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Purple Will Never Sound The Same

Prince Rogers Nelson (1958-2016)

2016 ist ein schlechtes Jahr für die Musik. Prince Rogers Nelson ist völlig unerwartet, im Alter von 57 Jahren, gestorben. Eine Ikone, Sänger, Songwriter, Produzent…ein Multi-Instrumentalist der über 100 Millionen Tonträger verkauft hatte.

Als kleiner Junge lernte er bereits Klavier und brachte sich später selbst Gitarre und Schlagzeug bei. Mit 17 Jahren startete er seine musikalische Karriere. Mit 19 Jahren unterschrieb er seinen ersten 1 Million Dollar Plattenvertrag bei Warner Bros.. 1983 wurde er vom Musiksender MTV im Tagesprogramm gespielt und erreichte mit Songs wie „1999“, „Little Red Corvette“ zum ersten Mal die amerikanischen Charts. 1984, mit 26 Jahren, kam der internationale Durchbruch mit dem Album „Purple Rain.“ Wenn ein Künstler schon früh einen solchen Erfolg hat ist dies Fluch und Segen zugleich. Doch Prince kümmerte sich nicht darum diesen Erfolg zu konservieren und zu wiederholen. Für ihn schien es keine Grenzen zu geben. Er hatte in den 80´Jahren einen ekstatischen kreativen Output und probierte sich an neuen Sounds und Formen aus. Er verschmolz Soul, Funk, R&B, Blues, Rock, Pop zu einem eigenen Stil. Zudem fand er Zeit für andere Künstler Lieder zu schreiben. U.a. den Hit der Bangles „Manic Mondays“ oder Sinhead O´Connor´s „Nothing Compared 2U“, Chaka Khan´s „I Feel For You“. Er schrieb auch für Stevie Nicks, Sheila E., Sheena Easton, Alicia Keys und andere.

„Sometimes it snows in April
Sometimes I feel so bad, so bad
Sometimes I wish life was never ending
and all good things, they say, never last“
(Sometimes it snows in April)

Zu Beginn seiner Karriere pflegte er einen androgynen universellen Auftritt, war weder Schwarz oder Weiß, wechselte seinen Stil in der Musik und Mode mehrfach und blieb jemand der seinen Stil damit früh kultivierte. Er kämpfte ein Leben lang für seine künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit. Vor 2 Jahren konnte er sich, nach einem jahrelangen Rechtestreit mit Warner Bros. einigen und erhielt die Rechte an seinen Songs zurück. Wenn man sich auf die Suche macht, nach dem musikalischen Werk von Prince im Netz, wird man auf den bekannten Streaming-Portalen kaum fündig werden. Sein gesamtes Werk gibt es nur bei Tidal, was Jay-Z gehört. Prince wusste, dass ein Künstler nicht durch einen Streaming-Dienst reich wird, die Betreiber jedoch schon. Da blieb er konsequent.

Er schaffte den Sprung vom Künstler zum eigenen Kunstwerk früh. Etwas was nur wenige Künstler schaffen. Nicht das er als Künstler nur seinen Musikstil änderte. Er wechselte die Leinwand seines eigenen Gemäldes und wurde früh künstlerisch einzigartig. So gibt es nicht den einen Song, der stellvertretend für sein Werk steht. Seine Konzerte waren einzigartig, mit magischen Momenten und ihn aus wenigen Metern Entfernung spielen zu sehen ließ Raum und Zeit vergessen.

Im kommenden Jahr sollte seine Biografie erscheinen. Manche hätten vermutlich geschrieben, es sei viel zu früh mit 58 Jahren. Nun ist es zu spät. Das gute an Künstlern ist: sie leben durch ihre Kunst weiter. Dennoch leben wir nun in einer Welt ohne Prince, David Bowie…was traurig macht.

„Dream if you can a courtyard
An ocean of violets in bloom.“
(When Doves Cry)

 

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Die Ohren ausputzen

Dieses Mal gibt es eine musikalischen Paarung die das Wirken eines Produzenten und die eines Dirigenten wie auch die Wichtigkeit eines einzelnen Akkords aufzeigen wird.

Vor wenigen Tagen verstarben zwei Große Künstler in der Musik: Sir George Martin im Alter von 90 Jahren, der u.a. die meisten Beatles-Lieder produzierte und der Dirigent Nikolaus Harnoncourt im Alter von 86 Jahren.

Sir George Martin war mehr als nur der Produzent. Er verschmolz die Aufgaben eines Produzenten, die des Arrangeurs und Ideengebers und Mentors zu etwas neuem. Paul McCartney sagte in einem Interview, als er das erste Mal auf Martin traf, das er ihn fragte was er den Beatles beibringen könnte. Martin antwortet ganz Gentlemanlike mit: alles was ihr wollt. Er inspirierte die Beatles, forderte und förderte sie zu ihren kreativen Hochphasen. Als Glanzstück dieser glücklichen Melange aus Genie und Kunst war vermutlich das 1967 erschienene Album „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ und daraus der letzte Song „A Day In The Life„. Ein Song, inspiriert von dem 1 Jahr zuvor vorgelegten Beach Boys Song „Good Vibrations“. Das Lied gliedert sich in zwei Fragmente die jeweils unabhängig voneinander McCartney und Lennon komponierten. Bei den Aufnahmen bestand Uneinigkeit darüber wie man nun beide Fragmente verbinden sollte. Es wurde dann die Variante gewählt ein Sinfonieorchester mit hinzuziehen. Diesen Part übernahm Martin. Die Aufnahmen dazu sollten locker, quasi als Party, ablaufen und so holten man sich Freunde wie Mick Jagger, Keith Richards, Marianne Faithful u.a. mit dazu. Die Sinfonischen Musiker trugen dazu Pappnasen und Hüte und das ganze wurde, wie im Video zusehen ist, auf 16mm Film aufgenommen. Enden tut das Lied mit einem lauten langgezogenen E-Dur-Akkord auf mehreren Klavieren. Die Originalaufnahme habe ich nicht gefunden. Dafür eine remasterte Fassung von George Martin. Dieses Lied inspirierte später andere wie z.B. Queen „Bohemian Rhapsody“ oder Richard Harris „MacArthur Park„.

Nikolaus Harnoncourt wurde am Nikolaustag 1929 in Berlin geboren, siedelte kurze Zeit später ins Österreichische Graz über. 1952 begann seine musikalische Karriere als Cellist bei den Wiener Philharmonikern, damals unter der Leitung von Herbert von Karajan. Anfang der 70´er Jahre, gegen seinen Willen, weil er sich nicht als Dirigent sah, wurde er dennoch Dirigent. Schon früh interessierte er sich für das Alte Werk und fragte sich auf welchen Instrumenten Monteverdi u.a gespielt haben. Denn viele Barockinstrumente gab es nicht mehr und wurden nicht mehr gebaut. Er beschrieb literarisch anschaulich das jeder Akkord ein Motiv hat und suchte das Ursprüngliche in der Musik. Diesen Prozess benannte er in einem Interview mit „Die Ohren ausputzen“. Zeitlebens war er ebenso ein Studierender und Wiederentdecker der Barock-Musik und öffnete diese Schatulle zu einem neuen Klangerlebnis Altes wieder neu zu hören. Doch er spielte nicht nur die Alten Meister, sondern auch Komponisten wie u.a. Beethoven, Schumann, Bizet, Bartok, Gershwin. Und was ebenso eine Lebensleistung ist: er spielte erstmals alle 193 Bach-Kantaten ein.

Den schönsten Nachruf auf ihn schrieb er selbst, als er im Dezember 2015 in einem offenen Brief seinen Rückzug vom Dirigentenpult bekannt gab. „…Zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal hat sich eine ungewöhnlich tiefe Beziehung aufgebaut – wir sind eine erfolgreiche Entdeckergemeinschaft geworden! Da wird wohl Vieles bleiben.“

Hier zu hören die Johann Sebastian Bach-Kantate, BWV 147, „Herz und Mund und Tat und Leben“ mit dem Concentus Musicus Wien.


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Roger Willemsen (1955-2016)

Was für eine traurige Nachricht am Montag. Roger Willemsen ist am vergangenen Sonntag an seiner Krebserkrankung, die er im August des letzten Jahres öffentlich machte, gestorben. Sprache ist der Code, die Tür zur Welt. Das wusste wie kaum ein anderer Roger Willemsen. In den Medien wurden Nachrufe geschrieben und gesendet, ehemalige Kollegen(innen) kamen zu Wort und ein Wort hebt sich aus den vielen Nachrufen ab: Charme. Er besaß diesen besonderen Charme, die Wärme und die Authentizität und packte das Leben dort an wo er es weltweit fassen konnte. „Wenn man so privilegiert lebt wie ich und eine Öffentlichkeit finden kann und dazu noch im Bereich der Kommunikation arbeitet, also schreibt, dann sollte man um Himmels Willen irgendetwas tun, das anderen hilft.“ Und er hatte zum Glück viel zu erzählen und Themen anzupacken.

Auch wenn es eine Phase gab, wo das Feuilleton ihn gehypt hatte und sich manche von ihm abwendeten, so setzte er dennoch seine Reise fort. Vielleicht war es die Neugierde die ihn immer wieder antrieb Menschen und andere Welten kennen zu lernen. Er war das Gegenteil von zynisch, mehr ein charmanter Wortwelterklärer und brillanter Erzähler. Wenn er im Radio zum Beispiel klassische Musik oder ein Jazz-Stück anmoderierte, dann mit der Empathie eines wahren Musikliebhabers, der begeistern und mitreißen konnte. Er besaß die Gabe, auch wenn man die Musik oder das Buch nicht kannte, seine Zuhörer für neue Themen zu interessieren. Vor Jahren hatte er bei Zweitausendeins eine monatliche Kolumne im Merkheft wo er Jazz Alben empfahl. Seine geschriebenen Wörter zu den Alben, gespickt mit persönlichen Erinnerungen, waren wie ein sprudelnder Brunnen in einer Wüste. Und ich kann sagen, das seine musikalischen Empfehlungen alles waren, aber nie langweilig oder uninteressant. Wenn er zum Beispiel über Charles Mingus schrieb konnte man die Musik lesen ohne sie zu hören und beim späteren Nachhören wurden seine Worte noch deutlicher.

Bei NDRKultur legte er seit Jahren in der Sendung „Willemsen legt auf“ und paarte je einen Klassischen Song zusammen mit einem Jazz Titel. So konnte man beispielsweise folgende Kombination hören: Claude Debussy – En Bâteau (YouTube-Link) trifft auf Sidney Bechet – Blue Horizon (YouTube-Link)

Es zog ihn später auf die Bühnen der Theater. Er entwickelte Leseprogramme, arbeitete u.a. mit Dieter Hildebrand zusammen und schrieb einen universellen Dialog der beiden über die Zeitgeschichte der Lüge. Die ZEIT (ZEIT Online Nachruf von Matthias Kalle) war mit Fug stolz, das er dort vierteljährlich die Jahreszeiten ironisch, fein und aktuell beschrieb. Seinen verbalen Zeigefinger steckte er besonders zum Thema Medien in eine immer größer werdende Wunde, der Unterforderung der Massen durch die Fernsehsender. Er war ein Meister der Rede und ein kritischer Beobachter.

Schriftsteller und Publizisten wie Roger Willemsen sind rar. Neben seiner enormen Bildung war er auch ein glänzender Rhetoriker und Weltenbürger, nutzte die Medien und Popularität um auf ernste Themen wie z.B. Guantanamo, Afghanistan, Afrika aufmerksam zu machen. Seine Königsdisziplin blieb jedoch das Interview wo er mehr als 2.000 Interviews mit Menschen führen konnte, die ihn interessierten.

Und er besaß eine Haltung, was schon viel war, und er zeigte sie auch öffentlich, was ihn von den meisten unterschied. Er war stets ein Reisender und setzte auf kulturelle Verständigung. Dieser Satz von Jean Luc Godard soll ihm u.a. Leitmotiv gewesen sein: „Es haben viele Leute den Mut zu leben, aber wenige darüber zu erzählen.“ Das große Glück war, das Roger Willemsen den Mut dazu hatte und wir daran teilhaben durften.

„Der Sinn besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Nicht nur Spaß zu haben.“ (Roger Willemsen)

Hier noch zwei weitere schöne Nachrufe. Nils Minkmar zum Tod von Roger Willemsen. (SpOn-Link) Und Lukas Heinser von Coffee And TV mit persönlichen Erinnerungen.


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David Bowie (1947-2016)

Es fühlte sich heute Morgen seltsam an, als ein Radiosprecher den Tod von David Bowie verkündete. Schon wieder ein Großer der Musik. Wenn es schon heißt, die Alten sollen es richten, so sind sie doch fast alle nicht mehr da. Zuletzt ging Lemmy von Motörhead. Mit Bowie ist ein weiterer musikalischer Lebensbegleiter gegangen.

5 Jahrzehnte lang umfasste seine Karriere. Seine Wurzeln liegen in den 60er Jahren in London. Er saugte die damalige Stimmung auf, interessierte sich für das Theater, für die Undergroundszene und war jung und hungrig. Als Davie Jones begann er seine musikalische Karriere. Nach der Namensänderung in David Bowie ging es gleich mit seinem Debut „Space Oddity“ in den Rock-Olymp und danach meist fortan nach vorn.

Auch wenn immer das Klischee des singenden Chamäleons genannt wird, was eine Erfindung der Presse ist und seinen Ursprung in einem frühen Songtext von ihm hatte, war Bowie keinesfalls dieses Tier das seine Farben wechselte und sich der Umgebung anpasste.

Dazu passt auch die Aussage seines Biografen Paul Trynka im Guardian:
“Actually, he creates the mask in order to make the art. A chameleon changes to mimic its background. Bowie forces the background to change to mimic him. His great achievement is not to market himself with a persona, it’s to create a persona with which to make art.”

Wie er selber sagte, stand er am meisten nach Erfolgen unter Druck, das zu tun, was man dachte, er tun sollte. Und das war meistens nicht gut. So lernte er seinen Weg zu gehen mit ebenso einigen Fehlschlägen.

1974 ging er, vor der Disco-Welle, nach Amerika und nahm „Young Americans“ auf. 1976 zog es ihn nach Berlin. Er wohnte u.a. bei Edgar Froese (Tangerine Dream), der leider auch nicht mehr unter uns ist, und machte einen kalten Drogenentzug. Aus dieser Zeit entstammte auch die bekannte Berliner Trilogie u.a. mit dem Song „Heroes“. Er war ein früher Trendsetter mit sicheren Gespür für die Balance aus Kunst, Veränderung, Stimmungen und Kommerz mit einer immer wieder neuen Inszenierung.

Bowie sagte in Interviews oft und gelangweilt, das er sich seit den 70er Jahren nicht mehr neu erfunden hatte. Und dennoch goutierte er, vermutlich mit einem Lächeln, wenn sich andere Künstler in Interviews ihn als Vorbild der Camouflage benannten. Musikjournalisten beschrieben ihn in Interviews als schwierig, weil er viel Wert auf das später gedruckte Wort legte. So kontrollierte er die Interviews und sagte das, was er auch veröffentlichen wollte. Waren die Mikrofone ausgeschaltet, zeigte sich der private Bowie, der locker wurde und vermutlich viel erzählte, von dem die Journalisten leider nichts verwenden durften.

Nach einem Herzinfarkt in 2004 zog er sich komplett zurück. Keine Auftritte oder Alben, keine Interviews. Es gibt vergleichbar keinen anderen Künstler den die Journalisten so in Ruhe ließen. Denn jeder wusste: wenn er zurück kommt, dann wie Phönix aus der Asche.

Er schaffte den Sprung vom Künstler zum eigenen Kunstwerk früh. Etwas was nur wenige schaffen. Nicht das er als Künstler nur seine Äußerlichkeit und den Musikstil änderte. Nein, er änderte den ganzen Hintergrund seines eigenen Gemäldes und wurde damit früh künstlerisch unsterblich. 2013 zu seinem 66. Geburtstag, dann der Paukenschlag: es wird ein neues Album von ihm geben. Als erste Single nach 9 Jahren Pause gab es eine melancholische und leicht verstörerische Ballade mit „Where Are We Now“ samt Video. Es war dennoch ein cleverer Schachzug, da Bowie im Video die Vergangenheit, gemeint ist seine Zeit in Berlin, mit der Zukunft verschmolz.

…as long as there´s ME…as long as there´s YOU… (aus dem Song „Where Are We Now?“)

Zuletzt sah man Bowie mit seiner Ehefrau im Dezember 2015 zur Premiere von “Lazarus“, im New York City Theatre, wo er lächelte und einen vitalen Eindruck hinterließ. Nur 1 Monat später erlag er seinem Krebsleiden. David Bowie, der so oft in seinem Leben ein Comeback feierte, hat nun seine letzte Reise angetreten. Sein Werk wird weiterleben und weiter getragen. Er hinterlässt neben der Sprachlosigkeit des Moments eine große Lücke.