times and a best-selling author who reported on his own near demise and recovery, died on Thursday in Manhattan. He was 58.

It turns out the one guy who could really sum up what David Carr meant to folks in media is David Carr. From the NYT: The Quotable David Carr. Here’s a selection of his writing and public statements

David Carr´s Column „The Media Equation“ is still available on NYT. Sometimes you can learn more from one single person then to read hundreds of historical books.

Interactive! watchemedate One couple. Two cameras. What happens next?

Just some recommendations for your next travel and some really nice gifs: 52 places to Go in 2015

160 años de amor por Barcelona. Fotos de Cartier-Bresson, Colita, Català-Roca…
(via Twitter El Viajero

Bob Dylan’s Grammy Speech
Probably the best short account ever of pop and rock music’s golden age, delivered with modesty and incomparable authority.
“I learned lyrics and how to write them from listening to folk songs. They gave me the code for everything that’s fair game. All these songs are connected. Don’t be fooled. I just opened up a different door in a different kind of way” (via TheBrowser.com)

Photography Get Lost in The Incredible Black & White Mountain Landscapes of Scott Rinckenberger

AIR: Gotham 7.5K A Rare High Altitude Night Flight Above NYC
Imagine leaning out of an open door of a helicopter 7,500 feet over New York City on a very dark and chilly night…And seeing this video and article with more fantastic images.
Das Millionengrab Die Hamburger Elbphilharmonie gehört zu den zehn teuersten Hochhäusern der Welt und ist ein Millionengrab. Ein langer lesenswerter Artikel der die Historie zusammenfasst und ebenso die Chancen aufzeichnet. Nun, hier in Hamburg gibt es darüber geteilte Meinungen.

Oder man nimmt es mit Humor: „Neues von der Elbphilharmonie: Sie rechnet sich. Bei einer Auslastung von 180 Konzerten. Pro Tag.“ NDR Extra3 und Heinz Strunk sei dank (YouTube-Link)

Spaziergang durch den Irrsinn Smilla Dankert war bei der Weiberfassnacht unterwegs und hat dabei Personen fotografiert. Das Resultat ist ein höchst unterhaltsamer Spaziergang.
„Ungefähr 60 Menschen habe ich auf meinem Spaziergang durch den Irrsinn (sehr viele Leute überall, Alkohol spielt eine Rolle) angesprochen und fotografiert. Da tun Notizen Not; worin in diesem Fall leider ein doppelter Wortsinn liegt.Am späten Abend hat sich nämlich herausgestellt, dass sämtliche Erinnerungs-Aufsager im technischen Nirwana verloren gegangen sind. Namen, Kostümgeschichten, Kurzinterviews – alles weg. Das tut weh; mehr noch als schmerzende Füße.“

Das Recht auf das Vergessen im Netz
Das Bedürfnis, die Privatsphäre zu schützen und sich den Augen des interessierten Publikums zu entziehen, ist nach wie vor groß. Trotzdem gibt es kaum eine Debattenkultur über dieses wichtige Thema. Seit dem bekannten Gerichtsurteil hat Google fast 218.000 Gesuche für die Löschung von Links zu 786.000 Webseiten erhalten.

TALWAERTS ZEIGT, WIE EIN GUTES LOKALES WOCHENMAGAZIN AUSSIEHT
Über lokalen Journalismus und die zukünftige Chancen hatte ich bereits geschrieben. Konrad Lischka hat auf seinem Blog das Wupertaler Projekt „Talwaerts“ entdeckt, besprochen und obwohl ich das Magazin nicht kenne, komme ich nicht umhin zus sagen, dass ist genau der Lokaljournalismus wie ich ihn mir nicht nur in Wuppertal vorstelle. Ich bin gespannt ob es weitere positive Beispiele dieser Art in anderen Städten, wie z.B. in Hamburg geben wird. Allein für diese Entdeckung ein Dankeschön! Und hier ist das Interview mit dem Gründer und Herausgeber: TALWAERTS VERKAUFT 600 HEFTE DIE WOCHE


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Bandscheibenvorfall

Der Countdown läuft. Hamburg wählt am kommenden Wochenende eine neue Bürgerschaft. Irgendwie erinnert der aktuelle Wahlkampf u.a. an den Titel eines Theaterstück von Ingrid Lausund, was vor einigen Jahren im Hamburger Schauspielhaus aufgeführt wurde. Der Name könnte auch Programm sein: „Bandscheibenvorfall. Ein Abend für Leute mit Haltungsschäden.“

Schätzungen zufolge werden bis zu 2/3 der Wahlkampfausgaben für Plakatwerbung ausgegeben. Im Wort Wahlkampf steckt auch das Wort „Kampf.“ Von Kampf kann aktuell keine Rede sein. Und ob der plakative Aufwand sich auch in Wählerstimmen- und Beteiligung rechnen wird bleibt unbeantwortet.

Das die Ansprüche an die Parteien und Politik gesunken sind, wird allein dadurch deutlich, dass man sie gewählt hat. Gesicht und Haltung zu zeigen wird auch überschätzt. Es gibt kaum noch leidenschaftliche Debatten. Statt über Themen zu sprechen richtet sich das Augenmerk z.B. auf quietschbunte Farben, wie das „neue Magenta“ der FDP. Apropos die Liberalen. Man möchte nicht nur ihnen Kurt Tucholsky wieder als Lektüre empfehlen.

„Dann wird einer kommen, der wird eine gradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdecken. Er wird sagen: Es gibt einen Organismus, Mensch geheißen, und auf den kommt es an. Und ob der glücklich ist, das ist die Frage. Daß der frei ist, das ist das Ziel… Es kommt darauf an, dass der Mensch lebe. Dieser Mann, der so spricht, wird eine große Wirkung hervorrufen. Die Leute werden seiner These zujubeln und werden sagen: »Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das haben wir noch nie gehört!“
(Dies schrieb Kurt Tucholsky bereits 1930.)

Statt mit Feuer und Flamme (Slogan der Bewerbungskampagne für die Olympischen Spiele 2024), Themen und Leidenschaft in den Wahlkampf zu ziehen, versuchen es die Parteien einzig über Aufmerksamkeit. Spätestens am Wahlabend wenn die Wahlbeteiligung wieder gesunken ist, gibt es moralisierende Alibistatements.

Das Mittelmaß, auch als neuer Typus in der Politik, ohne Esprit und Visionen, einzig mit dem Ziel Macht zu erhalten, dominiert. Dabei gäbe es genug Themen über die man gesellschaftlich diskutieren müsste. Doch eingehüllt in einer Wolke aus Lethargie wird das meiste ignoriert. Die Hauptsache ist und bleibt, dass es den meisten gut geht und das man sie in ihrer Ruhe nicht stört. Und die, die sich schon lange nicht mehr mitgenommen oder angesprochen fühlen grenzen sich aus.

Hier eine kleine rein subjektive Auswahl an sog. Slogans der Parteiplakate die mir über den Weg gelaufen sind.
– Hamburg für alle (Piraten)
– Hamburg weiter vorn (SPD)
– Hamburg kann mehr (CDU)
– Hamburg muss handeln (AFD)
– Hamburg gibt die Richtung vor (FDP)
– Mit Grün geht das (Die Grünen)
– Mehr Menschlichkeit. Das muss drin sein (Die Linke)

Zusammen gefasst könnte man auch sagen: Hamburg ist für alle da. Wo Hamburg ist, ist weiter vorn obwohl man mehr könnte. Denn Hamburg gibt die Richtung vor. Mit Grün und aktiven Handeln und Menschlichkeit. Das muss drin sein.
Ergänzend dazu von meiner bescheidenden Seite: Hamburg ist mehr. Hamburg ist Stadt. Hamburg geht vor. Wir sind Hamburg. Hamburg Es geht ums Ganze. Hamburg in guten Händen. Darauf einen Hamburger. Wir machen Hamburg. Hamburg Wir sind dran. Hamburg mag Me(h)er.

Da passt der Karneval gut dazu, wenn auch aus einem traurigen Anlass. In Erinnerung an Jürgen Dietz, dem Mainzer Bundestags-Boten.
„Über alles wächst mal Gras. Ist das Gras so’n Stück gewachsen, frisst’s ein Schaf und sagt: Das war’s.“

Weiterführende Artikel und Links:
– Design-technisch werden die Plakate ausführlich hier unter die Lupe genommen. Die Plakate zur Bürgerschaftswahl 2015 in Hamburg
– Der Spaß darf dabei auch nicht fehlen. Zwei schöne Sammlungen „Wahlplakate from Hell“ und kreative Bild- und Plakatspielereien bei „Die besten Wahlwerbeplakat-Bustings“.
– Wissenswertes über die Hamburgische Bürgerschaft und ihre Geschichte in der Wikipedia.


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Wir werden uns schon schaffen

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und wir wurden bereits inflationär mit Rückblicken eingedeckt. Man könnte auch von einer Nachrichtenrückblickbulimie sprechen.

Die Tagesschau hat zum Beispiel einen Blog wo der Chefredakteur versucht durch eigene Blogartikel Diskussionen anzuregen. Nur gibt es dort keine Diskussionen zwischen den Redakteuren der Tagesschau und den Lesern. Die Kommentatoren dürfen sich allein unterhalten. Ein Fehler der nicht nur gängige Praxis bei den Öffentlich-rechtlichen Medien ist. So werden Chancen vertan und das Vertrauen in die Medien sinkt weiter. Würden wir hingegen weniger aus der Sicht der Medien, sondern aus persönlicher Sicht das Jahr an uns vorbei ziehen lassen, würde es vermutlich ein ganz anderer Rückblick.

Willkommen in der Mittelmäßigkeit oder in der Mitte der Republik. Nationale Diskussionen und internationale Krisen werden ausgeblendet oder ausgesessen. Eingelullt in gespenstischer Ruhe und von oben vorgegebener Pragmatik geht alles im weitesten Sinne so weiter wie bisher. Die Ansprüche an die politische Führung sind deutlich geringer geworden und werden dennoch für die meisten erfüllt. In den letzten 20 Jahren sind im Durchschnitt 20% weniger Menschen zur Wahl gegangen. Auch die Ordnungsrufe im Bundestag sind massiv gesunken. Es gibt kaum noch leidenschaftliche Debatten über die man spricht. Das Mittelmaß ohne Esprit und Visionen, einzig mit dem Ziel Macht zu erhalten, dominiert. Es gäbe genug Themen über die man gesellschaftlich diskutieren müsste. Doch fest eingehüllt in einer dichten Wolke aus Lethargie wird das meiste ignoriert. Die Hauptsache ist, dass es den meisten gut geht und das man sie in ihrer Ruhe nicht stört, eine Vollkaskomentalität. Nur einzelne Personen ohne Einfluss auf die Majorität scheinen diese nicht mehr ganz neue Dimension wahr zu nehmen.

Früher beendeten Fotografien Kriege. Heute können sie Kriege entfachen. Die verbale Aufrüstung mit Hang zum Bellizismus hat zudem viel Schaden angerichtet und die Wahrnehmung nachhaltig beeinflusst. Im Dezember riefen beispielsweise insgesamt 60 Persönlichkeiten wie Roman Herzog, Manfred Stolpe, Wim Wenders, Georg Schramm und viele andere in einem Appell zum Dialog mit Russland auf. Den Öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen war dies keine Meldung wert. Bei Zeit Online sind es mehr als 1.500 Kommentare.

Eine der großen zukünftigen Herausforderungen ist die Information von der Propaganda der Sprachlosigkeit zu trennen wie auch die Illusion von der Wirklichkeit. Bei dem akuten Bildungsnotstand der bis in die Spitzen der Republik reicht, möchte man rufen, Herr wirf Hirn vom Himmel. Doch wie es scheint ist die Eitelkeit und das Richten der Mimik für die Fernsehkameras wichtiger als sich in Diskussionen zu engagieren oder den Weg der Diplomatie zu suchen.

Ein Gesetz der Wirtschaft besagt, dass eine Investition auch ein Wetteinsatz auf die Zukunft ist. Leider ist die Zukunft nicht beherrschbar. Trotzdem wäre ein Investment in Bildung, Information, in aufklärerische Diskurse kein Geschäftsverlust, sondern ein Gewinn für alle. Wir stehen mitten in einer Zeitenwende und die zukünftigen Auswirkungen sind nicht absehbar. Behalten wir uns dennoch die Contenance, Neugier und Zuversicht. Dem Gedanken der Hoffnung kann niemand in diesem Jahr entfliehen. Die Errungenschaften der Gesellschaft, die Grundwerte wie der Wunsch nach Freiheit, der Schutz einzelner, das Miteinander der Kulturen, Respekt und Toleranz anderen gegenüber, dürfen in welcher Form auch immer weder begrenzt noch beschnitten werden.

(Alle früheren Texte findet man in der Kategorie „Daily Note“)