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Bandscheibenvorfall

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Der Countdown läuft. Hamburg wählt am kommenden Wochenende eine neue Bürgerschaft. Irgendwie erinnert der aktuelle Wahlkampf u.a. an den Titel eines Theaterstück von Ingrid Lausund, was vor einigen Jahren im Hamburger Schauspielhaus aufgeführt wurde. Der Name könnte auch Programm sein: “Bandscheibenvorfall. Ein Abend für Leute mit Haltungsschäden.”

Schätzungen zufolge werden bis zu 2/3 der Wahlkampfausgaben für Plakatwerbung ausgegeben. Im Wort Wahlkampf steckt auch das Wort “Kampf.” Von Kampf kann aktuell keine Rede sein. Und ob der plakative Aufwand sich auch in Wählerstimmen- und Beteiligung rechnen wird bleibt unbeantwortet.

Das die Ansprüche an die Parteien und Politik gesunken sind, wird allein dadurch deutlich, dass man sie gewählt hat. Gesicht und Haltung zu zeigen wird auch überschätzt. Es gibt kaum noch leidenschaftliche Debatten. Statt über Themen zu sprechen richtet sich das Augenmerk z.B. auf quietschbunte Farben, wie das “neue Magenta” der FDP. Apropos die Liberalen. Man möchte nicht nur ihnen Kurt Tucholsky wieder als Lektüre empfehlen.

“Dann wird einer kommen, der wird eine gradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdecken. Er wird sagen: Es gibt einen Organismus, Mensch geheißen, und auf den kommt es an. Und ob der glücklich ist, das ist die Frage. Daß der frei ist, das ist das Ziel… Es kommt darauf an, dass der Mensch lebe. Dieser Mann, der so spricht, wird eine große Wirkung hervorrufen. Die Leute werden seiner These zujubeln und werden sagen: »Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das haben wir noch nie gehört!”
(Dies schrieb Kurt Tucholsky bereits 1930.)

Statt mit Feuer und Flamme (Slogan der Bewerbungskampagne für die Olympischen Spiele 2024), Themen und Leidenschaft in den Wahlkampf zu ziehen, versuchen es die Parteien einzig über Aufmerksamkeit. Spätestens am Wahlabend wenn die Wahlbeteiligung wieder gesunken ist, gibt es moralisierende Alibistatements.

Das Mittelmaß, auch als neuer Typus in der Politik, ohne Esprit und Visionen, einzig mit dem Ziel Macht zu erhalten, dominiert. Dabei gäbe es genug Themen über die man gesellschaftlich diskutieren müsste. Doch eingehüllt in einer Wolke aus Lethargie wird das meiste ignoriert. Die Hauptsache ist und bleibt, dass es den meisten gut geht und das man sie in ihrer Ruhe nicht stört. Und die, die sich schon lange nicht mehr mitgenommen oder angesprochen fühlen grenzen sich aus.

Hier eine kleine rein subjektive Auswahl an sog. Slogans der Parteiplakate die mir über den Weg gelaufen sind.
– Hamburg für alle (Piraten)
– Hamburg weiter vorn (SPD)
– Hamburg kann mehr (CDU)
– Hamburg muss handeln (AFD)
– Hamburg gibt die Richtung vor (FDP)
– Mit Grün geht das (Die Grünen)
– Mehr Menschlichkeit. Das muss drin sein (Die Linke)

Zusammen gefasst könnte man auch sagen: Hamburg ist für alle da. Wo Hamburg ist, ist weiter vorn obwohl man mehr könnte. Denn Hamburg gibt die Richtung vor. Mit Grün und aktiven Handeln und Menschlichkeit. Das muss drin sein.
Ergänzend dazu von meiner bescheidenden Seite: Hamburg ist mehr. Hamburg ist Stadt. Hamburg geht vor. Wir sind Hamburg. Hamburg Es geht ums Ganze. Hamburg in guten Händen. Darauf einen Hamburger. Wir machen Hamburg. Hamburg Wir sind dran. Hamburg mag Me(h)er.

Da passt der Karneval gut dazu, wenn auch aus einem traurigen Anlass. In Erinnerung an Jürgen Dietz, dem Mainzer Bundestags-Boten.
“Über alles wächst mal Gras. Ist das Gras so’n Stück gewachsen, frisst’s ein Schaf und sagt: Das war’s.”

Weiterführende Artikel und Links:
– Design-technisch werden die Plakate ausführlich hier unter die Lupe genommen. Die Plakate zur Bürgerschaftswahl 2015 in Hamburg
– Der Spaß darf dabei auch nicht fehlen. Zwei schöne Sammlungen “Wahlplakate from Hell” und kreative Bild- und Plakatspielereien bei “Die besten Wahlwerbeplakat-Bustings”.
– Wissenswertes über die Hamburgische Bürgerschaft und ihre Geschichte in der Wikipedia.

Author: Stefan

Welcome to my personal microcosmos "Freiaum/Free Zone" in the most beautiful city of the world, in Hamburg. Just someone with a camera and a mission to record the extra and the ordinary. My hearts beats among other things for Photography, Culture and Art, Visual Art, Social Media, Communication, Storytelling, Music, Literature, Blog and Text.

16 thoughts on “Bandscheibenvorfall

  1. Lieber Stefan, Du hast Deinem Herzen Luft gemacht. Aber ach, die Luft verpufft. Die allgemeine Lethargie ist schon gewaltig fortgeschritten. LG Hildegard

    • Liebe Hildegard, da hast Du vollkommen Recht. Ich habe es dennoch mit etwas Humor geschrieben. Wenn man eine Veränderung zum besseren möchte, ist man meistens zuerst in einer Minderheit. Doch aus manchen kleinen Funken kann eine große Flamme entstehen.
      Liebe Grüße
      Stefan

  2. Bin schon mal auf den Ausgang gespannt. Wir sind ja keine Wahlberechtigen Hamburger mehr, aber etwas fühle ich mich doch dazu gehörig. Mich stört diese allgemeine Lethargie zur Zeit am meisten, dieses egoistische Denken am eigenen Wohlstand zu kleben und zu glauben, ein Recht darauf zu haben, dass das ewig ohne eigenen Einsatz so bleibt, bzw. es darf natürlich besser werden. Das war jetzt vielleicht etwas hart, aber so empfinde ich oft. Liebe Grüße MArlies

    • Wenn man den aktuellen Umfragen glauben darf, wird es spannend, wenn es die FDP und AFD in die Bürgerschaft schaffen. Dann müsste sich die SPD einen Partner suchen. Leider ist die Wahlbeteiligung bei den letzten vier Wahlen kontinuierlich von 72 auf 58% gesunken.
      Bei vielen herrscht eine Art von Vollkaskomentalität. Mir geht es doch gut. Bitte nicht stören. Was interessieren schon andere…?!
      Es gibt bereits Bezirke in Hamburg wo nur noch 10-20% zur Wahl gehen. Das ist insgesamt eine traurige Entwicklung.
      Nein, das war nicht zu hart. Das ist treffend formuliert.
      Trotz der Politik und dem aktuell grauen Wetter, genieße den Tag und am Sonntagabend wissen wir mehr.
      Liebe Grüße
      Stefan

      • Ja, irgendwie deprimierend, wenn die Möglichkeiten zur Wahl nicht genutzt werden, auch wenn einem die zur Verfügung stehende Auswahl nicht gefällt, oder ausreicht. Aber selber in irgendeiner Form aktiv zu werden, ist zu anstrengend. Da werden wir mal sehen, was in HH geschieht. Liebe Grüße Marlies

      • Das stimmt. Bundesweit ist die Beteiligung in den letzten 20 Jahren um 20-25% (im Osten mehr) gesunken. Vermutlich wird es in absehbarer Zeit auch nicht besser werden, was viele Gründe hat. Aber schauen wir erstmal am Sonntag wie die Wahl ausgehen wird.
        Liebe Grüße
        Stefan

  3. Die Slogans sind zumindest nicht hetzend und das ist in all der Oberflächlichkeit eines Werbeslogans etwas wert! Da ist Wien “leider” anders😦
    Erschreckend finde ich auch die Wahlbeteiligungen! Erschütternd noch mehr, wenn Frauen ihr Wahlrecht nicht in Anspruch nehmen (das will und kann ich nicht verstehen….da fehlt mir wirklich das Veständnis)
    Wünsche euch auf jeden Fall einen positiven Wahlausgang….🙂 !
    liebe Grüße
    Karin

    • Da hast Du vollkommen Recht. Das hat mich auch in Wien gewundert, besonders die Aussagen von den “Blauen”. Wenn man sich in Europa anschaut, dann sind die Nichtwähler vieler Orten die stärkste Fraktion. Insgesamt eine traurige Entwicklung. Bei den Wahlen zum EU-Parlament lag man schon unter 50%. Die Parteien die Ressentiments säen erleben eine neue Blütezeit während die alten Parteien säuerlich betretend den Blick nach unten richten und Besserung geloben. Wobei dabei auch bleibt…leider.
      Hamburg ist die letzte rote Hochburg🙂 Am Sonntag ist die Hauptfrage ob die SPD/SPÖ allein weiter regieren kann und ob die kleinen Parteien die 5% Hürde überspringen werden. Das zumindest bleibt spannend.
      Liebe Grüße
      Stefan

      • Lieber Stefan, wie wahr…wie wahr !
        Dann bin Ich gespannt, wie es bei euch ausgehen wird🙂 !
        lieben Gruß – Karin

      • Es ist immer wieder schade, dass aktuelle Themen im Wahlkampf ausgespart werden, da vielleicht für die Opposition die Regierungsbank ruft.
        Ich bin auch gespannt auf die Wahlbeteiligung und ob die kleinen Parteien über 5% kommen werden. Und natürlich auf die Statements danach😉
        Liebe Elbgrüße
        Stefan

  4. Moin Stefan.
    Mich wundert das bestimmte Themen (von einigen Parteien) nicht mehr in den Fokus gerückt werden. Neben Olympia ist das z.B. der geheime WPP-Deal in Altona. Das kostet wieder Wahlbeteiligung.
    Und neben dem lustigem Wahlplakate Bashing gibt es viel unfreiwillige Komik. Kennst du das Grünen Plakat: Jugend will Rechte? Wer sich sowas ausdenkt, ………. (bitte vervollständigen).
    Gruß Kai

    • Moin Kai,
      ich glaube beim Thema Busbeschleunigung hat der Senat den Widerstand unterschätzt. Die “Roten” neigen gern dazu den Bürgern zu sagen, was gut für sie ist, statt sie zuerst zu fragen oder einzubinden😉
      Das Plakat der Grünen kenne ich nicht. Vermutlich ein Wortspiel das nicht funktioniert. Klar gibt es Themen neben Verkehr, WPP und die Bewerbung für die Olympischen Spiele. Das ist normalerweise Aufgabe der Opposition diese u.a. Themen anzusprechen. Doch die Regierungsbank wartet eventuell.
      Ich bin auf die Wahlbeteiligung gespannte, die kontinuierlich seit den letzten vier Wahlen gesunken ist. Über den Rest ziehen wir im Brechtschen Sinne vorerst den Vorhang zu, denn viele Fragen bleiben offen.
      Herzlichen Gruß
      Stefan

  5. Lieber Stefan,

    mir fiele da noch der gute alte Wahlkmpfslogan
    Plantschi ist prima
    Plantschi ist ne Wucht
    mit Plantschi macht das Baden Spass

    Passt auf jede Partei und auch auf uns Wähler und Nichtwähler. Im Grunde ist die Politikerkaste ja doch bloss ein Zerrspiegel der Gesellschaft. Also immer mal wieder an die eigene Nase fassen.

    Bin auf jedenfalls trotzdem gespant, welcher Politklon das Rennen macht.

    Liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai,
      prima. Wenn den Parteien schon nichts einfällt bis auf die Ausschläge in puncto Ressentiments, würde ich mir mehr Kreativität wünschen als nur Aufmerksamkeit zu erzeugen.
      Apropos Politklon…trifft es gut. Der neue Typus, präsidialer Stil, langweilig, kopierbar macht die Runde. Ich glaube wenn sich die einzelnen Ministerpräsidenten alle halben Jahre mal mit einem Kollegen aus einem anderen Bundesland tauschen würde, die Bürger würden vermutlich keine Veränderung feststellen.
      Entscheidend werden die kleinen Parteien, ob sie in die Bürgerschaft einziehen. Um 18.00 Uhr am Sonntag sind wir schlauer.
      Liebe Grüsse und Dir einen schönen Abend
      Stefan